Wie schön wäre es, wenn er den Kopf in manchen Momenten ausschalten könnte. Einfach zum Ziel kommen, ohne um die Ecke zu denken. Und wenn er tatsächlich mal falsch abgebogen ist, den Umweg einfach abhaken, ohne dieses ewige Grübeln. Das hat sich Mats Hummels, 25, in den letzten Jahren oft gewünscht. Zum Beispiel als er mit seinem Verein Borussia Dortmund im Champions-League-Halbfinale 2013 gegen Real Madrid spielte und ein Gegentor verursachte. An diese Situation erinnert er sich immer noch genau. Da stand er 20 Sekunden wie paralysiert auf dem Platz: Mann, schimpfte er mit sich selbst, was bin ich nur für ein Idiot, aus 30 Metern mit der Sohle einen Rückpass spielen zu wollen.

Mats Hummels hat sein Vereinstrikot gegen das der deutschen Nationalmannschaft getauscht. Er reiste mit dem Anspruch zur Weltmeisterschaft nach Brasilien, sich "gegen die Konkurrenz in der Abwehr durchzusetzen". Was ihm gelungen ist.

Es gab bei dieser Weltmeisterschaft in Brasilien bereits Schrecksekunden, Kapitän Philipp Lahm zum Beispiel unterliefen ungewohnte Fehler, es gab jedoch noch keine Situation, in der man Mats Hummels grübeln sah – zumindest nicht auf dem Spielfeld.

Aufstieg und Fall sind im Fußball verbrüdert

Ähnlich routiniert trat Hummels bei der Europameisterschaft 2012 auf. Wurde er vor dem Turnier noch wegen seiner Unerfahrenheit kritisiert, zählte er schnell zu den Mannschaftsbesten – bis zum Halbfinale gegen Italien, da begann er zu grübeln, verlor den entscheidenden Zweikampf, das deutsche Team schied aus. Die mediale Kritik konzentrierte sich schnell auf Bundestrainer Joachim Löw und dessen misslungenes Konzept gegen die Italiener. Löw übernahm die Verantwortung für die Aufstellung, wies jedoch auch öffentlich darauf hin, dass Mats Hummels die Flanke vor dem 0 : 1 hätte verhindern müssen.

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Es gibt kaum ein Milieu, in dem Aufstieg und Fall so verbrüdert sind wie im Profifußball. Eine deutsche Nationalmannschaft ohne Kapitän Michael Ballack? Das war nicht auszudenken! Bis Philipp Lahm 2010 um die Ecke bog. Bastian Schweinsteiger hätte womöglich auch nicht gedacht, dass er bei dieser WM zum Einwechselspieler degradiert werden könnte.

Ein guter Fußballer muss mit spielerischem Talent ausgestattet sein. Ist der Sprung in den Kreis der Besten geschafft, dann reicht diese Klasse allein jedoch nicht mehr aus. Dann sind zunehmend charakterliche Fähigkeiten gefragt. Dann kommt es auch auf die Anpassungsfähigkeit eines Spielers an. Er muss seine individuellen Stärken mit den Erwartungen der Mannschaft in Einklang bringen.

Mats Hummels’ Vater Hermann sitzt in einem Frühstückscafé in München-Nymphenburg. Er kommt gerne 15 Minuten zu früh zu einem Termin, auch diesmal. Die Zeit bis zum Beginn des Gesprächs verbringt er mit der Lektüre der Fußball-Fachzeitschrift kicker. Hermann Hummels war lange Jugendtrainer beim FC Bayern München, hat unter anderem die Nationalspieler Toni Kroos und Thomas Müller begleitet und auch den eigenen Sohn trainiert, als der 14 Jahre alt war. Der Vater ist stolz auf seinen Sohn, das spürt man mit jedem Satz, den er sagt. Mats sei schon von Kindesbeinen an dem Motto gefolgt: "Nur wer den eigenen Weg geht, den kann keiner überholen." Mit dieser Einstellung könne man schnell sehr weit kommen, das Problem sei nur, dass sich Fußballer lieber in der Gruppe bewegten. Einzelgänger überlebten in diesem Geschäft selten.

"Der Mats hat viele Eigenschaften, die ihn zu einem ganz besonderen Spieler machen", sagt sein Vater. "Aber er ist schon als Kind manchmal angeeckt." Mats Hummels sagt, sein Vater sei damals besonders streng mit ihm gewesen. Wenn der Sohn wegen Meckerns die Gelbe Karte erhielt, "dann wechselte mein Papa mich sofort aus". Er sollte lernen, sich einem System zu fügen, sich unterzuordnen. Eine Entscheidung auch ohne nachvollziehbaren Grund einfach zu akzeptieren fällt Mats Hummels jedoch bis heute schwer.