Franz Ferdinand, Erzherzog von Österreich-Este in Uniform (ca. 1914): Vor Selbstvertrauen fast explodierend.

Sein Bild wird immer mit dem Ersten Weltkrieg verbunden sein, eine Ikone: Franz Ferdinand in Generalsuniform mit federbuschbekröntem Stulphut, ordensgeschmückt, die Rechte im Handschuh aus weißem Hirschleder, zum Salutieren angewinkelt, die Linke am Griff des Paradesäbels. Neben ihm seine heiß geliebte Frau, Sophie Chotek, in weißer Seide, weißer Sonnenschirm in der weiß behandschuhten Linken, weißer Hut auf dem Haar, Brosche auf der Brust, Blumenbouquet am Bund, Perlen um den Hals. Minuten später sind beide tot. Vier Wochen später beginnt der Krieg gegen Serbien. Er hat ihn nie gewollt.

Alle kennen diese Fotografie. Aber kennen wir den Militär auf der Treppe des Rathauses von Sarajevo, vor dem das Gräf-&-Stift-Cabriolet "Phaeton" mit dem weißen, zurückgeschlagenen Stoffverdeck wartet, um ihn und die Gemahlin ins Attentat zu chauffieren? Wer ist dieser Mann? Und warum diagnostizierte ausgerechnet der Menschenkenner Sigmund Freud bei ihm schon sechzehn Jahre zuvor eine "Defektbildung"? Weil er "ein blödes Angesicht" habe und "wahrscheinlich kein Profil".

Kein Profil?

Franz Ferdinand wird 1863 als Neffe des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. von Habsburg-Lothringen geboren. 1871 ist er durch den Tod seiner Tbc-kranken Mutter Halbwaise. Zwei Jahre später heiratet sein Vater, der Kaiserbruder Erzherzog Carl Ludwig, eine portugiesische Prinzessin, als liebevolle Stiefmutter ist sie ihm lebenslang eine Stütze. Weitere zwei Jahre später erbt Franz Ferdinand das gewaltige Vermögen des verwandten Herzogs von Este, dessen Namen er dafür zu tragen hat.

"Der Este", nun stets abfällig geheißen, durchläuft eine strenge, katholisch geprägte Gymnasialbildung mit Privatlehrern, um dann die familienübliche Militärlaufbahn einzuschlagen. Als junger Erwachsener gibt er Millionen Gulden für Immobilien aus, vor allem für seinen Hauptwohnsitz, Schloss Konopischt bei Prag. Mit 25 wird er zum Major befördert. Durch den Freitod des Kaisersohns Rudolf 1889 rückt er auf Platz zwei der Thronfolge-Liste. Der Mann auf Platz eins, sein kultursinniger Vater, der "Ausstellungsherzog", hat jedoch nie Ambitionen auf die Herrschaft. 1892 bis 1893 Weltreise. Von 1885 an Begegnungen mit Gräfin Sophie Chotek, seiner späteren Frau, uralter böhmischer Adel, verarmt. 1895 wegen lebensgefährlicher Tuberkulose-Erkrankung beurlaubt. 1896 Tod des Vaters, Franz Ferdinand wird Thronfolger.

Geschichte - Attentat in Sarajewo entzündete vor 100 Jahren den Ersten Weltkrieg

1898 ist er – wider das klammheimliche Erwarten aller – von der Tbc genesen, wird militärischer Stellvertreter des Kaisers, ein Jahr später General, mit eigener Militärkanzlei, mit Residenz in Prinz Eugens Wiener Sommerschloss Belvedere. Nach Jahren erbitterten Verhandelns mit Kaiser und Regierung darf er 1900 die unebenbürtige Gräfin Sophie offiziell heiraten, wiewohl nur "morganatisch", also in einer Ehe zur linken Hand – zum Preis des Verzichts auf sämtliche Familien- und Thronrechte seiner Frau und seiner Nachkommen. Zwei Jahre danach avanciert er zum Admiral, der Erstgeborene kommt zur Welt. 1909 setzt der Onkel den Neffen als obersten Denkmalpfleger der Monarchie ein. Ab 1911 Arbeit an Programmen zum Thronwechsel. 1913 Ernennung zum Generalinspektor der gesamten militärischen Macht des k. u. k. Reiches. 1914, am 28. Juni, Attentat in Sarajevo. 51 Jahre jung. Dabei wollte er "steinalt" werden.

Franz Ferdinand war ein gut aussehender Mann, blond, blauäugig, groß, sorgsam gepflegt seine Erscheinung mit gewachstem Bart und Haartracht à la mode, der Kammerfriseur Carl immer in der Entourage. Die Toilette gewählt und auf Maß. Ein ausgezeichneter Reiter, ein enthusiasmierter Tennisspieler, fleißiger Schlittschuhläufer, ein olympioniker Schütze mit verhaltensauffälliger Jagdleidenschaft. Ein begeisterter Automobilist.

Er wollte aus dem Kaiserreich eine Art USA machen: Die United States of Austria

Er aß gerne Tafelspitz, Selchkarree, Sauerkraut, Beuschel, Knödel. Hase gespickt, in Rahm. Seinen Schweinsbraten gustierte er mit einem Krügerl Bier, danach Zigarre, am liebsten inkognito im biederen Beisl des gemeinen Mannes. Ein zurückgezogenes, bürgerlich-harmonisches Familienleben präferierte er dem hektisch-höfischen Repräsentieren. Groß seine Sammelleidenschaft. Bemerkenswert seine ehrgeizige Passion für Technik: Telefon, Aufzug, Warmwasser, WC, Heizung, Licht – an der Spitze des Fortschritts, alles unter Strom, alles unter Dampf.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Lesen? Zeitungen, Zeitungen, Zeitungen. Literarisch bevorzugt er Ludwig Ganghofer, Heimatschriftsteller.

Schreiben? Tausende Briefe, Depeschen, Telegramme, Notizen, Vorlagen, Denkschriften, Memoranden, Manifeste, Tagebücher und – G’stanzeln, die er selbst dichtete, umschrieb, widmete. Und mit geliebten Schrammeln, Wiener Volksliedern, selbst singend, selbst geigend, zu Gehör brachte.

Publizieren? In drei Anthologien sammelte er die G’stanzeln, zwei davon publizierte er als Anonymus. Die illustrierten 1.136 Seiten seines Weltreise-Journals erschienen in zwei Prachtbänden.

Freude? Das waren ihm Antiquitäten, Kunsthandwerk, Volkskunst und Volksmusik.

Antipathien? Architektur und Kunst der Avantgarde hasste der Mann an der Vorhut des technischen Fortschritts inbrünstig – das alles war für ihn "Schweinerei" und "Scheiße". Die Besetzung eines Kunstakademie-Lehrstuhls mit Gustav Klimt verhinderte er systematisch, und Oskar Kokoschka wollte er angeblich "alle Knochen brechen!".

Kein Profil? Er war der unbeliebteste Mensch seiner Zeit. Warum?