ZEIT: Wundert es Sie, Herr Tillich, dass so ein bodenständiger, bürgerlicher Typ wie Herr Woidke mit den Linken regieren kann?

Tillich: Ach, na ja. Bei Dietmar Woidke habe ich mich nicht so gewundert, der hat die Koalition ja gewissermaßen geerbt. Aber bei seinem Vorgänger, bei Matthias Platzeck, wunderte ich mich schon, wegen seiner Bürgerrechtler-Herkunft. Die Linke ist immer noch mit vielen populistischen Forderungen unterwegs. Und sie distanziert sich nicht gerade deutlich von vielen linksextremistischen Gewalttaten. Ich erinnere nur an die Anschläge auf die Deutsche Bahn in Richtung Hamburg.

ZEIT: Herr Woidke, Sie sitzen mit Extremisten am Kabinettstisch?

Woidke: Also, da finde ich Stanislaws Haltung nun leicht übertrieben. Die Gefahr liegt vor allem im rechtsextremistischen Bereich. Die NPD ist schwächer geworden, aber die militanten Kräfte erstarken.

ZEIT: Herr Tillich, geben Sie Herrn Woidke recht, wenn er die rechtsextreme Gefahr für größer hält?

Tillich: Hätten wir Sachsen sonst als erstes Bundesland ein Abwehrzentrum gegen den Rechtsextremismus gegründet? Der NSU war auch ein Offenbarungseid für unsere Behörden, gerade für die Verfassungsschutzbehörden der Länder. Und wenn in der Lausitz die zweisprachigen, also deutsch-sorbischen Verkehrsschilder angegriffen werden – wie neulich geschehen? Dann ist das kein Dummejungenstreich.

ZEIT: Herr Woidke, Sachsens CDU schließt eine Koalition mit der Linken zwar rigoros aus, eine mit der eurokritischen Alternative für Deutschland allerdings nicht ausdrücklich. Würden Sie Herrn Tillich raten, da seinen Kurs zu überdenken?

Woidke: Definitiv. Die CDU wäre gut beraten, sich in Bezug auf die AfD klar zu positionieren. Schon weil ihr sonst dasselbe Schicksal droht, das die CSU in Bayern bei der Europawahl ereilt hat: dass massenhaft Wähler abspringen. Denn man kann in Bezug auf die AfD nicht herumlavieren, man kann sich kein Eiapopeia leisten, man muss sich klar distanzieren! Wenn Stanislaw Tillich seine Ansichten, die er über die Linke so äußert, auf die AfD anwendet, wird er gute Gründe finden, auch die AfD deutlich abzulehnen. Ist doch so, oder, Stanislaw?

Tillich: Wir haben ein Ziel. Mein Ziel ist es, ein bestmögliches Ergebnis für die CDU zu erreichen. Dietmar hat gesagt: In einer Koalition kann man nur mit Menschen zusammenarbeiten, die man kennt und zu denen man auch Vertrauen hat. Ich kenne die AfD-Leute nicht. Linke und NPD schließen wir aus, alles andere wartet bis nach der Wahl.

ZEIT: Herr Woidke, war das eine klare Aussage?

Woidke: Ach, na ja, das ist natürlich schon ein bisschen schwurbelig. (lacht) Es ist ja das normale politische Geschäft, dass man sagt: Ich kämpfe zunächst einmal für meine eigene Partei, die ist nämlich die prächtigste und schönste. Aber: Die Union hat Europa immer verteidigt, die Union hat Europa mit gebaut. Wenn man sich dazu bekennt – und Herr Tillich saß immerhin im Europaparlament –, dann muss man doch sagen: Mit Europafeinden wollen wir nichts zu tun haben.

ZEIT: Herr Tillich, da baut Ihnen Ihr Kollege doch eine schöne Brücke, oder?

Tillich: Wir wählen in Sachsen jetzt nicht das Europäische Parlament. Sie können mich noch nach den Grünen, den Freien Wählern, der FDP oder der AfD fragen, Sie werden immer dasselbe hören. Wir kämpfen für uns.

ZEIT: Die Kanzlerin drückt sich deutlicher aus, sie sagt: Eine Koalition mit der AfD werde es "definitiv" nicht geben. Der sächsische CDU-Fraktionschef Steffen Flath hat schon eingeräumt, dass er die Sache anders sieht als Angela Merkel.

Tillich: Landesvorsitzender in Sachsen bin noch immer ich.

Woidke: Ich sehe, dass innerhalb der CDU noch viele Gespräche geführt werden müssen.

ZEIT: Herr Woidke, Herr Tillich, die Haltung zu Linkspartei und AfD unterscheidet Sie, vieles andere eint Sie. Aber gibt es auch Dinge, um die Sie einander beneiden?

Tillich: Wir Sachsen beneiden Brandenburg um die gute Zuganbindung an Berlin!

Woidke: Wir Brandenburger beneiden die Sachsen mitunter um ihre historisch gewachsene Industriekultur, um die Geschichte als Wirtschaftsstandort. Und was die Sachsen von vornherein gut hinbekommen haben – das ist ihr Haushalt. Aber immerhin zahlen auch wir jetzt Schulden zurück.

ZEIT: Die Idee, von Anfang an auf solide Finanzen zu setzen, geht auf Kurt Biedenkopf, Sachsens ersten Nachwende-Premier, und Georg Milbradt, den langjährigen Finanzminister und späteren Regierungschef, zurück. Herr Tillich, Sie sind also in große Fußstapfen getreten. Wie löst man sich von Übervätern?

Tillich: Es ist vor allem wichtig, dass die Vorgänger loslassen können. Das gehört einfach dazu. Man sollte sich ihren Rat anhören, solange sie nicht versuchen, sich ins Tagesgeschäft einzumischen. Ich hatte da viel Glück mit meinen Vorgängern. Wenn ich von den beiden etwas wissen wollte, dann waren sie da. Wenn man sich trifft, sagen sie vielleicht mal: "Das hast du gut gemacht." Oder: "Das hättest du auch anders machen können." Das finde ich legitim. Jeder hat seinen Blickwinkel.

ZEIT: Herr Woidke, sind Ihre Vorgänger Manfred Stolpe und Matthias Platzeck eine Bürde für Sie?

Woidke: Ach, eigentlich nicht. Es ist klar, dass man letztlich, ob man es will oder nicht, an ihnen gemessen wird. Aber ich musste schon meinen eigenen Weg finden, und inzwischen habe ich ihn gefunden. Ich sitze sicherlich nicht im Büro und überlege: "Was würden Stolpe und Platzeck jetzt tun?" Ich bin mit beiden nach wie vor befreundet. Manfred kommt mich öfter im Büro besuchen, mit Matthias spreche ist jede Woche. Aber letztlich muss ich die Probleme lösen. Ich bin Regierungschef in Brandenburg. Ich habe die Hintergrundinformationen und das Handwerkszeug, um die Regierung zu steuern.

ZEIT: Sind große Vorgänger also eher Fluch oder Segen?

Tillich: Sie sind ein Ansporn.

Woidke: Ein Ansporn. Und jetzt sind wir dran.