Da stand er auf einmal neben mir an der Ampel: der Mann im schwarzen Geländewagen. Dunkler Anzug, Sonnenbrille, die Wangen wirkten leicht gebräunt. Der fährt jetzt entspannt zur Arbeit, dachte ich. Und ich? Hetze in meinem Opel-Kleintransporter zur Kita.

Immer häufiger ertappte ich mich bei solchen Gedanken: Der da drüben macht bestimmt Karriere. Der kann für seine Kinder die große Familienkutsche kaufen, kann ihnen mehr bieten als ich meinen: teurere Urlaube, Schulen, Auslandsaufenthalte. Aber ich renne zwischen Familie und Büro hin und her und kann es trotzdem keinem recht machen. Zu Hause liegen mir die Kinder in den Ohren, und im Betrieb verpasse ich vielleicht den nächsten Aufstieg. Ich bin ein moderner Teilzeitvater! Ja. Aber wie fühle ich mich dabei eigentlich? Stolz? Verzweifelt? Ausgebrannt?

Ich hatte es ja so gewollt. Als unser Sohn vier Jahre alt war und unsere Tochter sechs, fand meine Frau eine befristete Stelle bei der Staatsbibliothek Berlin. Sechs Jahre hatte sie wegen der Kinder ausgesetzt, und nun war sie froh, überhaupt einen Job zu finden. Der Wiedereinstieg für eine Mutter ist alles andere als einfach. Die Bedingung für den Vertrag: Sie steigt Vollzeit ein. Was aber würde das für uns als Familie bedeuten? Wer holt jetzt die Kinder ab? Wer macht die Hausarbeit? Schnell war klar: Ich muss kürzer treten, meine Arbeitszeit reduzieren.

Wir hatten nun endlich die Gelegenheit, unser klassisches Rollenmodell zu beenden, die Einbahnstraßen zu verlassen. Für mich war das kein Schock. Ich hatte schon länger darüber nachgedacht, mehr für die Kinder da zu sein. Und eigentlich wollten wir beide Ernährer und Erzieher sein. Gleichberechtigt, meine Frau und ich.

2004 war das. Damals war ich 36 und gerade Gruppenleiter bei der BSR, der Berliner Stadtreinigung, geworden. Ich hatte Umwelttechnik studiert und war nach meiner Traineezeit bei der BSR im Qualitätsmanagement eingestiegen. Inzwischen trug ich Verantwortung für vier Beschäftigte. Jetzt auf Teilzeit zu gehen ist auf jeden Fall ein Risiko, dachte ich. Das Unternehmen ist absolut männlich geprägt und nicht gerade für moderne Arbeitszeitmodelle bekannt. Es gab auch niemanden, den ich hätte fragen können, ob das gut geht, so mitten im Berufsleben die Arbeitszeit zu verkürzen. Ich habe mich gefragt: Was werden die Kollegen sagen? Wird das Arbeitspensum wirklich weniger, oder muss ich dieselbe Arbeit für ein geringeres Gehalt machen? Komme ich danach überhaupt weiter?

Diese Fragen sind nicht neu, das ist mir klar. Jede Frau, die in Teilzeit geht, kennt all das zur Genüge. Aber ich bin ein Mann. Und für Männer stellen sich diese Fragen anders. Wir werden in unserem Umfeld anders wahrgenommen und haben ein Bild von uns, in das eine Teilzeitstelle nicht hineinpasst.

Und natürlich spürte ich auch, wie mich meine eigene Familie geprägt hatte. Schließlich bin ich mit dem traditionellen Rollenbild aufgewachsen. Meine Mutter hätte zwar gerne gearbeitet, aber sie hat ihre Wünsche hinter die Erziehung der Kinder zurückgestellt. Im Nachhinein hat sie den Rückzug aus dem Arbeitsleben oft bedauert. Als ich ihr jedoch erzählte, dass ich selbst in Teilzeit gehen würde, sagte sie: "Andreas, in Teilzeit kannst du aber keine Karriere machen!" Sie war besorgt, weil sie es nicht anders kannte. Ich dachte nur: Jetzt fallen mir auch noch die Frauen in den Rücken!

Ich habe gezögert, meinen Wunsch nach Teilzeit mit meiner Chefin zu besprechen. Ich kenne einige Vorgesetzte, die darauf sehr harsch reagieren würden. Das Gespräch lief dann aber gut. Meine Chefin hat selbst zwei Söhne und konnte meine Lage gut nachvollziehen. Wir haben vereinbart, dass ich an drei Nachmittagen um 14 Uhr zu Hause sein kann und dass ich wieder auf hundert Prozent zurückkehren kann, wenn ich das will. Das war mir besonders wichtig – wie oft habe ich das Wort Teilzeitfalle gehört, wenn eine Frau nicht mehr auf die volle Stundenzahl erhöhen konnte. Wir wollten es für acht Monate probieren.

Im Büro hat es erstaunlich gut funktioniert. Ich konnte meine Arbeit so organisieren, dass ich keinen Stundenüberhang hatte. Bestimmte Aufgaben habe ich einfach zeitlich gestreckt. Sprüche von Kollegen gab es nicht. Zu Hause klappte es auch. An drei Tagen holte ich die Kinder ab, verbrachte die Nachmittage mit ihnen. Ich hatte mir das immer so gewünscht. Ich wollte nicht nur am Wochenende da sein, ich wollte meine Tochter und meinen Sohn aufwachsen sehen und Vorbild für die Kinder im Alltag sein. Ich hatte mich immer schon gefragt: Was passiert eigentlich mit den Kindern, insbesondere den Söhnen, wenn sie immer nur von Frauen aufgezogen werden? Fehlt den Kindern da nicht die männliche Perspektive?

Dass es in einer jungen Familie nicht immer rund läuft, muss ich nicht erwähnen. Im Alltag gibt es ständig Reibereien. Da sind die kleinen Dinge wie die Absprachen über die Hausarbeit, die Frage, ob ich gründlich genug beim Aufräumen bin. Aber auch die täglichen Verhandlungen mit den Kindern über Computerzeiten oder Hausaufgaben. Wenn man häufiger zu Hause ist, kann man den Konflikten nicht ausweichen, und man kann sie sich schon gar nicht lange leisten. Gleichzeitig habe ich gerade durch die Kinder gelernt, Streit besser zu bewältigen. Das hilft mir auch jetzt im Büro.