DIE ZEIT: Ihre Doktorarbeit trägt den Titel "Gehst du Bahnhof oder bist du mit Auto?" Wo sind Sie diesem Satz begegnet?

Diana Marossek: Zu Hause! Meine jüngere Schwester hatte Freundinnen zu Besuch, alle von einer behüteten Schule in Pankow am Stadtrand von Berlin, ohne Migrationseinflüsse. Trotzdem sprachen sie, als ob sie aus dem tiefsten Wedding kämen. Ich habe auch Kita-Erzieherinnen mit ihrer Gruppe so sprechen gehört oder Menschen in der S-Bahn.

ZEIT: Was ist das Besondere an dieser Sprache?

Marossek: Dieser Soziolekt mischt vor allem deutsche und türkische Wörter und Grammatikstrukturen. Er verzichtet, wie das Türkische, auf Artikel und Präpositionen: Gehst du Bus? Kommst du mit Kino? Wir gehen Disko. Und es fallen sogenannte prosodische Merkmale auf: abgehacktes Sprechen und eine kehlige, aufgeregte Sprachmelodie besonders in Situationen, in denen es ums Prestige geht.

Übersetzt bedeutet das: Esel, Sohn eines Esels. Ich ficke deine Mutter. Du hast wohl lange keinen Sex gehabt.
Diana Marossek, Soziolinguistin

ZEIT: Wo haben Sie geforscht?

Marossek: Ich habe ein Jahr lang 30 Berliner Schulen in allen Bezirken besucht. Ich habe mich in den Klassen als Referendarin vorgestellt und einfach zugehört, Notizen gemacht, Dialoge aufgeschrieben. Die Ausbeute war großartig. Meine Arbeit hat immerhin 400 Seiten.

ZEIT: Was ist Ihnen besonders aufgefallen?

Marossek: Dass vieles, was aggressiv klingt, gar nicht so gemeint ist. Es wird eher als "rituelle Beschimpfung" verwendet.

ZEIT: Wie hört sich das an?

Marossek: So etwa: Du Spast, Alter, isch schwöre. Eşekoğlu eşek. Ananı sikerim. Abazan, Alter, isch schwöre. Übersetzt bedeutet das: Esel, Sohn eines Esels. Ich ficke deine Mutter. Du hast wohl lange keinen Sex gehabt.

Alle verstehen es – nur der Lehrer nicht

ZEIT: Verstehen das auch Schüler ohne Migrationshintergrund?

Marossek: Die ganze Klasse hat es verstanden, nur der Lehrer nicht.

ZEIT: Was ist das Ergebnis Ihrer Dissertation?

Marossek: Meine erste These: Berliner ohne Migrationshintergrund verwenden unreflektiert die türkische oder arabische Frage- und Antwortsyntax. Die zweite These: Das fällt gerade Berlinern leicht. Denn unser Dialekt hat ähnliche grammatische Strukturen. Berliner sagen auch: Bist du auf Arbeit? Ich bin mit Auto.

ZEIT: Und diese Mischsprache spricht man nicht nur in bestimmten sozialen Milieus?

Marossek: Nein, auch auf dem Gymnasium in Zehlendorf. Besonders, wenn es um Prestige und Identität geht. Dann redet ein Gymnasiast gern wie der große starke Ghettojugendliche, der unangreifbar ist.

ZEIT: Machen das vor allem die Jungen?

Marossek: Nein, Mädchen sprechen ganz ähnlich. Sie sind nur ruhiger, weniger aggressiv. Sie schimpfen anders. Liebevoller.

Man kann sich dem Soziolekt nicht entziehen

ZEIT: Wie schimpft man denn liebevoll?

Marossek: "Schätzchen, zick jetzt mal nicht so rum." Ein Junge würde sagen: "Alter, ich ficke deine Mutter."

ZEIT: Sollten auch Lehrer diesen Soziolekt beherrschen?

Marossek: Wenn Lehrer Jugendcode benutzen, wirkt das uncool oder wird als herablassend empfunden. Ich habe sogar erlebt, dass Schüler einen Lehrer, der versucht hat, so zu sprechen, nicht mal verstanden haben. Die haben den korrigiert!

ZEIT: Aber können sich Lehrer dem überhaupt entziehen?

Marossek: Kaum. Diese Sprache scheint sich leicht im Gehirn festzusetzen. Manchmal rutscht auch Erwachsenen so etwas heraus: "Ich geh Bäcker. Soll ich dir was mitbringen?" Und im Lehrerzimmer habe ich gehört: "Margit, gehst du Kopierer?"