Haben die Europäer bei ihrer letzten Wahl für einen Kandidaten oder für eine Politik votiert, wollten sie mehr Europa oder weniger? Keiner weiß es. Aber ganz gewiss haben sie nicht die Erpressungen rund um Ämter und Schuldenregeln gewählt, die nun seit Wochen die europäische Politik bestimmen.

Erst haben die Briten damit gedroht, dass sie auf lange Sicht aus Europa ausscheiden müssten, rückte der konservative Kandidat Jean-Claude Juncker an die europäische Spitze. Dann griffen Frankreich und Italien zum gleichen Mittel. Sie wollen Juncker als Präsidenten der EU-Kommission nur durchwinken, wenn sie dafür künftig mehr Schulden machen dürfen.

Gerade der Erpressungsversuch aus Rom und Paris wirkt merkwürdig, denn kaum ein führender Europäer, und das schließt Angela Merkel ein, will Juncker wirklich. Der Luxemburger steht für ein Europa, das hilflos in die Krise geschlittert ist – und für sein eigenes Ländchen, das in hohem Maß von der Steuerflucht aus den Partnerländern lebt. Trotzdem erweist sich nicht etwa die britische, sondern die südeuropäische Drohung als ein Angebot, das Europa nicht ablehnen kann. Zu tief haben sich Merkel und Co. in die europäische Wahlarithmetik verstrickt, als dass sie vom Kandidaten Juncker lassen könnten.

Bleibt die Frage: Wenn schon nicht die richtige Person an die Spitze der EU rückt, gewinnt durch das bizarre Manöver dann wenigstens die richtige Politik?

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Europa wird also den Stabilitätspakt künftig extraweich auslegen, damit die Südländer mehr Schulden machen dürfen. Und ist mehr Geld für Wachstum angesichts der grassierenden Hoffnungslosigkeit am Mittelmeer nicht auch gerechtfertigt? Von Sizilien bis zur Normandie finden junge Menschen kaum noch Jobs, retten sich ins Studium oder auf den Schwarzmarkt. In Frankreich sind fast 25 Prozent der Jungen, die überhaupt noch am Arbeitsmarkt sind, arbeitslos, in Italien sogar 43 Prozent. Für die Betroffenen und ihre Länder ist das ein soziales Drama.

Frankreich und Co. sollten nicht so tun, als hätten sie alles gegeben

Und doch ist es überaus fraglich, ob mehr Staatsausgaben die Hoffnung zurückkehren ließen. Das liegt nicht bloß daran, dass Staaten mit ihren Geldkanonen oft danebenzielen. Wichtiger ist: Die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist hausgemacht. In den Krisenländern gibt es nicht einen Arbeitsmarkt für alle, sondern zwei getrennte Arbeitsmärkte für Junge und Alte. Die Jobs der Alten sind über die Maßen gesichert, und die Jungen bilden mit hochflexiblen Anstellungen das, was Marx eine industrielle Ersatzarmee genannt hätte. Nirgends lässt sich das besser beobachten als in Italien, wo die Jugendarbeitslosigkeit fast viermal so hoch ist wie die allgemeine Quote. Das schreit aber nicht nach neuen Milliarden für die Konjunktur, sondern nach einschneidenden Reformen.

Es gibt bei dem Thema nicht nur eine Wahrheit. Das gilt auch für die sogenannte Austerität, also für das Durchsetzen strikter Haushaltsdisziplin. Vor allem Deutschland wird dafür heute am Mittelmeer verabscheut. Die Politiker in Rom oder Paris tun so, als sei Europa ein unsolidarischer Zuchtmeister. Das stimmt aber nicht. Nur weil Europa mit Zinsen nahe null und leichtem Geld für die Banken nachhilft, können auch die Südländer heute sehr günstig neue Schulden aufnehmen.

Für diesen immensen Vorteil bezahlen deutsche Sparer, deren Einlagen Jahr für Jahr weniger wert werden. Und dafür bezahlt Europa, weil seine Zentralbank den Finanzinstituten im Süden für schlechte Sicherheiten gutes Geld gegeben hat. Dadurch geht das Risiko auf die Gemeinschaft über. Wenn die Südländer nun also fordern, Europa solle ihnen Zeit kaufen, dann kann man nur sagen: Genau das ist längst geschehen. Nur haben manche Länder diese Zeit nicht genutzt, allen voran Frankreich.