Für die einen ist er ein Wahrzeichen Hamburgs. Für die anderen ein Schmierfink. Seit mehr als 20 Jahren polarisiert der Straßenkünstler OZ die öffentliche Meinung in Hamburg. Seine Graffiti sind aus dem Bild der Stadt nicht wegzudenken, noch an den entlegensten Orten sind sie aufzufinden. An Kaimauern und Unterführungen, an Verteilerkästen und Ruinen längs der Bahnstrecken. Oft nur die Signatur "OZ", oft aber auch komplexe, vielfarbige Gemälde.

OZ einen Straßenkünstler zu nennen ist bereits ein Statement. Denn Künstler und ihre Kunst stehen unter dem Schutz des Grundgesetzes, das ihre Freiheit garantiert. OZ aber wurde jahrelang nicht beschützt, sondern verfolgt. Acht Jahre verbrachte der heute 64-Jährige hinter Gittern. Wegen Sachbeschädigung. Polizeibeamte und Wachleute schlugen ihn zusammen, erst kürzlich musste er in die Reha, um die Folgen eines neuen Prügelüberfalls halbwegs zu korrigieren. Und hinterließ auch im Kurort seine frei gezeichneten Spiralen. Unermüdlich ist er. "Für jeden ermordeten Juden ein Kringel" – das ist sein Ziel.

"Free OZ!" So lautete der Schlachtruf, als OZ im Jahr 2011 wieder einmal angeklagt wurde. Free OZ! ist auch das Buch betitelt, das diesem Street-Art-Künstler gewidmet ist. 120.000 tags soll er in sechs Jahren gesprüht haben, schätzte man 1998. "Richter Gnadenlos" Schill proklamierte daraufhin "lebenslänglich", Morgenpost und Bild hetzten gegen den "Irren, über den ganz Hamburg empört ist". Inzwischen bewundert die Mopo ihn als "Graffiti-Star". Und junge Künstler beneiden seine Haltung. Denn OZ hat sich nie den Verlockungen des Kommerzes ergeben. Selbst die Erlöse der Galerieausstellungen, für die er ausnahmsweise sogar Leinwände bemalt hat, wurden ausschließlich für seine Anwaltskosten und Geldstrafen verwendet.

OZ will Freiheit und Schönheit. Und das kann man, dank der Fotografien von Theo Bruns, in diesem Buch staunend nachvollziehen: lächelnde Sicherungskästen, grinsende Betonklötze, farbige Deko-Bänder an Schallwänden. Unsere Stadt kann schöner werden, das sieht man. Aber das heißt auch: Rückeroberung der öffentlichen Räume und Schauflächen.

Freiheit und Schönheit hat OZ wenig kennengelernt: 1950 in Heidelberg unehelich geboren, Jugend im Waisenhaus. In Stuttgart, während der Prozesse gegen die RAF, entdeckt er die Sprühdose als Ausdrucksmittel. Und tut seitdem, so argumentieren Kunsthistoriker, Anwälte und Street-Art-Künstler in bedenkenswerten Texten in diesem Buch, was der Mensch tat, noch bevor er die Schrift erfand: Er kritzelte an Wände. Dieses Urmenschenrecht auf den sozialen Raum reklamiert OZ jeden Tag mit jedem tag. Das ist es, was ihn für uns urbane Zeitgenossen so wichtig macht. Ein störrischer Mann stellt die Frage: Wem gehört die Stadt?

Kein Wunder, dass OZ’ Ansehen stieg, als mit der Besetzung des Gängeviertels auch andere begannen, das Bürgerrecht auf Stadt einzuklagen. "OZ spiegelt den Wahnsinn um uns herum", erklärt Galerist Alex Heimkind. Nach der Lektüre dieses Buches fällt es noch schwerer, OZ’ Anwalt Andreas Beuth zu widersprechen: "Menschen wie OZ gehören nicht ins Gefängnis, sondern mitten in die Stadt."