Der Auftakt war furios. Das ließ sogar die Wiener nicht kalt. Beim kollektiven Fernsehen in einem Innenstadtlokal jaulte das Publikum noch bei der ersten versemmelten Chance der Portugiesen enttäuscht auf, nach 45 Minuten war es sehr still, beim 4 : 0 war die Stimmung gekippt. Wenn schon nicht die Herzen, so doch zumindest den Respekt der Piefke-Hasser hatten die Deutschen erobert.

Siebenmal schon hat die deutsche Fußballnationalmannschaft in einem WM-Finale gestanden, dreimal hat sie den Titel geholt. Bis jetzt. Da muss man als Fan schon demütigen Gemütes sein, um mit seinen Erwartungen auf dem Boden zu bleiben. Ohne einen weiteren Titel braucht Jogi Löw gar nicht nach Hause zu kommen. Das bekam auch Berti Vogts zu spüren, als er 1990 das Team als Trainer übernahm. Beckenbauer hatte soeben die WM gewonnen. Diese Mannschaft, orakelte der Kaiser, werde auf Jahre hinaus unschlagbar sein. Vogts’ Turnierpremiere zwei Jahre darauf bei der EM in Schweden geriet um ein Haar zum Desaster, sein Team schaffte gegen die GUS nur ein glückliches 1 : 1 durch einen Freistoß in der 90. Minute. Sichtlich angespannt trat Vogts nach dem Spiel vor die Kameras und gab zu bedenken: Man habe immerhin gegen die ehemalige Sowjetunion gespielt – und nicht gegen Österreich! Zufall? Bei der vergangenen Weltmeisterschaft kommentiert Jogi Löw ein wichtiges Erstrundenspiel so: "Es ist natürlich ein Unterschied, ob man gegen Österreich spielt – bei allem Respekt – oder gegen Ghana."

Bei allem Respekt? Da ist er wieder, der ewig präpotente Piefke! Dass solche Äußerungen in Österreich Gefühle auslösen, die von Kopfschütteln bis Mordlust reichen, dürfte auf der Hand liegen. Aber auch ein deutscher Fußballfan, der seit über zwei Jahrzehnten in Wien lebt, hält bei solchen Sprüchen die Luft an. Die Emotionen, die hinter ihnen stehen, stammen aus Regionen kindlicher Prägung und reichen mitten in das Reibungszentrum einer ganz besonderen Migration.

Darum zunächst eine persönliche Erinnerung: Wer im katholischen Mief der tiefsten rheinischen Provinz aufgewachsen ist, für den war der Fußball neben dem Karneval so ziemlich das Einzige, das Aufregung versprach. Frühe Glanzpunkte in dieser Erinnerung waren die Titelgewinne bei der EM 1972 und der WM 1974, es war das legendäre Team um Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Gerd Müller. Mein Kaff stand Kopf. Seitdem bin ich ein bekennender Fan des deutschen Nationalteams.

Dieser Leidenschaft fröne ich nun schon seit über zwei Jahrzehnten unter Österreichern. Da hat man ausgiebig Gelegenheit, die sagenhafte Weite der österreichischen Seele kennenzulernen. War sie nicht immer schon offen für alle Völker dieser Erde, solange sie nur gegen den Richtigen spielen? Darum lebt in jedem Deutschen, der in Österreich lebt – so er denn den Fußball liebt und kein Heuchler ist –, ein gehässiges Teufelchen, das sich bei Vogts’ und Löws Bosheiten insgeheim die Hände reibt. Gewiss, edel ist so etwas nicht, aber Fußball ist emotionaler Ausnahmezustand, und Österreich ist wohl der letzte Ort, an dem sich ein Deutscher von dieser infantilen Form des Patriotismus kurieren ließe.

Schließlich wird einem hier einiges geboten, nichts versüßt die Lust am Erfolg mehr als die Missgunst der anderen. Sonst eher darauf bedacht, das Klischee des überheblichen Teutonen nicht auch noch zu bestätigen, darf man nun endlich einmal so richtig vorbehalt- und hemmungslos deutsch sein. Und keiner darf es einem verübeln. Ist doch alles nur Spiel, oder etwa nicht? So mancher Deutsche entdeckt ja erst in Österreich patriotische Anwandlungen in sich, die er nicht für möglich gehalten hätte.

Doch wehe, man ist in rot-weiß-roter Gesellschaft, wenn die deutsche Mannschaft verliert. Dann kann einem das Leben schon mal Demut lehren. Mir ist so etwas just in meinem allerersten Spiel passiert, das ich gemeinsam mit meinen neuen österreichischen Freunden angeschaut habe. 1986 feierte Österreich die Wiedereröffnung des Happel-Stadions mit einem Freundschaftsspiel gegen Deutschland. Das Match ist mir aus vielerlei Gründen in peinigender Erinnerung. Nicht zuletzt wegen meines Kommentars vor dem Spiel. Ach, hätte ich doch wenigstens gesagt: "Macht euch nichts daraus, selbst wir kriegen ab und zu eins auf die Mütze." Aber es war wohl eher etwas Halbironisches wie: "Ist ja keine Schande, gegen einen Vizeweltmeiser zu verlieren." Toni Polster verwandelte zwei Elfmeter, Lothar Matthäus sah die rote Karte, am Ende stand es 4 : 1 für Österreich. Und dann sprach Teamchef Beckenbauer die wahrhaft kaiserlichen Worte: "Der Schiedsrichter ist ein Stinker ohne Verstand."

Die teutonische Trias aus Kondition, Kraft und Karacho ist nicht mehr alles

Es war übrigens bis heute der letzte österreichische Sieg gegen Deutschland. Und das, obwohl vor jeder solcher Begegnungen tagelang das berühmte Zauberwort durch die Medien geistert: Córdoba! Ein famoser Erfolg war das damals bei der WM 1978, kein Zweifel, hat man doch den amtierenden Weltmeister aus dem Turnier gefegt. Doch Córdoba ist schon ein merkwürdiger Mythos, denn der Sieg hat das österreichische Team nicht einmal eine Runde weitergebracht. Im Grunde ist es zelebrierte Gehässigkeit: "Heimfahren könnt ihr, genau wie wir!"

Es war einer der schwärzesten Tage meiner Fankarriere

Es gibt übrigens auch diese Erklärung, warum einem das österreichische Team spontan als Paradebeispiel für eine nicht ganz so erstklassige Mannschaft einfällt. Andere kleine Länder wie Griechenland oder Dänemark haben in einer Sternstunde die Europameisterschaft gewonnen, Österreich hat noch nie auch nur die Qualifikation für dieses Turnier geschafft. Mit der Qualität der Spieler ist das nicht zu erklären, da ist Psychologie im Spiel. 2007 stand beim Tag des Sports in Wien ein drei Meter großes Faksimile einer Titelseite der Kronen Zeitung, die am Tag eins nach Córdoba erschienen war, auf dem Heldenplatz. 3 : 2 – der größte Sieg aller Zeiten war da zu lesen. Mit solchen Mythen holt man keine Titel, die Fixierung auf den großen Bruder lässt den kleinen nur klein bleiben.

Die offene Missgunst ist immer noch erträglicher als das Mäntelchen, mit dem solche Gefühle bisweilen drapiert werden. Man müsse schon allein deswegen gegen die Deutschen sein, heißt es oft, weil die ihre Erfolge stets einem öden Brechstangenfußball verdankten. Vermag sich jemand auszumalen, was hier ausbrechen würde, sollte das österreichische Team einmal, wenn auch unverdient, ein Finale erreichen? Kritik am Spielstil?

Aber selbst der parteiischste Fan muss zugeben, dass sich so manch deutscher Erfolg der teutonischen Trias aus Kondition, Kampfkraft und Karacho verdankte. Doch dann kam das deutsche Sommermärchen von 2006 im eigenen Land, und man traute seinen Augen nicht. Was sagte Trainer Klinsmann zum jungen David Odonkor, als er ihn beim Spiel gegen Polen in der heiklen Schlussphase einwechselte? Nicht "Gib alles!" oder "Hau rein!", sondern: "Hab Spaß!" So wirkte auch der Fußball, den dieses junge Team bot – lebendig, kreativ, spanisch.

Am schwärzesten Tag der Fankarriere jubeln die Studenten am Nebentisch

Das Viertelfinale dieser WM, in dem Deutschland gegen Argentinien antrat, habe ich in einem Wiener Kaffeehaus verfolgt, nicht in Simmering oder Favoriten, sondern in der bürgerlichen Josefstadt. Die Besucher sind deutsch-österreichisch gemischt. Beim Erklingen der deutschen Hymne tritt ein Mann vor den Fernseher. Er reckt den ausgestreckten Mittelfinger gegen den Bildschirm und schreit: "Ich scheiß auf euch Piefke!" Die anderen Gäste schauen betreten drein, auch die Österreicher. Deutschland gewinnt das hochklassige Spiel im Elfmeterschießen. Nach dem Siegestreffer beugt sich ein Wiener vom Nebentisch zu mir herüber und sagt, halb hinter vorgehaltener Hand: "Ihr habt’s es eh verdient."

Erlebnisse wie diese haben den schwäbischen PR-Mann und Wahlwiener Jockel Weichert dazu veranlasst, die Piefke Connection zu gründen (ZEIT Nr. 6/12). Ursprünglich nur dazu gedacht, um bei Fußballübertragungen ungestört öffentlich jubeln zu können, hat sich die Gruppe mit über 2.000 Mitgliedern inzwischen zu einem Karrierenetzwerk für Deutsche in Österreich gemausert.

Das Halbfinale gegen Italien sah ich in einem Jazz-Beisl der Wiener Vorstadt. Es war eine hart umkämpfte, ausgeglichene Partie. Zumindest bis zur 119. und 120. Minute: 2 : 0 für Italien. Ende des Sommermärchens, aus der Traum. Es war einer der schwärzesten Tage meiner Fankarriere. Und just in einem solchen Moment, in dem man am liebsten allein auf der Welt wäre, brach am Nebentisch hemmungsloser Jubel aus. Ich blickte hinüber und sah eine Gruppe junger Männer, wahrscheinlich Studenten. Ich erinnere mich noch, wie ich zu einem Freund gesagt habe: "Kein Wunder, dass es in diesem Land keine echte 68er-Revolte gegeben hat, die Väter dieser Jungs sind sicher stolz auf ihre braven Buben."

Sind diese jungen Männer überhaupt noch repräsentativ? Eine groß angelegte Umfrage des Forschungsprojekts "Football Research in an Enlarged Europe" ergab, dass 25 Prozent der Österreicher glauben, Deutschland hole bei dieser WM den Titel. 19 Prozent wünschen Löws Mannschaft sogar explizit den Erfolg, mehr als jedem anderen Team. Es hat sich spürbar etwas verändert in diesem Land. Österreichische Kids tragen T-Shirts mit dem Konterfei von Bastian Schweinsteiger und sagen nach dem Match "Tschüss". Córdoba wandert gerade in die Klamottenkiste. Dort gehört es auch hin.

Das Beste, was Klinsmann für diese Entspannung mit seinem Sommermärchen von 2006 tun konnte, war, diese WM gerade nicht zu gewinnen, sondern als tragischer Weltmeister der Herzen in Schönheit zu scheitern. Die Österreicher lieben so etwas. Aber jetzt ist es wieder an der Zeit. Denn wenn sich sogar schon die Österreicher einen Weltmeister Deutschland wünschen, dann sollte man sie nicht enttäuschen.