DIE ZEIT: Welche Rolle spielt die Lebensdauer von Produkten für Konsumenten bei der Kaufentscheidung?

Lucia Reisch: Kommt auf das Produkt an. Es gibt Dinge, die praktisch nicht sichtbar sind, Glühbirnen zum Beispiel. Und solche, die sich im Laufe der Zeit kaum verändern: Seidenstrümpfe. Solche Produkte sollten aus Sicht der Konsumenten lange halten, was sie oft genug nicht tun. Leider hat sich daran wenig geändert in den vergangenen Jahrzehnten. Andere Produkte, solche, die man sieht, die identitätsnah sind, müssen aus Verbrauchersicht nicht für die Ewigkeit geschaffen sein. Erfahrungsgemäß gefallen sie den Menschen nach einer bestimmten Zeit sowieso nicht mehr.

ZEIT: War das früher anders?

Reisch: Die Wertigkeit hochpreisiger Produkte, die einen relativ hohen Anteil am Haushaltsbudget haben, hat abgenommen. Früher sollten solche Dinge lange halten und reparierbar sein; denken Sie an weiße Ware oder auch an Kleidungsstücke. Da haben sich die Ansprüche dramatisch verändert. Niemand weiß, wie in fünf Jahren ein Handy aussieht und was es dann kann. Warum sollte also heute jemand ein Mobiltelefon kaufen, das zehn Jahre hält? Bei allem, was identitätsnah ist – nicht nur Mode, sondern auch Autos oder moderne Kommunikationsgeräte –, spielt die Frage der langen Haltbarkeit nur noch eine untergeordnete Rolle.

ZEIT: Mit welchen Kommunikations- und Marketingtricks animiert die Industrie die Konsumenten dazu, das neueste Handy und den neuesten TV-Flachbildschirm haben zu wollen?

Reisch: Zum einen mit den üblichen Sozialtechniken der Werbung: Produkte werden personifiziert und heroisiert, sie erfüllen laut Werbeversprechen wichtige Bedürfnisse wie Nähe, Kommunikation, Dazugehören, Attraktivität, Identität – Nokias "connecting people" aus der Anfangszeit der Handys drückt das ebenso aus wie die Events zur Vorstellung neuer Apple-Produkte. Neben der emotionalen Konditionierung ist es aber auch die funktionale Attraktivität der Produkte selbst: Die Kommunikationstechnologie ist ein sehr dynamischer Markt mit sehr schnellen Produktzyklen, die jeweils neueren Versionen bieten ja tatsächlich faszinierende technische Möglichkeiten. Und auf welchem Markt gibt es sonst noch wirklich neue Produkte? Insofern liegt es nahe, dass diese Produkte so designt werden, dass Reparatur die Ausnahme ist und Zubehör oder auch Software auf die neueste Version ausgerichtet sind und in kurzer Zeit kaum mehr nachgekauft werden können.

ZEIT: Telefone, Kameras oder Abspielgeräte werden oft aussortiert, obwohl ...

Reisch: ... sie noch funktionieren, ich weiß. Der Markt ist bei diesen Produkten eben extrem schnelllebig.

ZEIT: Sind die Deutschen ein Volk von Wegwerfern geworden?

Reisch: Ja, das sind sie. Der einzige Trost ist, dass es noch schlimmere Wegwerfer gibt. In Dänemark zum Beispiel ist die Müllmenge pro Kopf viel höher als in Deutschland.

ZEIT: Warum ist Wegwerfen verwerflich?

Reisch: Vor allem weil bei der Herstellung der ausrangierten Produkte Rohstoffe und Energie verbraucht und die Umwelt belastet wurde – und weil obendrein Menschen dafür gearbeitet haben, und zwar nicht immer unter den besten Bedingungen. Man denke nur an den Abbau seltener Erden oder die Textilproduktion. Deshalb ist Verschwendung nicht mehr Privatsache, sondern steht zu Recht auf der politischen Agenda.