Endlich soll Schluss sein mit der Ausbeutung der Generation Praktikum! Damit, dass gut ausgebildete junge Leute von einer Hospitanz zur nächsten wandern und womöglich Monate nach dem Abschluss ihres Studiums die Aufgaben von Angestellten für lau übernehmen. Durch den geplanten Mindestlohn von 8,50 Euro sollen die darbenden Praktikanten endlich so gut bezahlt werden, dass sie davon leben können. Oder auch: so teuer werden, dass es sich nicht mehr rentiert, sie auszunutzen.

Warum schreien dann nicht alle juhu? Warum ist der Beifall der Praktikanten zu diesem Beschluss derart verhalten? Warum haben manche sogar Angst, dass sich ihre Chancen verschlechtern? Die Antwort darauf ist simpel: weil längst nicht alle dem Klischee vom prekären Ersatzmitarbeiter entsprechen. Bevor man die Betriebe verdonnert, mit der Gießkanne Geld zu verteilen, sollte man erst einmal danach fragen, was Praktikanten ihnen bringen.

Dass die "Generation Praktikum" als solche gar nicht existiert, müsste sich inzwischen herumgesprochen haben. Nur knapp 20 Prozent der Hochschulabsolventen machen nach ihrem Abschluss noch eine Hospitanz, zeigt eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Anders als oft angenommen, steckt der typische Praktikant also mitten in der Ausbildung. Er hat gerade die Schule beendet und schnuppert in ein Unternehmen hinein, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob ihm sein Traumberuf überhaupt liegt. Oder er hat sich während des Studiums ein Semester Auszeit genommen, um praktische Erfahrung zu sammeln.

Solche Praktikanten können den Unternehmen helfen, aber sie können noch nicht die volle Verantwortung eines Mitarbeiters übernehmen. Dafür kosten sie einiges – nämlich Zeit und Geduld der Festangestellten. Sie müssen eingewiesen werden, sie brauchen zusätzliche Anleitung, jemand muss ihre Ergebnisse prüfen. Sind sie damit tatsächlich so viel wert wie eine erfahrene Friseurin oder ein langjähriger Forstarbeiter, für die der Mindestlohn erdacht wurde?

Manche mögen das vielleicht sein – diejenigen, die nicht mehr das erste, sondern das dritte Praktikum machen. Manche Unternehmen können das auch bezahlen – diejenigen mit hohem Umsatz und entsprechend hohen Gehältern. Aber was ist mit den Praktikanten, die eben erst angefangen haben? Sollen die künftig aussortiert werden, weil sie noch zu wenig nützen? Und was ist mit den Firmen, deren Einstiegsgehälter unter 2.000 Euro monatlich liegen? Sollen die bald Erstsemestler so gut wie Mitarbeiter entlohnen?

Zwar sind Ausnahmen von der Regel vorgesehen. So fällt ein Pflichtpraktikum im Rahmen des Studiums nicht unter das Mindestlohngesetz. Doch nicht alle Studiengänge integrieren Praktika. Zudem wird oft nur eins eingeplant. Erfahrung sammeln Studenten jedoch erst auf verschiedenen Stationen. Auch wer lediglich sechs Wochen in einem Betrieb verbringt, soll noch keinen Mindestlohn erhalten – ein mögliches Schlupfloch für Unternehmen, die nicht zahlen können oder wollen. Den Praktikanten wäre damit jedoch nicht geholfen: Sechs Wochen sind für Anfänger zu kurz, um sich aus der Deckung zu wagen – oder einen Betrieb nicht nur durch die rosa Brille wahrzunehmen.

Praktikanten müssen von etwas leben. Sie müssen ihr Mittagessen und ihre Miete bezahlen können. Zusätzlich zur 40-Stunden-Woche einen Nebenjob anzunehmen ist ihnen nicht zuzumuten. Gleichzeitig sind sie es als Studenten noch gewohnt, mit weniger Geld auszukommen. Und sie müssen meist keine Familie ernähren wie andere, für die der Mindestlohn gilt.

Derzeit bekommen 40 Prozent der Praktikanten der Hans-Böckler-Stiftung zufolge überhaupt nichts für ihre Arbeit. Geholfen wäre ihnen mit einem eigenen Mindestlohn, der nur für Praktikanten gilt, und zwar ausnahmslos für alle. Der aktuelle Bafög-Höchstsatz von derzeit 597 Euro monatlich wäre ein sinnvoller Anhaltspunkt. Diese Summe dürfte den Unternehmen weniger Probleme bereiten als die derzeit gesetzlich geplante. Auch kleineren Firmen und Agenturen in Branchen mit geringerem Umsatz sollte sie zuzumuten sein.

Um die Ausbeutung zu beenden, sollte dort angesetzt werden, wo Praktikanten ausgenutzt werden: wo sie mehr als drei Monate bleiben und sich dadurch so gut qualifizieren, dass sie tatsächlich Festangestellte ersetzen. Wo sie nach Abschluss ihres Studiums für einen Hungerlohn gehalten werden, weil ihr Arbeitgeber dadurch sparen will.

Diese sogenannten Praktikanten dürften eigentlich keine mehr sein. Der Mindestlohn von 8,50 Euro sollte daher nach drei Monaten gelten. Reguläre Praktikanten würde er damit nicht behindern. Diejenigen, die derzeit ausgebeutet werden, verschwänden hingegen von ganz allein.