Die Inserate überbieten sich gegenseitig. "Bio-Muttermilch – von einer glücklichen Mutter", "Liebevolle vegane Stillmama sucht hungrigen Fratz" oder auch, für ganz Wählerische: "Vegane, koffeinfreie, gesunde Bio-Nichtraucher-Milch! Glutamatfr., Aspartamfr." – also ohne Geschmacksverstärker und Süßstoff.

Seit Anfang des Jahres können stillende Mütter auf der Website muttermilch-boerse.de ihren Milchüberschuss zum Verkauf anbieten. In den ersten Monaten haben bereits mehr als 100 Frauen Inserate eingestellt. Wie viele ihre Milch tatsächlich an die Frau bringen, weiß Betreiberin Tanja Müller nicht. Sie ist selbst Mutter zweier Kinder, und bevor sie mit ihrer Website online ging, boten Mütter in Deutschland ihre Milch ausschließlich auf Facebook und in Online-Kleinanzeigen an.

Doch das neue Angebot wird argwöhnisch beäugt. Dem eigenen Kind die Milch einer Fremden geben? Für viele ist das undenkbar, nicht nur für Mütter. Dabei war es durchaus lange Zeit üblich, Muttermilch zu teilen: Bis ins 20. Jahrhundert übernahmen oft Ammen die Versorgung der Babys, wenn die eigene Mutter ihr Kind nicht stillen wollte oder konnte. In anderen Kulturkreisen ist dies auch heute noch üblich.

Der Start der Muttermilchbörse hat nun für eine Diskussion über Sinn und Unsinn von "Stillen" mit fremder Muttermilch gesorgt. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Gefahren das Füttern fremder Muttermilch birgt. Und ob dieser Handel tatsächlich notwendig ist angesichts von Alternativen wie Pulvermilch.

Sterile Muttermilch kann es nicht geben

Mediziner zumindest warnen vor den gesundheitlichen Risiken. Für die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung sind die Gefahren "nicht kontrollierbar und insgesamt zu groß". Weil über die Muttermilch gefährliche Erreger und ansteckende Krankheiten übertragen werden können, raten die Experten vom Onlineversandmodell ab.

Corinna Gebauer teilt die Bedenken. Die Medizinerin leitet Deutschlands größte Frauenmilchbank an der Universitätsklinik Leipzig, in der stillende Mütter überschüssige Milch spenden können, die für die Versorgung von Frühchen dringend benötigt wird. "Bevor wir Frauen als Spenderinnen annehmen, testen wir sie auf Krankheiten wie Hepatitis B und C, HIV-Infektionen und Syphilis. Erst wenn die Ergebnisse vorliegen, wird die Milch freigegeben."

Im Netz gibt es diese Kontrollen nicht. Zwar empfiehlt Müller den Nutzerinnen ihrer Website, sich entsprechende ärztliche Nachweise zeigen zu lassen, aber: Wer hat schon einen aktuellen HIV-Test zur Hand? Der Handel läuft auf Vertrauensbasis. Viele Anbieterinnen formulieren ihre Anzeige deshalb schon in diese Richtung: Angebote wie "Biete steril abgepumpte Muttermilch" findet man dort. Doch die sind unsinnig – Muttermilch ist nie steril. Das kann sie gar nicht sein: Auf der Haut, also auch an der Brust, tummeln sich Millionen von meist harmlosen Bakterien. Und die können sich vermehren. Doch im Kühlschrank könne man Muttermilch "bei vier Grad Celsius ruhig 72 Stunden lagern", sagt Gebauer. Der Grund dafür sind die antibakteriellen Eigenschaften frischer Muttermilch. Bei höheren Temperaturen erhöht sich die Keimzahl jedoch binnen weniger Stunden um ein Vielfaches. "Das Wichtigste", sagt Gebauer, "ist daher die Kühlung".

Eine ununterbrochene Kühlkette ist das Wichtigste

Wer im Netz kein Angebot aus der Umgebung findet, kann sich deshalb auf der Muttermilchbörse ein Versandpaket aus Styropor mit Kühlakkus bestellen. Dennoch birgt die Lieferung per Post das Risiko, dass die Kühlkette unterbrochen wird. Milchbanken haben da einen entscheidenden Vorteil: "Bei jedem Fläschchen wird vor dem Verzehr mikrobiologisch untersucht, ob krank machende Keime wie Darmbakterien enthalten sind", erklärt Gebauer.

Von dieser Sicherheit profitieren jedoch ausschließlich Frühchen und kranke Neugeborene in der Uni-Klinik. Für sie ist Muttermilch oft überlebenswichtig. Derzeit gibt es in Deutschland 13 Frauenmilchbanken mit einem Spendenaufkommen von insgesamt 3.000 bis 4.000 Litern pro Jahr. Knapp ein Drittel davon lagert in Leipzig. Doch die Menge reicht kaum für die Versorgung der Babys vor Ort. Immer wieder muss Gebauer deshalb Anfragen von Müttern gesunder Kinder zurückweisen. "Damit wir nicht nur Frühgeborene unterstützen, sondern auch die Nachfrage von anderen Mamas versorgen können, brauchen wir deutlich mehr Milch", sagt sie.