Die Paramilitärs kamen nachts, in Pick-ups mit dunklen Scheiben. Bei sich trugen sie Listen mit den Namen ihrer Opfer. Viele, die von ihnen aus den Häusern geholt wurden, sind bis heute verschwunden. Leichen wurden in den Fluss geworden oder zerstückelt. So beschreiben die kolumbianischen Strafverfolgungsbehörden die Lage in der nordöstlichen Provinz Cesar um die Jahrtausendwende. Damals wurde der Cesar von der paramilitärischen Front Juan Andrés Álvarez (JAA) beherrscht. Ihre Mitglieder ermordeten Tausende Menschen und ließen Hunderte verschwinden.

Kolumbien ist weit weg, aber möglicherweise gehen die Verbrechen der Paramilitärs deutsche Stromkunden mehr an, als sie ahnen. Der Cesar ist eine von Kolumbiens wichtigsten Kohleregionen. Die Kohle, die hier gefördert wird, geht vor allem nach Europa. Auch Deutschland ist ein wichtiger Käufer. Im Jahr 2011 kam ein Drittel der deutschen Kohleimporte, die zur Stromerzeugung genutzt wurden, aus Kolumbien. Ein großer Teil davon stammt aus dem Cesar.

Den Kohlekonzernen des Departements wird seit Jahren vorgeworfen, sie hätten paramilitärische Gruppen finanziert und auch mit anderen Mitteln unterstützt. Gerichtsfeste Beweise für eine direkte Verstrickung gibt es bislang nicht. Jetzt aber bringt ein Report neue Belege an die Öffentlichkeit.

In jahrelanger Kleinarbeit hat die niederländische Menschenrechtsorganisation Pax (ehemals Pax Christi) eidesstattliche Aussagen aus Gerichtsverfahren in den USA und Kolumbien gesammelt. Zusätzlich führten Pax-Mitarbeiter Interviews mit Opfern, Tätern und ehemaligen Angestellten der Kohlekonzerne, und sie brachten die so gewonnenen Informationen erstmals systematisch zusammen.

In ihrem Report finden sich starke Hinweise darauf, dass die beiden größten Steinkohleförderer des Cesar an den schweren Menschenrechtsverletzungen in der Region beteiligt waren. Es handelt sich um eine Tochter des US-Familienunternehmens Drummond und um Prodeco, eine Filiale des Schweizer Rohstoffmultis Glencore. Der größte kolumbianische Kohlekonzern Cerrejón, der im benachbarten Departement La Guajira nach Kohle gräbt, kommt in dem Papier nicht vor. Pax habe "keine ernsthaften Hinweise darauf gefunden, dass Cerrejón illegale bewaffnete Gruppen finanziell oder materiell unterstützt hat", sagt Marianne Moor, Lateinamerika-Expertin bei Pax und Autorin der neuen Studie.

Selbst verursacht haben Drummond und Prodeco die Gewalt im Cesar allerdings nicht. Der Bürgerkrieg war schon da, als die beiden Konzerne Mitte der neunziger Jahre dort ankamen. Die Guerilla beherrschte das Gebiet, und die Bergbauunternehmen wollten ihre Kohlegruben, Eisenbahnschienen und Mitarbeiter vor Anschlägen oder Entführungen bewahren. Doch offenbar verließen sie sich dabei nicht nur auf die Dienste der staatlichen Armee und der Polizei. Dem Pax-Report zufolge kamen die ersten Paramilitärs in den Cesar, nachdem die Kohlemanager Kontakt zu den Anführern der illegalen Truppen aufgenommen hatten. Die Front Juan Andrés Álvarez soll im Jahr 1999 sogar auf direkte Anfrage von Drummond hin gegründet worden sein.