Mach’s noch einmal, Günther! So oder so ähnlich ist die Botschaft zu verstehen, die Kanzlerin Angela Merkel Anfang der Woche streuen ließ. Günther Oettinger (CDU) soll auch in der neuen EU-Führungsriege Kommissar bleiben, noch bis November dieses Jahres ist er ohnehin für das Energieressort in Brüssel zuständig.

Festlegen auf einen Kommissar, der dann bis Ende 2019 im Amt wäre, muss sich die Bundesregierung eigentlich erst im Herbst. Dass Merkel nun schon reagiert, zeigt, wie wichtig ihr ein Parteifreund in der Brüsseler Gesetzesmaschinerie geworden ist. Oettinger darf sich geehrt fühlen.

Aber hat er auch einen guten Job gemacht? Kaum ein Ressort ist spannender. In Oettingers Aufgabenbereich laufen die großen industriepolitischen Fragen unserer Zeit zusammen. Gelingt der Autoindustrie die Abkehr von den Spritschluckern? Schafft Deutschland die Energiewende? Bleiben wir abhängig von Putins Gasvorräten? Warum wird der Strom immer teurer? Und wie gelingt es, mit weniger Energie auszukommen?

Doch wenn es in den vergangenen Jahren konkret wurde, dann fehlten Oettinger nicht die guten Ideen, sondern ihm fehlte schlicht die Entscheidungsgewalt. Er mühte sich, er streckte sich, aber ernst nahmen ihn die wenigsten Energieminister.

Gleich nach Fukushima rief er zur Krisensitzung nach Brüssel. Mancher Minister schickte bloß seinen Staatssekretär, und alles, was damals haften blieb, war ein neuer Spitzname. "Günther Apokalypse", spotteten die Diplomaten der Mitgliedsländer.

Oettinger ließ nicht locker. Er verordnete Stresstests für Kernkraftwerke, und er arbeitet noch immer daran, die Haftungsrisiken von Kernkraftwerken von den Betreibern komplett versichern zu lassen.

Nur: Seine Macht hat enge Grenzen. Der Energiemix, die Frage also, ob die Länder zum Beispiel Strom aus Kernkraft oder Kohle gewinnen, ist Sache der Mitgliedsstaaten. Sie bleibt es auch. Die Folgen sind absurd. Die deutsche Energiewende hat direkte Auswirkungen auf den Kraftwerksbau in Polen oder Frankreich – doch Brüssel kann dabei nur staunend zugucken.

Selbst bei den Energiepreisen hat Oettinger keinen Hebel. Sie speisen sich zum Großteil aus nationalen Steuern – ganz besonders wiederum in Deutschland, wo über 50 Prozent des Preises zuletzt staatliche Abgaben waren.

Die ehrgeizigen Klimaschutzziele, die sich Europa einst gesetzt hat, sind schwer zu erreichen, wenn die Polen sich an die Kohle klammern und fossile Brennstoffe auch in Deutschland wieder ein Thema sind.

Die große Daumenschraube, die Oettinger zuletzt hatte, war die Energieeffizienz. Verglichen mit 2005, sollen die Mitgliedsstaaten bis 2020 rund 20 Prozent weniger Energie verbrauchen. Wann immer aus Brüssel jedoch konkrete Vorschläge kommen, wie diese Ziele erreicht werden sollen, wird gezaudert und gezetert.

Es geht dann um das Brüsseler Tiki-Taka. Um Stand-by-Schaltungen von Fernsehern, um Wattzahlen von Staubsaugern und um Warmhalteplatten von Kaffeemaschinen. Das Potenzial, das darin steckt, mögen die Bürger verkennen. Es liegt aber in der Verantwortung des Energiekommissars, auch gegen Widerstände zu kämpfen.

Wenn wir es nicht schaffen, mit weniger Energie auszukommen, dann werden wir künftig noch abhängiger von Russland und anderen Staaten. Derzeit sieht es ganz danach aus, denn Öl und Gas bleiben die wesentlichen Energieträger (siehe Grafik). Umso wichtiger wäre es, wenn die EU nach außen mit einer Stimme sprechen würde. Doch von der gemeinsamen Energieaußenpolitik ist Europa so weit entfernt wie von gemeinsamen Einkommensteuern.

Der Erfolg eines Energiekommissars hängt damit weniger von der Führung ab, sondern vielmehr davon, wie viel Macht die Mitgliedsstaaten an Brüssel abgeben wollen. Die Debatte nach der Europawahl lässt wenig Hoffnung aufkommen, dass es der nächste Energiekommissar leichter haben wird als Oettinger. Ohne eine gemeinsame Stimme in der Energiepolitik wird die EU jedoch weiter an Einfluss verlieren in der Welt. Die Kanzlerin sollte das eigentlich wissen. Ihr Parteifreund Oettinger hat es ihr oft genug gesagt.