Papst Franziskus bei seinem Besuch in Süditalien © Giampiero Sposito /Reuters

Der Papst sprach die entscheidenden Worte in Kalabrien aus, nicht in Rom. Er wusste, sie würden klar und deutlich vernommen werden. Er war nach Cassano an der ionischen Küste gefahren, um den Eltern des dreijährigen Cocò Trost zu spenden. Ihr Kind war durch einen Kopfschuss getötet und dann verbrannt worden (Cocò wurde im Januar Opfer eines Racheakts zwischen rivalisierenden Mafia-Clans, Anm. d. Red.).

Ein ermordetes Kind ist der definitive und unumstößliche Beleg für die Verlogenheit des Ehrbegriffs der Mafiosi. Franziskus hat mit einer einzigen Geste die Lüge der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, zunichtegemacht: die Lüge von der Ehrengemeinschaft, der Beschützerin der Armen und Schwachen, die angeblich für Gerechtigkeit, Arbeit und sozialen Frieden sorgt. Man sollte meinen, es sei selbstverständlich, dass die Kirche sich eines ermordeten Kindes annimmt und die Täter verdammt. Aber leider ist das nicht der Fall. Der Pfarrer von Cassano, ein Mann namens Silvio Renne, sagte kürzlich in einem Interview: "Wie, schon wieder Cocò? Die Sache ist abgeschlossen. Wir haben ihn beerdigt. Ich bin kein Ermittlungsbeamter. Ich bin nicht derjenige, der feststellen muss, wer es war. Und außerdem steht noch überhaupt nicht fest, ob tatsächlich die Drogenmafia oder die ’Ndrangheta dahintersteckt ..."

Für Papst Franziskus ist die Sache nicht abgeschlossen, und er fürchtet sich nicht, zu sagen, die Mafia sei schuld. Ihre Mitglieder aus der christlichen Gemeinschaft auszuschließen und diesen Ausschluss selbst in Kalabrien zu verkünden ist mutig ("Diejenigen, die den falschen Weg wählen, wie auch die Mafiosi, sind nicht in der in der Gemeinschaft mit Gott. Sie sind exkommuniziert", Anm. d. Red.). Die Exkommunikation, eine Strafe des kanonischen Kirchenrechts, hat im Laufe der Zeit den dramatischen Charakter verloren, den sie bis zum Ende des Kirchenstaates hatte. Jetzt aber ist sie eine Geste von größtmöglicher Symbolkraft, geeignet, die oftmals engen Verbindungen der mafiösen Clans zu den Pfarreien vor Ort zu kappen. Die Worte des Papstes klingen wie endgültige Urteile, und sie entlarven die Lügen der Mafiosi, die sich als gläubige Katholiken und treue Angehörige der römischen Kirche ausgeben.

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Auch Papst Johannes Paul II. hatte – am 9. Mai 1993 in Agrigent – die Mafia hart attackiert: "Bekehrt euch, die Strafe Gottes wird kommen." Zwei Monate später antworteten die Mafiosi von Corleone mit einer Bombe an der Kirche San Giovanni in Laterano. Danach flaute das Anti-Mafia-Engagement der hohen kirchlichen Würdenträger wieder ab. Es schien, als habe man diese Aufgabe nach unten abgegeben, an die Straßenpriester, die Slumgeistlichen.

Zum Aufnahmeprozedere gehört ein Heiligenbild des Erzengels Michael

Will die Kirche nun die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, muss sie der Exkommunikation konsequenterweise weitere, ebenso fundamentale Schritte folgen lassen: keins der Geschenke mehr annehmen, die die Mafia ihr macht; die Priester, die der Mitwisserschaft überführt wurden, ihres Amtes entheben und verurteilen; eine kircheninterne Anti-Mafia-Kommission gründen, die unabhängig von den Polizeibehörden die Verknüpfungen durchleuchten kann; die Exkommunikationen auf katholische Politiker und Unternehmer ausweiten, die Beziehungen zum Organisierten Verbrechen unterhalten.

Die Exkommunikation ist eine so wirkungsvolle Waffe, weil die Religion im Selbstverständnis der Mafia eine grundlegende Rolle spielt: Die "Kultur" ihrer Clans ist durch ein ganzes Bündel von Ritualen geregelt. So wird man zum Mitglied der ’Ndrangheta mittels der Santina, eines papiernen Heiligenbildchens, auf dem ein Gebet geschrieben steht. Beim Aufnahmeritual lässt der Anwärter sein Blut auf das Bild tropfen, das den Erzengel Michael zeigt. Er ist der Schutzpatron der ’Ndrangheta-Familien. Die oberste Führung der Mafia wird Santa, die Heilige, genannt, einer der höchsten Ränge innerhalb ihrer Hierarchie heißt Vangelo, Evangelium.

Die Mafia versteht sich als von der Vorsehung gewollte Ordnungsmacht: Auch das Töten ist gerecht, wenn die Zielperson den Frieden und die Sicherheit der "Familie" gefährdet. Die Muttergottes wird als Mittlerin angesehen: Durch sie erkennt ihr Sohn Jesus, dass in einer Welt der Sünde und des Unrechts dieser Gewaltakt dem Guten dient. Selbst die Sakramente werden zur Stärkung der mafiösen Beziehungen genutzt. Früher wurden den männlichen Säuglingen am Tag ihrer Taufe ein Messer und ein Schlüssel an die Seite gelegt. Berührte das Kind das Messer, war es zur "Ehre" bestimmt, griff es nach dem Schlüssel, würde aus ihm ein Polizist werden. Natürlich lag der Schlüssel immer weit weg.