Ein Mann reißt einem anderen das Herz aus der Brust. Eine Untat wie aus dem Schauermärchen: blutig und unwirklich. Der Eindruck des Unwirklichen entsteht aus dem extremen Tabubruch. Der Mörder beugt sich über sein am Boden liegendes Opfer und schneidet ihm mit dem Messer einen roten Klumpen heraus. Triumphierend reckt er das Herz hoch – und führt es dann zum Mund, als wolle er es küssen. Dazu der Ruf: Allahu Akbar! Gott ist groß!

Das Video wurde von Kämpfern ins Netz gestellt, die seit dem Vormarsch von Isis mit einer Flut grausamer Bilder für sich werben. Hier gibt ein syrischer Rebell vor, einen syrischen Soldaten ermordet zu haben: "Ich schwöre bei Allah, dass wir eure Herzen und Lebern fressen, ihr Soldaten des Hundes Baschar!" Unklar ist, ob sich um einen Kämpfer von Al-Nusra oder Isis handelt, beide kämpften erst gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, dann gegeneinander. Klar ist aber die Botschaft: Das Gemetzel geschieht aus heiliger Hingabe.

Doch wie wird es legitimiert? Das Motiv des Herzrausreißens stammt aus der Frühzeit des Islams, aus dem 7. Jahrhundert, als Hamsa, der Onkel des Propheten Mohammed, im Krieg der Muslime gegen die heidnischen Mekkaner fiel. Eine Frau aus dem Stamm der Quraisch in Mekka riss dem toten Hamsa die Leber aus dem Leib und aß sie. Als Mohammed nach der Schlacht die Leiche seines Onkels sah, schwor er: Wenn Allah mir zum Sieg gegen die Quraisch verhilft, will ich 30 ihrer Leichen verstümmeln!

Das ist der Hintergrund der dschihadistischen Gewalt, die im Irak eskaliert: ein religiöser Todeskult. Die Gotteskrieger teilen aus, was Gott beim Jüngsten Gericht austeilt, die ultimative Strafe. Sie fühlen sich im Recht, denn sie ziehen ihre radikalen Argumente aus dem Islam. Wer den Horror verstehen will, muss sie kennen. Sie stammen teils aus dem Koran, teils von fundamentalistischen Theologen, teils von Terroristen. Sie wirken uralt, aber sind dem modernen Totalitarismus verwandt: Wo das Leben des Einzelnen nichts gilt, wird der Rechtsbruch normal. Dort ist das Töten nicht nur erlaubt, sondern Pflicht.

Wahrheit

Der wahre Glaube erweist sich nicht in Gelehrsamkeit, sondern im konkreten Einsatz für den Islam. So lehrte es Sajjid Kutb, der Vordenker der Muslimbrüder, der 1966 in Ägypten hingerichtet wurde. Zuvor schrieb er im Gefängnis ein Grundlagenwerk über die Totalität seiner Religion. Im Schatten des Korans ist ein Appell, die Krise des modernen Lebens, das Gefühl der Entfremdung zu überwinden: Es gibt keinen Gott außer Allah, und es gibt kein Leben außerhalb des Korans. Das heißt: Die Wahrheit des Islams kann man sich nicht anlesen, man muss sie erkämpfen, notfalls mit Waffengewalt. Kutb machte die Idee eines religiös inspirierten revolutionären Handelns populär – die den linken Utopien nahestand und Jahrzehnte später noch Fundamentalisten in der arabischen Welt beflügeln sollte. Revolution heißt bei Kutb aber nicht Befreiung hin zu einer liberalen Lebensweise, sondern hin zu dem einen unbezweifelbaren Gott.

Gerechtigkeit

Für Fundamentalisten garantiert nur die Scharia ein gerechtes Zusammenleben. Wer sich ihr nicht unterwirft, steht außerhalb des Gesetzes. Aus diesem Gedanken leiten die Extremisten heute nicht nur das Recht ab, einzelne Feinde zu töten, sondern auch Regierungen in muslimisch geprägten Ländern zu bekämpfen, die die Scharia nicht vollständig umsetzen. Die Quelle aller Gesetze ist Gott, deshalb kann man über das Recht auch nicht verhandeln.

Gesetzesverstöße

Das islamische Recht, so wie es Fundamentalisten aus dem Koran und den Aussprüchen des Propheten ableiten, zwingt in vielen Fällen zum Töten: etwa bei Blasphemie oder Ehebruch. Länder wie Afghanistan, der Sudan und Algerien haben gezeigt, welche Gefahr es für Muslime bedeutet, wenn die Todesstrafe konsequent angewendet wird. In Afghanistan nutzten die islamistischen Revolutionäre ein Stadion für Steinigungen. Mörder wurden von den Familien der Opfer eigenhändig hingerichtet, und zwar auf drastische Weise – mit Maschinengewehren. Es war eine Einübung in das Töten, eine Grenzüberschreitung aus dem zivilen Leben in den Terror, wie er jetzt auf andere Weise im Irak stattfindet.

Rache

Der Dschihad wurde im Westen lange Zeit als ein Krieg gegen den Westen missverstanden. Mit der Attacke auf das World Trade Center am 11. September 2011 machte Al-Kaida diesen Irrtum manifest. Doch der Dschihad, der Heilige Krieg, ist ein Feldzug gegen alle Feinde Gottes, und wer diese Feinde sind, definieren die Dschihadisten. Jetzt verbreitet Isis Videobänder, auf denen zu sehen ist, wie "feindliche" Muslime geköpft werden. Die Extremisten zitieren dazu gern den Ausspruch Mohammeds: "Ich bin zu euch gekommen als ein Schlächter." Außerdem kursiert die Sure 47,2: "Wenn ihr die trefft, die ungläubig sind, dann schlagt auf ihren Nacken!" In der Logik des Dschihad muss der Glaube auch durch den Angriff verbreitet werden.