Künstlerische Reife scheint ein vom Lebensalter derart unabhängiges Phänomen zu sein, dass man darüber ins Grübeln kommen kann. Lise de la Salle machte ihrer Klavierlehrerin schon mit vier Jahren klar, wo sie hinwollte, trat mit neun das erste Mal öffentlich auf und brachte mit vierzehn ihre erste CD heraus. Inzwischen ist die französische Pianistin 26 – und kann es sich erlauben, auf ihre eigene musikalische Kindheit zurückzublicken, ohne in den Verdacht peinlicher Koketterie zu geraten. Zur Musik von Robert Schumann, so erklärt sie im Booklet ihrer siebten CD, habe sie zwar schon zu Grundschulzeiten eine enge Seelenverwandtschaft empfunden, aber lange gezögert, sie "ernsthaft" zu spielen.

Mit Wunderkind-Klischees war Lise de la Salle noch nie zu greifen, auch passt sie nicht – obwohl blond und fotogen – ins Bild der gängigen Vermarktungsstrategien. Ihr Schumann braucht keine Videoclips mit Wölfen, um die Abgründigkeit, die kaleidoskopischen Charakterwechsel, die eusebische Zartheit und das florestanische Ungestüm etwa der C-Dur-Fantasie zu illustrieren. Lise de la Salle durchstreift die weitverzweigte Ausdruckslandschaft des ersten Satzes mit der expressiven Spontaneität ersten Entdeckens und bahnt sich doch noch im dichtesten Notengeflecht den Weg zum großen Bogen der visionär-sinfonischen Form.

Die Abegg-Variationen, Schumanns überschwänglich-virtuoses Opus 1, rückt de la Salle bereits in die Nähe der späteren Klavierzyklen. In der bizarren Fantastik, die sie dem auch technisch hochanspruchsvollen Wurf verleiht, meint man bereits die Metamorphosen der Papillons oder die Maskeraden des Carnaval zu ahnen. Stets ist es die Imagination, ein Sich-Überschlagen der Launen und Stimmungen, an dem sich das Feuerwerk der Läufe und Figurationen entfacht: glitzernd, irrlichternd und absolut makellos.

Welche Bandbreite an dynamischen Abstufungen und klangfarblichen Nuancen de la Salle zu Gebote stehen, kann man auch an den Kinderszenen bewundern, deren Charakterstücke man selten so frei im Ausdruck und zugleich so eindringlich "sprechend" zu hören bekommt. Ein beinahe totgespieltes Stück wie die Träumerei erfindet de la Salle in einem völlig unsentimentalen Ton geradezu neu. Der Ritter vom Steckenpferd galoppiert mit halsbrecherischer Mutwilligkeit vorbei; das zehnte Stück, Fast zu ernst, gestaltet ein musikalisches Weinen, wie es so gelöst und so ehrlich nur aus Kinderherzen kommen kann. Und wem es wie Lise de la Salle gelingt, im letzten Stück, Der Dichter spricht, die musikalische Zeit in einem ins Extrem gedehnten Tempo ohne jeden Spannungsverlust zu füllen und zu einem abgründigen Monolog zu formen, der muss schon wirklich etwas zu sagen haben.

Robert Schumann: Kinderszenen, Abegg-Variationen, Fantasie in C-Dur (Naive)