Interessanter könnten die Zeiten nicht sein, in denen wir leben: Wir erleben nicht nur, wie ein neuer Mensch entsteht, wir wirken an seiner Erzeugung mit.

Die literarische und die geisteswissenschaftliche Intelligenz sieht durch die Aktivitäten der Nachrichtendienste, vor allem der NSA, und der Internetfirmen, insbesondere Google, die Privatsphäre des Einzelnen massiv verletzt. Das unbefugte Eindringen in die Privatsphäre sabotiere die Selbstbestimmung des Einzelnen. Die Auswertung der Daten schaffe die Voraussetzung für den Staat, das Verhalten der Menschen effektiv durch unmittelbaren Zwang zu steuern. In jedem Fall entstehe ein massiver indirekter Zwang zu Konformität: In bewusstem oder unbewusstem vorauseilendem Gehorsam richteten die Einzelnen ihr Verhalten so ein, dass es den Erwartungen der Staaten und Firmen entspricht.

Was zur Privatsphäre zählt und was nicht, ist jedoch in hohem Maß eine Frage des kulturellen Hintergrunds. Das gilt selbst innerhalb des westlichen Kulturkreises. Jeder Deutsche, der Freunde im angelsächsischen Sprachbereich hat, wird sich schon darüber gewundert haben, welche Details über körperliche Befindlichkeiten oder zur Einkommens- und Vermögenslage Erwachsene dort in den Sozialen Netzwerken posten. Ein anderes Beispiel ist das Sexuelle, das je nach Land in ganz unterschiedlichem Maß als Privates angesehen wird.

Die intakte Privatsphäre soll etwas behüten: den kognitiven und emotionalen Kern des Einzelmenschen, das, was ihn von anderen unterscheidet. Was ihn als Einzelmenschen ausmacht. Eine Gesellschaft kann sich nur fortsetzen, wenn die Mitglieder auch unverwechselbare, individuelle Züge aufweisen. Hier greift ausnahmsweise eine strenge Analogie zur Evolutionsbiologie. Es wäre völlig verfehlt, eine Population aus lauter Klonen anzustreben, denn eine solche ist zu anfällig. Ein bestimmtes Umweltereignis oder ein Erreger löscht schnell die gesamte Population aus. Eine Gesellschaft aus lauter gleichgeschalteten Elementen nach dem Muster von Brave New World oder 1984 könnte niemals bestehen. Dies ist der gesellschaftliche Sinn der kulturell gewachsenen und in den Religionen und Gesetzen, die uns prägen, verankerten Achtung vor der Persönlichkeit des Einzelnen. Der Einzelne muss etwas Unverwechselbares haben, das muss sich bilden und entwickeln können. Zu diesem Prozess gehört auch eine gewisse Opakheit, die Anfänge des Individuellen sind oft stümperhaft und wenig anziehend. Die Privatsphäre ist gewissermaßen das greenhouse für die Aufzucht der Persönlichkeit.

Es gibt keine natürliche, überzeitliche Verfassung der Privatsphäre, weil es keinen natürlichen, überzeitlichen kognitiven und emotionalen Kern des Menschen gibt. Persönlichkeit und Charakter des Einzelnen hängen wesentlich von seinen jeweiligen Lebensumständen ab, die entsprechende Variationsbreite ist ungeheuer groß. Robert Musil hat diese Einsicht als das "Theorem der menschlichen Gestaltlosigkeit" bezeichnet: Das "Wesen" der Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen sei ebenso leicht der Menschenfresserei fähig wie der Kritik der reinen Vernunft. "Der Mensch ist nicht komplett und kann es nicht sein. Gallertartig nimmt er alle Formen an, ohne das Gefühl der Zufälligkeit seiner Existenz zu verlieren." Die zeitgenössischen Leser konnten das Theorem nicht kennen, weil Musil den einschlägigen Essay nicht publizierte. Musil entfaltete das Theorem bewusst nicht als Essayist, sondern als Romancier, es bildet eine der wesentlichen Komponenten des poetischen Programms für den Mann ohne Eigenschaften.

Einerseits wird der kognitive und emotionale Kern des Einzelnen von der Gesellschaft produziert, andererseits ist er das Ergebnis von Schicksal und Zufall. Institutionen wie Schulen, Kirche und Militär sowie das Wirtschaftssystem formen bewusst die Persönlichkeit und den Charakter. Genetische Ausstattung, epigenetische Prozesse und Lebenszufälle haben Einfluss, ohne dass dem ein menschlicher Plan zugrunde liegen würde.

Mit dem Aufruf "Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter" wollen über tausend Schriftsteller die gefährdete Privatsphäre des Einzelnen schützen: Sie fordern, jeder Bürger müsse das Recht haben, mitzuentscheiden, in welchem Ausmaß und von wem seine Daten gesammelt, gespeichert und verarbeitet würden. Er solle das Recht haben, zu erfahren, wo und zu welchem Zweck seine Daten gesammelt würden, und das Recht, sie löschen zu lassen, falls sie illegal gesammelt und gespeichert worden seien. Diese Forderungen sind mehr als berechtigt, sie stehen in einer langen historischen Traditionslinie.