Stanislaw Tillich (CDU) und Dietmar Woidke (SPD) kennen sich seit Jahren, nun geben sie erstmals ein gemeinsames Interview. Sie wollen auch streiten: Zum Beispiel über Woidkes Koalition mit der Linken – und Tillichs unklares Verhältnis zur AfD. Der Sachse sitzt am Besprechungstisch. Woidke tritt ein.

Stanislaw Tillich: Ach! Dietmar!

Dietmar Woidke: Ich grüße dich! (herzliche Umarmung)

DIE ZEIT: Herr Tillich, Herr Woidke, Sie sind beide Lausitzer und quasi Nachbarn, zwischen Ihren Heimatorten Panschwitz-Kuckau in Sachsen und Forst in Brandenburg liegen nur 90 Kilometer.

Woidke: Richtig.

ZEIT: Haben Sie sich schon mal auf halber Strecke getroffen?

Woidke: Wir treffen uns hin und wieder, ja! Wenn auch nicht immer ganz auf halber Strecke. Stanislaw Tillich ist Oberlausitzer, ich bin Niederlausitzer. Wir kommen also aus dem wunderschönsten Landstrich, den es in Deutschland gibt. Und gleichzeitig aus einer Region, die es den Menschen über die Jahrhunderte vor allem wirtschaftlich nie leicht gemacht hat. Das prägt. Da hat man zwangsläufig viele Gemeinsamkeiten in der Art, wie man auf die Welt blickt.

Tillich: Wir kennen uns schon relativ lange. Und wir verstehen uns sehr gut.

ZEIT: Seit wann kennen Sie sich denn?

Woidke: So richtig kennen wir uns seit 2004, würde ich sagen. Damals wurden wir beide Umweltminister in unseren jeweiligen Ländern.

ZEIT: Wenn Sie sich privat treffen, wo tun Sie das dann?

Tillich: Immer an anderen Orten. Beim ersten Mal hat mir der Kollege Woidke einen seiner Geheimtipps verraten.

ZEIT: Der da wäre?

Tillich: Die Confiserie Felicitas in Hornow, bei Spremberg. Das ist also nicht das abgebaggerte Horno, sondern Hornow mit w am Ende. Ein wunderbares kleines Café, eine Chocolaterie.

Woidke: Die wird von einem belgischen Ehepaar betrieben, das sich in der Lausitz niedergelassen hat. Das sind tolle Leute.

ZEIT: Und worüber sprechen Sie, wenn Sie zusammensitzen?

Woidke: Über Dienstliches genauso wie über Privates. Neulich hatten wir uns in Görlitz verabredet. Unsere Frauen waren dabei, sie sind gemeinsam durch die Altstadt spaziert. Währenddessen saßen Stanislaw und ich eineinhalb Stunden lang zusammen, tranken Kaffee und besprachen auch die ernsten Dinge der Welt.

ZEIT: Reden wir über die ernsteren Dinge der Lausitz: Ist der Wolf unser Freund oder Feind?

Tillich: Sagen wir es so: Der Wolf ist da. Er ist ein scheues Tier. Solange er scheu bleibt, ist alles gut. Ein Wolf, der sich natürlich verhält, ist also unser Freund.

Woidke: Der Wolf ist ja aus Sachsen nach Brandenburg eingewandert. Vielen Dank an euch. (Gelächter) Aber mal im Ernst – lasst uns realistisch bleiben. Als Jogger laufe ich mehrmals in der Woche durch den Wald. Einen Wolf habe ich, ehrlich gesagt, noch nie getroffen. Als Umweltminister saß ich sogar mal mehrere Stunden mit Sigmar Gabriel auf einem Hochstand – in der Hoffnung, ihm einen Wolf zeigen zu können.

ZEIT: Mit Sigmar Gabriel?

Woidke: Ja! Sigmar war damals Bundesumweltminister. Er sagte danach, er habe einen Wolf gesehen. Ich habe keinen erspäht. Vielleicht hat er ja bessere Augen.

Tillich: Persönlich gesehen habe ich auch noch keinen. Dietmar hat recht, Panik ist unangebracht. Wir brauchen vernünftige Entschädigungsregelungen für Schäfer, deren Herden angegriffen werden. Und das ist gut so.

ZEIT: Sie wohnen jeweils in den Orten, in denen Sie aufgewachsen sind. Können Sie Menschen verstehen, die das provinziell finden?

Tillich: Das hat mir zumindest noch niemand offen gesagt. Unser großer Vorteil ist doch, dass wir beide Seiten des Lebens kennen – das Stadt- und das Landleben. Damit haben wir vielen etwas voraus, die aus Dresden oder Potsdam nie herausgekommen sind. Wir haben einfach eine andere Biografie, wir beide, dadurch, dass wir unsere Heimat erst verlassen haben – und dann zurückgekehrt sind.