Nach dem Dreh kauften die Bongardts ihnen das Gros der Requisiten ab. In einem kleinen Trakt, den sie für sich selbst einrichteten, gönnten sie sich ein WC anstelle des Nachttopfs. Den Rest ließen sie, wie er war, und vermieten die Zimmer seitdem an Menschen, die gerne mal wie ein Dienstmädchen auf Strohmatten schlafen wollen oder nächtigen möchten im Zimmer der gnädigen Frau. "Eine Besucherin, die öfter kommt, läuft hier immer eine Woche in Klamotten der Jahrhundertwende herum."

Beim Rundgang zündet Bongardt in den Fluren unzählige Kerzen an – Strom gibt es im Retrotrakt natürlich nicht. Sie führt die Federkiele vor, mit denen die Herrschaften schrieben, die Glöckchen, mit denen sie die Diener herbeibimmelten. Sie lässt Gäste am Deopuder Talborine schnuppern, der so penetrant-süßlich riecht, dass einem Achselschweiß fast lieber wäre. In der Küche schwingt sie den Schürhaken, damit im riesigen Gutsofen das Feuer lodert. "Der ist toll. Hier koche ich zwar normalerweise nicht. Aber wenn an Weihnachten meine sechs Kinder kommen, kann ich hier vier Enten gleichzeitig braten."

Rossewitz, der erste Barockbau der Region, weckt noch den Heimwerkersinn.

Auf der Fahrt zum nächsten Herrenhaus erzählt Kerstin Klut, wie sie sich schon vor der Wende selbst in ein Schloss verguckt hat. Gut Lüssow rottete damals ungenutzt vor sich hin, das Dach löchrig, die Fenster vernagelt. "Zu DDR-Zeiten waren die Schlösser ja ein Secondhandbaumarkt", erklärt Klut. "Wer gerade ein Fenster brauchte, holte es sich eben dort." In Archiven fing die Sozialpädagogin an, nach Informationen zur Geschichte des Schlosses zu suchen, führte Interessierte über das Gelände und gründete nach dem Mauerfall schließlich einen Verein. So konnten Fördergelder für Handwerker beantragt werden, die Dach und Wände ausbesserten und den Keller trockenlegten.

Ein Mal im Jahr lud sie die Vereinsmitglieder in einen Bus, um in der Gegend zu schauen, wie andere das anstellen: ein Herrenhaus herrichten. Dabei begegneten sie Leuten, die leidenschaftlich gegen Asbest und Mauerrisse kämpften. Und manchen Dorfbewohnern, die bis heute nicht verstehen, warum man diese feudalen Kästen ausbessert, statt einen zentralbeheizten Neubau mit Ikea-Möbeln danebenzustellen. Aus den Vereinsausflügen entwickelte Klut später ihre "Schlossverführung", mehr Hobby als Nebenerwerb. Oft muss sie ihre Touren neu sortieren – weil die Gutsherren häufig wechseln, Mut, Kreditgeber oder beide sie im Stich lassen und weil nicht jeder Eigentümer gerne Fremde an seiner Tafel sitzen hat.

Viele Häuser in ihrem Programm würden Besucher auf eigene Faust nicht einmal finden. Wir ruckeln über einen Sandweg, durch Matsch und Pfützen und parken in hüfthohem Gras. Hier hätte man bestenfalls ein paar Rebhühner erwartet, aber ganz sicher nicht Schloss Rossewitz, mehr Palast als Herrenhaus, Stammsitz derer von Vieregges, der erste Barockbau der gesamten Region. Vom Balkon aus winkt eine grauhaarige Frau in ockergelber Weste: Siegrid Freiheit, die uns Klut als "die gute Seele von Rossewitz" vorstellt. Als ABM-Kraft aus dem Nachbarort flickte sie hier früher Gemäuer, sägte Dachbohlen und bot irgendwann ehrenamtlich sonntags Führungen an. Das ABM-Projekt ist längst vorbei, aber Freiheit zeigt Gästen noch immer ihr Schloss, obwohl es mittlerweile einem privaten Investor gehört.

Der Mann hat Mut. Rossewitz ist ein Schloss im Rohzustand. Hier bröckelt kein Putz, er fehlt gleich ganz. Statt Tapete sehen wir rauen Backstein, statt Dielenboden Staub und Sand. Kaum ein Raum, der überhaupt noch so etwas wie einen Fußboden hat. Nur im Obergeschoss lässt sich besichtigen, wie es früher einmal ausgesehen haben muss. Im Festsaal strahlen Säulen aus rosa-grünem Marmor unter zierlichen Balkonen – oder vielmehr auf ihr Trugbild. "Das ist Illusionskunst vom Feinsten", sagt Freiheit. Mit leuchtenden Augen stapft sie über die Planen, die am Boden ausliegen, streichelt hier über einen Stein, weist dort auf einen gemeißelten Stierkopf.

Wo nicht mehr viel zu sehen ist, lässt Freiheit mit Anekdoten Bilder im Kopf entstehen. Dort drüben, in diesen Sälen drehte 1973 ein Defa-Team Goethes Wahlverwandtschaften, Rossewitz letzter großer Auftritt, bevor das Schloss von der zuständigen Bürgermeisterin – "Die war sehr rot, die sah hier nur den verhassten Feudalismus" – zum Plündern freigegeben wurde. Das Wappen lagert seither bei einem Rentner in der Garage. In der Küche, wo die Steine schwarz sind, briet einst jeden Tag ein ganzes Schwein, da drüben schmorte Gemüse, und über diese kleine Treppe gelangten die Herren zum Außen-WC. Im Untergeschoss soll es gespukt haben. Vielleicht knackte aber auch nur das Holz, wenn es sich nachts zusammenzog.

Noch grübelt der Investor, wie er die verfallene Grandezza nutzen soll. Eigentlich sollten hier Büros für Kreative entstehen, die nur einen Laptop brauchen und Inspiration im Wipfelgrün suchen. Doch denen war Rossewitz zu stadtfern. Wenn es nach Kerstin Klut geht, darf der Besitzer sich ruhig noch ein wenig länger den Kopf zerbrechen. "Für mich ist das schön so. Hier kann man träumen, wie es mal war. Träumen, wie es mal sein wird. Fertig wäre es nicht so schön. Fertig wäre es mit dem Träumen vorbei."

Und tatsächlich haben mittlerweile alle ein Lächeln auf den Lippen. Die Männer stecken die Köpfe zusammen und fachsimpeln: Das Haus weckt ihren Heimwerkersinn. Die Frauen laufen von Raum zu Raum, in diesem Saal könnte man wunderbar tanzen, dort, im Rundbogen, einen Lesesessel aufstellen, unterm Dach Nistkästen für Schleiereulen aufhängen ... Und für ein paar Minuten sind wir alle Schlossbesitzer.