DIE ZEIT: Herr Grewe, haben Sie als Schüler nie blaugemacht?

Norbert Grewe: Doch. Ich war Chefredakteur unserer Schülerzeitung. Da kamen wir mit den Terminen immer so in Bedrängnis, dass ich bei jeder Ausgabe einen Tag gefehlt habe.

ZEIT: Und, haben Sie Ärger bekommen?

Grewe: Mich hat nie jemand darauf angesprochen. Das lag vermutlich damals schon an der Schulform. Am Gymnasium wird die Schwänzerzahl von den Lehrern meistens stark unterschätzt, aber auch dort beginnen echte Schwänzerkarrieren.

ZEIT: Schwänzerkarriere – das klingt nicht wirklich dramatisch.

Grewe: Es klingt nach "Ich mach mal blau und habe Spaß daran". Der Begriff ist tatsächlich ein Problem in der Wissenschaft, ebenso wie "Schulverweigerung". Da klingt die Vorstellung durch, die Schülerinnen und Schüler müssten nur einen Schalter umlegen und könnten dann am nächsten Tag wiederkommen. Wir sprechen deshalb auch lieber von "Absentismus". Die Langzeitwirkungen von Schulverweigerung und -absentismus sind besorgniserregend: Etwa sechs Prozent der Schulabgänger haben keinen Schulabschluss, rund 15 Prozent keinen Berufsabschluss. In dieser Gruppe finden sich viele wieder, die lange geschwänzt haben und nie wieder den Anschluss finden.

ZEIT: Warum wird einer zum Schulverweigerer?

Grewe: Es gibt drei große Risikofaktoren. Einerseits die Schulleistung. Wenn die ständig sinkt und Erfolgserlebnisse ausbleiben, steigt auch die Angst vor der Schule. Ein anderer Bereich sind die sozialen Beziehungen. Wir haben festgestellt, dass 16 Prozent aller Schüler und Schülerinnen, die regelmäßig in der Schule fehlen, gemobbt wurden. Dazu kommt dann oft noch eine schlechte Beziehung zu den Lehrern. Der dritte Risikofaktor sind Probleme innerhalb der Familie.

ZEIT: Gibt es den typischen Schwänzer?

Grewe: Eine Untersuchung aus der Schweiz zum Absentismus hat vier Schülertypen unterschieden. Etwa 44 Prozent waren immer präsent und machten gar nicht blau. Eine zweite Gruppe, die überdurchschnittlich intelligent und leistungsstark war, fehlte ab und zu. Das waren etwa 23 Prozent. Sie konnten sich aber offenbar frei entscheiden, zurück in die Schule zu gehen – ohne deswegen Einbußen in der Schule zu haben. Der dritte Typus, etwa 16 Prozent, möchte Situationen vermeiden, die Angst machen, etwa Prüfungen. Und geht deshalb nicht zur Schule. Und dann gibt es eine Gruppe von etwa 10 Prozent, das sind die hartnäckigen Fälle, sie fallen schnell raus, da sie den Anschluss nicht mehr schaffen, auch wenn sie irgendwann wieder zur Schule gehen. Die Schulleistungen sinken dann immer weiter.

ZEIT: Wie sieht es in Deutschland aus?

Grewe: Es gibt keine systematische Erfassung von Schwänzerzahlen. Wir müssen uns da auf kleinere Regionalstudien stützen. Um festzustellen, wie viele Schüler zu den hartnäckigeren Fällen zählen, wird etwa die Frage gestellt: "Hat du mehr als fünf Tage im letzten Schulhalbjahr geschwänzt?" Bei den meisten Untersuchungen bejahen das etwa 10 Prozent. Es variiert etwas nach Schulform. An Gymnasien liegen die Zahlen zwischen 5 und 8 Prozent. An den Hauptschulen so um die 16 Prozent. Aber die Zahlen sind über die Jahre recht konstant.

ZEIT: Und trotzdem will es keiner so genau wissen?

Grewe: Keine Schule würde diese Daten freiwillig veröffentlichen. Zu groß ist die Angst, als Problemschule zu gelten. Merkwürdigerweise fordern die Kultusministerien die Zahlen von den Schulen auch gar nicht an. Absentismus wird immer noch wie ein Tabuthema behandelt. Ein blinder Fleck, der gepflegt wird.

ZEIT: Was können Eltern tun, wenn sie merken, dass ihr Kind Angst hat vor der Schule und den Lehrern?

Grewe: Viele Eltern wollen, aber können kaum etwas machen – weil sie den Kontakt zu ihrem Kind verloren haben. Ich glaube, dass man deshalb schon viel früher professionell nachfragen muss: Was ist da eigentlich los? Dazu müsste man ein Aufmerksamkeitssystem installieren, damit auf das Fernbleiben in jedem Fall reagiert wird. Die Praxis ist aber oft so, dass erst eingeschritten wird, wenn das Kind schon viele Tage oder Wochen gefehlt hat. Das ist zu spät.

ZEIT: Welche Sanktionen würden denn etwas bringen – Bußgelder für Eltern von Schulverweigerern?

Grewe: Alle Kommunen haben Bußgeldkataloge, es gibt auch Länder mit Jugendhaft für hartnäckige Schulverweigerer. Das alles sind Eingriffe am Ende einer Schwänzerkarriere. Wenn die Polizei vor dem Schulhof steht und ein Kind in der Schule abliefert, ist es zu spät. Da sind viele Stationen, an denen man vorher bereits klare Regeln aufstellen und gleichzeitig Hilfe anbieten könnte, verpasst worden.

ZEIT: Wie müsste ein erfolgreiches Frühwarnsystem aussehen?

Grewe: Mein Lieblingsbeispiel aus dem EU-Projekt "Absenteeism", an dem wir vor einigen Jahren teilgenommen haben, ist das "Ampelsystem" aus dem englischen West Sussex. Die Schulen dort registrieren jede Fehlstunde am PC. Nach einer bestimmten Anzahl von Stunden springt das Signal von Grün auf Gelb – das heißt: Jetzt muss ein Gespräch zwischen Schüler und Sozialarbeiter stattfinden.

ZEIT: Auch wenn das Kind in der Zeit nachweislich krank war?

Grewe: Dieses Gespräch findet in jedem Fall statt. Denn hat ein Schüler viel versäumt, hat er vielleicht auch Angst, wieder in die Schule zu kommen. Es geht darum zu zeigen: Du hast gefehlt, und wir haben es gemerkt. Projekte gegen Schulverweigerung sollten immer eine Kombination aus Hilfe und Konsequenz sein, geleitet von der Frage: Wie lässt sich eine Brücke bauen, damit der Schüler wieder in die Schule zurückkommt?