Wie jedes Jahr wird der Bundespräsident demnächst zum Bürgerfest in das Schloss Bellevue einladen. Wie jedes Jahr wird es ein unterhaltsames Programm für die Besucher geben. Mit einem Puppentheater und der Band Just Fun möchte Joachim Gauck sich bei seinen 4.000 Gästen dafür bedanken, dass sie sich ehrenamtlich engagieren.

Zu Dankbarkeit gibt es allen Anlass: Rund zwölf Millionen Deutsche übernehmen unbezahlt zentrale Aufgaben unserer Gesellschaft. Sportvereine, Kirchenarbeit, Seniorenpflege – vieles wäre ohne sie schlichtweg unmöglich. Auch der Autor dieser Zeilen engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich. Denn für den Einzelnen ist die freiwillige Arbeit etwas ganz Wunderbares: Jeder kann die Gesellschaft mitgestalten und sich einbringen. Viele Freiwillige finden so die Erfüllung, die ihnen ihr Job verwehrt.

Nicht nur der Bundespräsident hält deswegen vom Ehrenamt viel: Laut einer Umfrage vom Meinungsforschungsinstitut Emnid wird es von 92,9 Prozent aller Deutschen geschätzt.

Was gäbe es daran auch auszusetzen? Staat, Bürger, Gesellschaft – wir alle profitieren vom freiwilligen Engagement, mehr als uns womöglich bewusst ist. Dafür sind wir auch dankbar. Doch diese Dankbarkeit macht es uns leicht, eine Frage nicht zu stellen: Warum sind wir eigentlich nicht bereit, für die Arbeit der Ehrenamtlichen Geld zu bezahlen?

Wie viel einer Gesellschaft etwas wert ist, lässt sich daran ablesen, wie sie ihr Geld verteilt. Auf dem Arbeitsmarkt werden die Berufe besser entlohnt, die als komplizierter, verantwortungsvoller oder schwieriger gelten. Gleiches gilt auf politischer Ebene: Die Verteilung des Bundeshaushalts ist so umstritten, weil sie ausdrückt, was unsere Volksvertreter für wertvoll und unterstützungswürdig halten und was nicht.

Kurzum: In Politik und Wirtschaft dient die Verteilung von Geld als Signal sozialer Wertschätzung. Man kann das bedauern und sich eine Gesellschaft wünschen, in der Geld eine weniger zentrale Rolle spielt. Aber die Realität ist: Geld regiert die Welt, vor allem die Welt unserer Werturteile.

Genau deswegen ist der Umgang der Deutschen mit dem Ehrenamt problematisch: Einige der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft werden nicht finanziell entlohnt. Das Engagement der Sterbebegleiterin oder das des Fußballtrainers der lokalen E-Jugend ist uns nicht mehr wert als ein Lob und gute Umfragewerte. Mehr geht nicht, so heißt es immer wieder, denn für eine bezahlte Position ist – leider, leider! – einfach kein Geld da.

Es ist ja auch kein Geld da. Oder richtiger: Dafür ist kein Geld da. Doch das sollte uns stutzig machen: Wie selbstverständlich lässt der Staat zahlreiche Aufgaben fallen, die eigentlich in seine Zuständigkeit gehören. Und wie selbstverständlich fangen wir hilfsbereiten Bürger all diese Aufgaben auf: die Abdeckung ländlicher Gegenden durch eine Feuerwehr etwa oder Initiativen gegen Neonazis, Schöffengerichte, lokaler Umweltschutz, Nachhilfegruppen, Seniorenpflege – die Liste hört nicht auf. Zusammengenommen ist all dieses Engagement too big to fail, ohne es würde unsere Gesellschaft zusammenstürzen. Doch hier, anders als bei den Banken, stiehlt der Staat sich aus seiner finanziellen Verantwortung. Ein jährliches Bürgerfest mit Puppentheater muss als Aufwandsentschädigung genügen.

Neben der Frage von sozialer Anerkennung und Wertschätzung steht somit auch eine simple ökonomische Rechnung im Raum: Die Millionen Euro, die der Staat durch das Ehrenamt spart, sollte er – in barer Münze und nicht als feuchten Händedruck – dort ankommen lassen, wo sie hingehören: bei den zahlreichen Menschen, die in ihrer Freizeit für lau für den Staat einspringen. Im präsidialen Lobgesang auf das Ehrenamt schwingt immer auch der Unterton politischen Versagens mit.

Deutsche helfen gern und ausgiebig. Aber etwas muss sich ändern: So unterhaltend die Band Just Fun im Schloss Bellevue auch sein mag, es braucht mehr als ein Bürgerfest, um dem staatstragenden Einsatz von zwölf Millionen Deutschen gerecht zu werden. Denn ein bewährtes Sprichwort der alten Römer gilt auch, wenn es ums freiwillige Engagement geht: Geld stinkt nicht und passt in jede Tasche.