"Wenn das mal gut geht auf Dauer", sagte die Mutter, als ihr Sohn sich die Kaiserkrone aufsetzte und in den Krieg zog. Selbstverständlich ging es nicht gut, denn Napoléon Bonaparte – bei Sloterdijk ist er vor allem ein schrecklicher Ehrgeizling der Moderne – hinterließ am Ende ein friedloses, wirres Europa, das im Grunde nie wieder zur Ordnung zurückfand und einige Generationen später sogar noch das Schicksal des Autors dieses Buches prägte, dessen Eltern sich in den Wirren des letzten Krieges nur flüchtig fanden und der seine Vaterlosigkeit später beklagte, sodann auf die Suche nach politischen und spirituellen Ersatzvätern ging, bevor er sich ganz dem Projekt der geistigen Erwachsenwerdung verschrieb.

Dieser große Essay gehört zu den Hauptwerken Peter Sloterdijks. Er ist die Summe einer intensiven Gefühlsbeziehung zu Jetztzeit und Geschichte, das Produkt einer äußersten Konzentration, man könnte auch sagen einer filmischen Klarheit kurz vor dem Ausbruch der Panikattacke. Denn es geht dem Autor so schlecht wie der Epoche. Er schreibt eine Katastrophengeschichte der Moderne, nicht als brav entfaltete Historik und vor allem nicht aus ihrem selbst begründenden Horizont heraus, sondern er macht kulturgeschichtliche Fänge am Rand. Mithilfe eines sehr breiten Schleppnetztes von Methoden und Fragen betreibt er eine Suche nach Motiven, Mustern und Grundkräften.

Sloterdijk streicht durch Kultur und Zeit – und findet. Er ist auf seine Weise auch ein Handkescher Pilzsucher, leider einer voller Unrast. Wer die lächerlichen Gewissheitsversprechen der Theorie hinter sich gelassen hat, muss erzählen: "Erzählen heißt, so zu tun, als wäre man am Anfang dabei gewesen." Sloterdijk ist ein aufgeweckter Causeur, wenngleich er auch hier gelegentlich Opfer seines exquisiten Satzbaus und seiner überbrillanten Metaphern wird. Und natürlich war er nicht dabei. Es existiert gar keine ursprüngliche Zeitzeugenschaft. Das Literarische, das Paradoxe und Simulierte dieses schriftstellerischen Unternehmens ist Programm. In vielen Masken erscheint dieser Autor auf fast 500 Seiten, aber jene des heils- oder des vernunftgewissen Schulengründers ist nicht darunter.

Kein Epos, keine Meistererzählung mithin, vielmehr ein moderner, fragmentarischer Ideenroman: So sind literarische Zeugnisse und Anekdoten Sloterdijks bevorzugtes Material, Bonmots, historische Szenen, neuralgische Momente der Weltgeschichte. Ein Psychoanalytiker der Epoche lauscht auf deren Geplapper. Und er notiert, sobald darin Wahrheiten aufblitzen. Nicht ihr Selbstverständnis interessiert ihn, sondern die unbewusste Dynamik, nicht ihr fester Grund, sondern ihr heilloses Zerfransen und Verfließen, genauer: die Mechanik der Diskontinuität, die eklatante Unfähigkeit der Modernen, sich als Gründende und Beständige zu reproduzieren. Das macht Sloterdijk Angst. Sein Grundgefühl: Der Ursprung ist schwach, zu schwach. Der moderne Westen muss ohne arché auskommen, ohne die antike Vorstellung vom Urprinzip alles Seienden: Nichts trägt und leitet ihn – und seine Bewohner wollen es so. Man kann nicht nicht sündigen, wie Augustinus meinte.

"Wo immer das Interesse an Enterbung und Neubeginn aufflammt", heißt es, "stehen wir auf dem Boden der authentischen Moderne." So bleibt das M-Wort keine historische Kategorie, sondern wird zu einer anthropologischen – es ist ein Existenzial. Moderne ist ein universelles Geschehen, das die Menschen rettungslos in eine posthumane Zukunft zieht. Wie das? Sloterdijk bedient sich eines aus der Familiensoziologie geläufigen Begriffs, der soziale Identität aus Abstammungsverhältnissen erklären will: "Filiation". Er versteht darunter "die förmliche Übergabe eines Bestandes an Vermögens- und Statuswerten an gezeugte und adoptierte Nachfolger".

Die Filiation ist der Reproduktionsmechanismus der Kulturen, und das Moderne ist der Habitus des verweigerten oder ausgeschlagenen Erbes, der Verachtung des Vorbilds, des mutwilligen und voraussetzungslosen Anfangens, des Sturzes in die Zeit, die dann Geschichte heißt, der Statusaufgabe und der Bastardisierungen, des Erfindens und des Kreativen, der autonomen Künste und der freigelassenen Sexualität, kurz: der Freiheit, auf die sich der moderne Westen so viel einbildet. Es ist eine teils gefeierte, teils mutlos eingedämmte soziale Entropie, die sich in Gleichheitswahn und Emanzipationsprojekten, in technologischen Wahn und suizidalen Finanzkapitalismus verläppert, in die Arena von Nietzsches unedlen "letzten Menschen".

Die Madame de Pompadour wird dazu vernommen, Nikolai Tschernyschewskis epochemachender Roman Was tun? gelesen, den wenig später der Berufsrevolutionär Lenin zitiert, Alexander der Große wird ausgedeutet, Jesus und seine Apostel, der heilige Franziskus, die Borgias treten auf, Cola di Rienzi und der Marquis de Sade, Max Stirner, Emerson, Deleuze und Guattari. Die schreckliche Typologie der Modernen umfasst Mystiker, Protestanten, Unternehmer und Arbeiter, Imperialisten, Entdecker und Künstler, natürlich auch den Intellektuellen und den Manager. Sie alle arbeiten mit ameisenhaftem Fleiß an der Herstellung "evolutionärer Asymmetrien". Denn, so lautet Sloterdijks zivilisationsdynamischer Hauptsatz: "Im Weltprozess nach dem Hiatus werden ständig mehr Energien freigesetzt, als unter Formen überlieferungsfähiger Zivilisierung gebunden werden können."

In Sachen Finanzen verliert der Philosoph die Nerven

Bei Sloterdijk löst das Unbehagen und Ekel aus. Dass er diese Affekte beim Schreiben nicht verbirgt, signalisiert, dass es ihm ernst ist. Die derzeit beliebtesten Theorien und die in der Öffentlichkeit am meisten konsensfähigen Habitus-Moden erhalten beherzte Tritte, ob das der Staatsfeminismus der Quotenregelung ist oder der akademische Postkolonialismus. Die kritische Theorie samt Nachklapp ist ihm keine Gegnerin mehr. Sie ist in die Nische gewandert, andere paranoide Phantasmen, andere philosophisch-politische Anspruchslehren besetzen den Zeitgeist. In Sachen Finanzen verliert der Philosoph allerdings die Nerven. Das virtuelle Geld und die postmoderne Schuldenwirtschaft – dergleichen ist für ihn die bereits eingetretene Katastrophe, das Armageddon staatlicher Kreditnehmer. Und ausgerechnet er, der so virtuos beschreibt, wie die verpflichtende Kraft in menschlichen Beziehungen in der Zeit vergeht, glaubt noch treuherzig an das feste Band zwischen Gläubiger und Schuldner, als gäbe es da noch ein gemeinsames Schicksal.

Das Geld und das Erbe sind Komplexe, die Sloterdijk von der nivellierenden Dynamik ausnimmt. Wieso eigentlich? Das moderne Geld taugt gar nicht als Beispiel für die Tragik des finalen Kataklysmus, dazu hat es nach 2008 sich als zu zäh erwiesen. Hier ist Sloterdijks Beschreibung nicht dicht, sondern nur hysterisch. Und dass die Filiation als solche erstrebenswert, die selbst erhaltende, identische Kopie gut sein soll, ist nur plausibel, wenn man an sie als höchste Norm eines evolutionstheoretisch ausgemergelten Naturrechts glaubt. Schon die Buddhisten sehen das ganz anders.

Man kann weitere Einwände machen: Das Universal des missglückenden Erbes ist eine Geschichte der männlichen Genealogie. Vermutlich sähe die Sache komplexer aus, würde man den intrikaten kulturellen Impulsen der weiblichen Filiationen nachforschen. Und ist die westliche Moderne wirklich das Ganze der Welt? Asiatische Gesellschaften verfahren in ihrer Reproduktion geschickter. Doch produziert das konfuzianische Konzept der Sohnestreue gegenwärtig nicht auch eigene Höllen und Konflikte? Vielleicht ist die Freiheit, die aus dem Lösen von Bindungen entsteht, am Ende doch so übel nicht. Ein vergleichender Rahmen fehlt in diesem Buch, sodass es streckenweise monomanisch wirkt und allzu sehr geprägt von den Idiosynkrasien seines Autors.

In einem jedoch erweist der sich als klug: Sloterdijk erlaubt sich keine billigen Konservatismen, wo sollte denn auch eine kulturelle Konfiguration lauern, die nicht neuzeitlich korrumpiert wäre? Seine die eigene Modernität aufnehmende Denkbewegung flüchtet sich nicht in vermeintlich verlässliche Semantiken, ob sie sich Religion oder Vernunft oder sonst wie nennen. Sloterdijk will selbstverständlich das schrecklichste aller schrecklichen Kinder sein. Oft ist seine naturwissenschaftliche Metaphorik anstrengend, sie bleibt aber als analytische Camouflage durchschaubar. Was er damit erreicht, ist ein schwebender, möglicherweise imaginärer Ort des wahren Sprechens, der unwahrscheinliche Ort, von dem aus heute noch eine Kulturkritik zu üben möglich ist, eine Kulturkritik, die über ihre eigenen tragikomischen Effekte Bescheid weiß.