Rechner, Knopfhörer und Mikrofon sind nicht alles. Jede gute Kultursendung lebt vom Mut der Macher.

Um es vorauszuschicken: Ich liebe das Radio. Ich verdanke ihm meine Erweckung zur klassischen Musik und, über ein paar Ecken, auch meinen Beruf. Ich liebe das Radio, weil es so klug, schnell, lebendig und nah dran sein kann an der Kunst und am Leben wie kein zweites Medium. Ich liebe das Radio, weil es meine Augen schont. Ich liebe das Radio, weil es mir ein Stück Heimat bietet, fast ganz gleich wo. Kein Morgen ohne Radio, wenige Abende. Und ich liebe das Radio auch, weil es für mich, die ich gelegentlich für Rundfunkanstalten arbeite, kaum eine aufregendere sinnlich-performative Erfahrung gibt als die, am Mikrofon zu sitzen und gemeinsam mit "meinem" Publikum Musik zu hören.

Gerade in Zeiten medialen Wandels, um es weniger persönlich zu fassen, in denen es Bekenntnisse braucht, um starke Weichen zu stellen, sollte das Radio der erste Spiegel der Gesellschaft sein, ihr feinnervigster Seismograf. Ist es das noch?

Es gibt Symptome dafür, dass die breite gesellschaftliche Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks schwindet. Der Umgang mit Kritik und Protesten scheint zu dieser Entwicklung ebenso beigetragen zu haben wie der seit etwa zehn Jahren schwelende Streit um den Zuschnitt des kulturellen Angebots. Die "Einschläge", wie Christian Höppner sich ausdrückt, der Generalsekretär des Deutschen Musikrats, die das System infrage stellten, kämen "in immer dichterer Folge immer näher". Die Orchesterfusion beim SWR, das Verschwinden von BR-Klassik aus dem UKW-Netz zugunsten des Jugendsenders PULS, der Rotstift, der über allen und allem kreist – dies lege in der Summe eine "Erosion des Selbstverständnisses" nahe. Wenn es so weitergehe, ruft Höppner ins Handy, wenn die Radiomacher nur daran dächten, die Nachfrage zu decken und nicht auch zu wecken, selbstbewusst, mutig, kreativ, "dann steht mittelfristig die Zukunft auf dem Spiel".

Das sieht der WDR hundertprozentig anders. Er begreife sich als "die mediale Kulturplattform in NRW", schreibt man mir, und sei der "weltweit aktivste Auftraggeber für Kompositionen der zeitgenössischen Musik". Bei WDR 3 stehe statt der Quote die Relevanz im Vordergrund, die jüngsten Reformen seien "gelungen" (nicht zuletzt weil sie die "Fachkompetenz der Musik" stärkten), und dem Bildungsverlust in der Gesellschaft begegne man "mit einem beispiellosen Engagement in Musik vermittelnden Aktivitäten". Faktisch und im Einzelnen ist das alles überhaupt nicht zu bezweifeln, der WDR war und ist ein potenter Sender mit enormen Möglichkeiten. Derart viele Superlative auf einmal jedoch, vom Pressesprecher formuliert, lassen ein wenig an das berühmte Pfeifen im Walde denken. Fehlt noch die Frage nach dem Umgang mit Kritik. Dazu heißt es: "Der WDR ist dankbar für die kritische Begleitung durch sein Publikum ... Dabei scheuen wir weder kritische Fragen noch intensive Auseinandersetzungen mit unseren Kritikern." Das, mit Verlaub, ist bestes Marketing-Deutsch.

Weiter südlich, beim SWR, gegen den in den vergangenen Monaten die gesamte Musikprominenz Sturm gelaufen ist (ZEIT Nr. 47/13), geht es wenigstens in diesem Punkt gelassener zu. Man habe gelernt, sagt die SWR2-Musikchefin Dorothea Enderle, "mit Kritik umzugehen", schließlich spiele sich vieles davon im Umfeld der abendlichen Konzertübertragungen ab, Demonstrationen, Protestadressen, Schweigeminuten. "Die Kritik an der geplanten Orchesterfusion ist Teil der Realität, also bilden wir sie im Programm mit ab", so Enderle. Der Geschäftsführung dürfte das nicht leichtgefallen sein. Am 16. Juli wird es in Freiburg eine Geber- und Trägerkonferenz zum Erhalt des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg geben, drei Millionen Euro legen die privaten Initiatoren als Diskussionsgrundlage auf den Tisch – was ziemlich genau dem verordneten Einsparpotenzial entspricht. Es hat sich offenbar gelohnt, auf die Barrikaden zu steigen.

Auch der BR weiß inzwischen, wie wenig es sich empfiehlt, die öffentliche Meinung zu negieren. "Die Proteste haben gezeigt, wie sensibel Menschen, denen klassische Musik am Herzen liegt, auf solche geplanten Veränderungsprozesse reagieren", stellt Oswald Beaujean fest, der Leiter von BR-Klassik. Ursprünglich sollte der Kanal ab 2016 nur mehr digital über DAB+ ausgestrahlt werden, jetzt stimmt der Rundfunkrat am 10. Juli wohl über das Jahr 2018 ab. Strittig sei das Kleingedruckte in der Beschlussvorlage, heißt es gerüchteweise. Fußnoten, die sich auf den problematischen Indoor-Empfang von DAB+ beziehen (hinter Mauern und Fenstern funktioniert’s oft nicht) oder auf die Autoindustrie, die keine Lust auf teure Spezialtechnologien hat und sich bedeckt hält. Das sind mehrheitlich Gerüchte, wie gesagt, Beaujean formuliert das weicher, sibyllinischer. Aber vielleicht ist das uneigentliche Sprechen ja auch ein Symptom. Viele Mitarbeiter, feste wie freie, in München, Köln, Stuttgart oder Hamburg, wollen reden, aber namentlich nicht genannt werden. Als gehe in unseren Funkhäusern die Angst um. Als sei hier mehr als irgendwo sonst in der Gesellschaft das Grundvertrauen zerbrochen zwischen denen, die für die Inhalte Sorge tragen – etwa für die klassische Musik, die im Kulturradio traditionell eine herausgehobene Rolle spielt –, und denjenigen, die strategisch und in die Zukunft denken.