Die App Art gehört zu den allerjüngsten Kunstgenres. Man könnte auch von einer art to go sprechen, knüpft sie doch vermittels Smartphone oder Tablet an jene avantgardistische Kunstmobilmachung an, welche einst der große Marcel Duchamp mit seinen Boîtes-en-valises prägte. Der Avantgarde-Altmeister fertigte kleine portable Boxen mit Reproduktionen seiner eigenen Werke an und foppte damit die ortsgebundenen Museen wie auch diejenigen Kunstliebhaber, die dem Original den höchsten Wert beimaßen.

So stehen etwa die Netzkunstpioniere des Duos Jodi in der Tradition Duchamps, wenn sie eine iPhone-App entwickeln, mit der die Nutzer eine krude Performance aufführen können und sich in der korrekten Ausführung durch die integrierten Sensoren des iPhones überprüfen lassen können. Erst sollte die Kunst beweglich werden, nun sollen sich auch die Betrachter oder, besser gesagt: die Nutzer mitbewegen und dabei die hohe Kunst vom Sockel stoßen.

Nicht wenige Künstler sehen in der App Art eine große Chance: Endlich wird die Kunst demokratisch. Endlich werden die Kartelle der Kunstgalerien ausgehebelt. Endlich gibt es neue Verkaufswege, und das auf Passivität getrimmte Publikum wird zum Mitmachen animiert. Auch die klassischen Sammlungen werden sich verändern, so die Hoffnung. App Art Collections brauchten keine Museen mehr, sondern steckten in den Taschen der Sammler. Man könnte seine Kollektion präsentieren, wo auch immer man sich befände.

Gerade entdecken auch einige bekannte Künstler die neue Kunstform, der Fotograf Stan Douglas zum Beispiel. Er hat mit dem National Film Board of Canada eine App entwickelt, die nun im Rahmen einer Ausstellung in München präsentiert wird. Sie ermöglicht eine visuelle und akustische Zeitreise in das Vancouver des Jahres 1948 und kann gratis im Netz heruntergeladen werden. Wie in einem Computerspiel bewegt man sich durch zwei Stadtteile und bastelt sich aus Sprach- und Klangfragmenten eine eigene Geschichte der Stadt zusammen. Auf den offenen, nichtlinearen Charakter der Narration legt Douglas großen Wert. Doch seine App bietet nicht nur eine offene Form der Geschichtsschreibung. Ebenso offen zeigen sich an ihr auch manche Ungereimtheiten der neuen Kunstgattung.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Denn aller Euphorie zum Trotz ist längst nicht alles, was auf einem Smartphone installiert werden kann, unweigerlich freier, demokratischer oder progressiver als, sagen wir: eine sperrige Stahlskulptur in einem Museum. Ein Nutzer der App Art kann zwar mit Maschinen und teilweise auch mit anderen Nutzern interagieren. Doch er bewege sich dabei "immer in vorgegebenen Welten" und sei "auf das Abrufen vorbestimmter Optionen beschränkt", wie Felix Stalder anmerkt, Professor für digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste.

Gleichwohl versprechen sich viele Künstler, so auch Stan Douglas, von der neuen Kunst eine besondere Form von Intensität, er spricht von einer "immersive art app". Doch warum sollte sich der Effekt der Immersion, also des Eintauchens und Absorbiertseins, gerade vermöge von Smartphones und Tablets einstellen? Begünstigen sie nicht im Gegenteil gerade die Ablenkung?

Hinzu kommt, dass App Art leicht altbacken wirkt, denn in der Regel muss sie sich mit den Produkten einer hochgezüchteten Computerspiele-Industrie vergleichen lassen. So ist es nichts Neues, dass sich die Nutzer bei Douglas durch die Szenerien bewegen können, das kennt man schon seit den ersten Ego-Shooter-Spielen wie Wolfenstein 3D. Und ähnlich wie in einem Adventure-Game stößt man bei Douglas auf Objekte und Charaktere, die einige Fragmente zur Geschichte beitragen. Doch die kommerzielle Game-Kultur sei längst weiter, argumentiert Stalder: "Das bleibt weit zurück hinter den Möglichkeiten, wie sie in komplexen Computerspielen realisiert werden, etwa in Grand Theft Auto V vom vorigen Jahr." Auch der Netzkunsttheoretiker Tilman Baumgärtel meint amüsiert: "Auf den ersten Blick sieht das wie ein CD-Rom-Projekt aus den neunziger Jahren aus."

Als käme App von Apple - Stan Douglas’ App richtet sich nur an Apple-Nutzer

Diese Unzulänglichkeiten sind symptomatisch für Teile der App Art, die schon aus technischen Gründen nicht so frei und experimentierlustig auftreten kann wie ihre Vorläuferin, die Netzkunst. Stalder bleibt denn auch skeptisch: "Heute ist die Fremdbestimmung, gerade durch Apple, viel größer, als sie es in den 1990er Jahren im Netz war, und entsprechend ist der Raum für freie Experimente viel kleiner." Ähnlich äußert sich Baumgärtel: "Mich hat in der App Art bisher noch nichts wirklich überzeugt." Grund hierfür sei nicht zuletzt, dass die Netzkunst auf offenen Protokollen wie dem HTML-Code beruhte. Bei Apps hingegen werde viel durch die Betriebssysteme von Apple oder Android vorgegeben: "Das soll nicht heißen, dass man so keine Kunst schaffen kann. Aber man bewegt sich in einem technischen Rahmen, der sehr viel stärker vorbestimmt ist als im Internet. Man schafft quasi eine Mona Lisa für Apple, eine für Google, unter Umständen noch eine für Microsoft. Totale künstlerische Freiheit sieht anders aus."

Wo zum Beispiel bleibt die Linux-Community? Auch Stan Douglas’ App richtet sich nur an Apple-Nutzer – auf die Öffnung der historischen Erzählformen folgt die technologische Schließung. Als käme App von Apple. Man stelle sich einmal ein Kunstmuseum vor, bei dem nur Kunden kalifornischer Konzerne Zutritt haben!

Interessant wird die App Art erst, wenn sie sich selbst ernst nimmt: Wenn sie die Möglichkeiten des eigenen Mediums erkundet und neue Formen des Zusammenspiels entdeckt, zwischen digitaler und nondigitaler Sphäre ebenso wie zwischen den Nutzern. Das gelingt zum Beispiel dem Mobile Phone Orchestra von Andrew Bluff, das 2013 den Sonderpreis Crowd Art beim ZKM App Award erhielt. Bluffs App verbindet die Musiksammlungen mehrerer involvierter Nutzer und generiert daraus ein Klangerlebnis zwischen Fluxus, Neuer Musik, Free Jazz und Digital Sound Art. Oder nehmen wir die App namens Transformation: Lehel der Medienkünstlerin Tamiko Thiel. Sie macht sich die sogenannte Erweiterte Realität zunutze, sodass die Nutzer der App im Münchner Stadtteil Lehel das Livekamerabild ihrer Smartphones oder Tablets mit digitalen Bildern kombinieren können. Mitten in der Stadt werden plötzlich überbaute Bachläufe oder die Zukunftswünsche der Lehel-Bewohner sichtbar. Solche Ansätze zeigen, was App Art leisten muss, um zur Avantgarde zu gehören: Sie muss das Vertraute überreizen, muss zwingend werden, muss ihre Möglichkeiten ausschöpfen. Wenn parallel dazu die technologischen Zwänge von Apple & Co. zumindest abgemildert würden, könnte die App Art tatsächlich an die Offenheit der Netzkunst der 1990er Jahre, dieses so hoffnungsvollen wie hoffnungslos unvollendeten Projekts der Postmoderne, anknüpfen.