Was für ein Kauderwelsch! Zwei Schüler an der Bushaltestelle:

A: Otobüse binecek miyiz?
B: Ich weiß nicht.
A: Lan, bugün zaten öğretmen kızmıştı bize.
B: Echt, oder?
A: He, der Busfahrer ist ein Sack, hey!
B: He, he, he, valla, he, he.
A: Der kommt immer zu spät, he.
B: Otobüsün dolu olmasına çok gıcık oluyom, hey Mann, geh, voll!

Wer es nicht versteht, kann diese deutsch-türkische Wörtersuppe für anrüchig halten, wie alle Sprachen, die Jugendliche entwickeln, um sich von Eltern, Lehrern oder Polizisten abzugrenzen. Die üblichen Reaktionen auf dieses seltsame Sprachgemisch, das man auf der Straße, in der U-Bahn oder auf dem Schulhof hört, fallen entsprechend ablehnend aus. "Schlechtes Deutsch" sei das, ein Hinweis auf mangelnde Integration. Selbst ernannte Sprachwarte heben mahnend den Zeigefinger und warnen vor dem Verfall der deutschen Sprache, die ohnehin von Anglizismen wie Barcode, Shitstorm oder gehighlightet massiv bedroht sei.

Doch man kann dieses Mischen auch ganz anders sehen. Etwa so wie Volker Hinnenkamp, Professor für Interkulturelle Kommunikation an der Hochschule Fulda, der Hunderte solcher Gespräche von Jugendlichen aufgezeichnet, gesammelt und untersucht hat. Dabei hat der Sprachforscher mehr und mehr Respekt entwickelt gegenüber dem "atemberaubenden Tempo", in dem hier deutsche und türkische Gedanken und Satzteile miteinander verbunden werden. "Es ist eine Leistung", sagt Hinnenkamp, "zwei hochkomplexe und von der Sprachstruktur grundlegend verschiedene Sprachen zu integrieren."

Code-Switching verlangt viel Hirnschmalz

Seine Ansicht markiert eine Trendwende. Lange betrachtete die Linguistik das Vermischen von Sprachen als Ausdruck eines Defizits, als "doppelte Halbsprachigkeit" oder "unzureichende Zweitsprachenkompetenz" der jeweiligen Sprecher. Dabei gab es kaum wissenschaftliche Arbeiten zu dem Phänomen. Das hat sich geändert. "Code-Switching" wird dieser Wechsel von einer Sprache in die andere heute genannt, nach dem englischen Verb für Umschalten. Sein Ergebnis ist eine Art Geheimcode, den weder Nur-Deutsch-Sprechende verstehen noch die meisten Mitglieder der Herkunftskultur. Forscher wie Hinnenkamp bewerten dieses Gemischtsprechen als Ausdruck einer sozialen Identität. Die dazu nötige Kreativität sei jedenfalls beachtlich.

Am besten beherrscht das Code-Switching die zweite oder dritte Migranten-Generation – junge Türken, Palästinenser, Marokkaner, Russen. Und in der jugendlichen Alltagskultur wird dieses Sprachverhalten zunehmend gewöhnlicher. Entstammt doch jedes achte in Deutschland geborene Kind einer binationalen Ehe. Aber warum und wann wechseln diese Jugendlichen von der einen zur anderen Sprache? Stellt man diese Frage etwa dem Sohn des palästinensischen Falafelverkäufers nebenan, muss dieser erst einmal lange überlegen. Vielleicht, erklärt er dann, mische er die Sprachen, weil Begriffe wie "Arbeitserlaubnis" oder "Melden" auf Arabisch mühsamer auszudrücken seien. In die Sprache seines Vaters wechsele er dagegen gern, wenn er mit Freunden über Mädchen reden wolle, ohne dass diese ihn verstehen.

Zwischen den Sprachen zu springen, das macht Geschichten spannender

Die wissenschaftliche Analyse gemischter Gespräche zeigt, dass für das Switchen zahlreiche unterschiedliche Motive verantwortlich sein können. Auslöser kann zum Beispiel ein "Fremdwort" aus der anderen Sprache sein – schon geht es in dieser weiter. Manchmal weiß der Sprecher auch in einer Sprache nicht weiter. Oder er erleichtert sich das Reden, indem er grammatisch schwierige Konstruktionen der einen Sprache durch Umschalten umschifft. Oder man passt sich dem Vorredner an. Manchmal hat der Mischsprecher auch einfach Unfug im Sinn. Man kennt ein solches Sprachverhalten auch beim Dialekt: Der plötzliche Wechsel in die Hochsprache kann eine Erzählung spannender machen oder einen Gefühlswechsel anzeigen.

Hinnenkamp, der schon vor 14 Jahren Studien über Straßenbahngespräche veröffentlicht hat, hält Switchen für viel mehr als eine Verlegenheitslösung oder eine Möglichkeit, klandestine Botschaften auszutauschen. Ihm zufolge ist es ein subtiles Werkzeug der Kommunikationssteuerung: Wer so spricht, kann Anwesende aus- oder einschließen. Das Erleben einer gemeinsamen (Sprech-)Kultur verschaffe den Dazugehörigen dabei so etwas wie ein Heimatgefühl.

In den sozial schwachen Milieus der Großstädte spendet das Switchen Prestige. Der Mischer demonstriert, dass er sich in zwei Sprachen auskennt und sich eine eigene, dritte basteln kann. Das verschafft street credibility, auf gut Deutsch: eine akzeptable Position auf der Straße. Regelrecht zu seinem Markenzeichen hat der Offenbacher Rapper Haftbefehl das Mischen gemacht. Sein Song Chabos wissen, wer der Babo ist darf als Mischerhymne gelten, nach der man Jugendlichen kaum noch erklären muss, dass Babo der Chef und Chabos die Jungs sind. (Sogar auf ein Wahlplakat zur bayerischen Kommunalwahl im März schaffte es das Rap-Zitat. Bei einem Kandidaten der CSU.)