Ein Pornofilm wird gedreht. © Getty Images

Also mein Kind guckt so was nicht. Pornos, bitte! Die sind doch noch viel zu jung, oder? Die meisten Eltern wollen lieber gar nicht genauer wissen, welche Begleiterscheinungen die Geschlechtsreife ihrer Kinder so mit sich bringt, schon gar nicht, wenn eine davon Pornografie heißt. Doch spätestens seit in diesem Jahr ein Nacktvideo einer Hamburger Schülerin im Netz landete und Abifeiern unter dem Motto "Porno" stattfinden, sind Eltern und Schulen in Aufregung.

Zahlreiche Studien belegen, dass die große Mehrheit der 11- bis 18-Jährigen schon Kontakt mit pornografischen Inhalten im Netz hatte, gewollt oder ungewollt. Noch nie war es für Kinder und Jugendliche so einfach, an pornografisches Material zu kommen, und noch nie war dieses so explizit und vielfältig. Der Grund: das Internet, natürlich, einige sprechen bereits von der "Generation Porno".

Die Frage lautet also nicht längst nicht mehr, ob unsere Kinder Pornos schauen. Sondern: Schadet Pornografie ihnen?

Nur, wer kann das eigentlich beantworten? Seit Jahren streitet die Wissenschaft um die Deutungshoheit in Sachen Porno. Die einen betonen die Selbstbestimmung der Jugendlichen und finden die Filme harmlos. Die anderen beharren darauf, dass Pornos schaden und Eltern eingreifen sollen.

Es ist, grob gesagt, ein Kampf zwischen Mahnern und Entwarnern. Und: Er wird hier in Hamburg entschieden.

Die Hansestadt spielt in der deutschen Sexualwissenschaft eine wichtige, wenn nicht die entscheidende Rolle: Kaum ein Forschungsstandort beeinflusst die öffentliche Debatte um das Für und Wider von Pornografie so sehr wie Hamburger Wissenschaftler und ihr Netzwerk.

An dessen Anfang stand der Sexualforscher Hans Giese. Bereits kurz nach dem Krieg gründete er das Institut für Sexualforschung in Kronberg im Taunus. 1958 kam er nach Hamburg, wurde Professor, führte das Hamburger Institut für Sexualforschung, das heute Teil des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ist. Derzeit gibt es in ganz Deutschland keinen weiteren Lehrstuhl dieser Art.

Schon deshalb hat die Hamburger Forschung Gewicht. In anderen Städten existieren lediglich Lehrstühle für Sexualmedizin oder Sexualpädagogik. Es gibt einige Forschungsverbünde und -gesellschaften – mit wenig Geld.

Die Hamburger Wissenschaftler hingegen schaffen es, Gelder für ihre Projekte einzuwerben und ihre Forschung prominent in den Medien zu platzieren. Mit dem UKE haben sie eine renommierte Uniklinik im Hintergrund und sind bestens vernetzt. Schließlich hat Giese einige prominente Schüler seiner Lehre hervorgebracht. Darunter den inzwischen verstorbenen Sexualforscher Eberhard Schorsch, ehemals Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) und Mitbegründer der Zeitschrift für Sexualforschung. Oder Volkmar Sigusch, den viele als einen der weltweit wichtigsten Sexualforscher bezeichnen.

Wissenschaftler aus Hamburg wie etwa Gunter Schmidt schreiben Beiträge für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und stellen ihr wissenschaftliches Material zur Verfügung. Auch findet sich ihre Haltung derzeit oft in den Medien wieder. Im April sprach die UKE-Sexualforscherin und ProFamilia-Mitarbeiterin Silja Matthiesen in einer Spiegel-Titelgeschichte, davon, dass sich die meisten Jugendlichen in Deutschland problemlos eine reflektierte "Pornografie-Kompetenz" erarbeitet hätten. Hört doch mal auf mit dieser Hysterie, lautet also die Devise.

Doch diese Macht der Hanseaten passt nicht allen in der Szene, weniger noch, da die meisten ihrer Forscher – ganz in der Tradition des 68ers Giese – eine eher liberale Meinung zum Thema Jugend und Pornografie vertreten. "Man könnte fast von einer Art Hamburger Schule sprechen, einem Meinungsmonopol, das den Pornografie-Diskurs bestimmt und weiterführende oder entgegengesetzte Thesen kaum zulässt", sagt Jakob Pastötter. Den Begriff Meinungskartell will er nicht in den Mund nehmen, auch wenn er in der Szene der Pornokritiker oft gebraucht wird. Die Hamburger sagen dazu lieber gar nichts.