Hochschulen laufen über vor Studenten.

Eine Angst geht um unter deutschen Abiturienten: die Angst, trotz guter Noten keinen Studienplatz zu bekommen. Bei jungen Leuten, die in acht Jahren durch das Gymnasium gehetzt wurden, ist diese Angst mittlerweile sogar größer als die, später keinen passenden Job zu finden. Jeder zweite Studienberechtigte sorgt sich, an Zulassungsbeschränkungen wie dem Numerus clausus (NC) zu scheitern. Unter denjenigen, die Medizin, Psychologie oder Pädagogik studieren wollen, sind es sogar bis zu 80 Prozent. Am Ende, auch das zeigt die gerade veröffentlichte Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, musste 2013 tatsächlich jeder fünfte befragte Studienberechtigte ein Jahr überbrücken, weil er keinen Platz im Wunschstudium gefunden hat.

Die Sorge ist also durchaus verständlich. Zum letzten Wintersemester waren an den 20 größten Hochschulen in Deutschland zwei Drittel der Bachelorstudiengänge zulassungsbeschränkt. Übers ganze Land betrachtet, waren es 53 Prozent. Es gibt Unis wie die in Köln oder Hamburg, an denen praktisch kein Fach mehr ohne NC ist, selbst in den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Das ist kein böser Wille von den Unis. Es ist ein Akt der Notwehr. Die Unis können nicht jeden nehmen, den Politik und Wirtschaft gern als spätere Fachkraft hätten. Die Studiengänge müssen studierbar bleiben.

Die Hochschulen laufen über vor Studenten. Derzeit studieren 2,5 Millionen – so viele wie noch nie. Im vergangenen Wintersemester hat es erstmals mehr Studienanfänger als neue Auszubildende gegeben. Und auch für die nächsten Jahre geben die Kultusminister keine Entwarnung: Zumindest bis 2020, vielleicht auch länger, wird jährlich fast eine halbe Million Schulabgänger oder Berufstätige ein Studium beginnen wollen.

Das ist so gewollt. Jahrelang wurden junge Menschen ermutigt, ein Studium aufzunehmen. Dafür hat die Politik den Zugang zu akademischer Bildung erleichtert, heute kann nahezu jeder studieren, auch ohne Abitur. Und ohne Studiengebühren; die wurden abgeschafft. Nie war Studieren so attraktiv wie heute. "Alle Weichen wurden in diese Richtung gestellt", sagt Frank Ziegele vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). In einem Kraftakt haben Bund und Länder im Rahmen von zwei Hochschulpakten bislang über 700.000 zusätzliche Studienplätze geschaffen, um die hohe Nachfrage zu befriedigen. Viele Hochschulen bilden seit Jahren mehr Studenten aus, als sie Plätze bezahlt bekommen. Doch selbst das reicht nicht. Zurzeit verhandeln Bund und Länder über die Aufstockung des dritten Hochschulpakts. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) droht vorsorglich schon mal damit, demnächst ein Drittel weniger Anfängerplätze anzubieten, wenn der Pakt nicht zustande kommt. "Das wird zwangsläufig zu weiteren und härteren Zulassungsbeschränkungen führen", so der HRK-Präsident Horst Hippler.

Das allein würde die Situation vermutlich schon verschärfen, aber hinzu kommt noch eine andere, weitaus dramatischere Entwicklung: Mehrere Länder haben angekündigt, Dutzende Studiengänge streichen zu wollen und die Kapazitäten an den Hochschulen zurückzufahren. "Das ist in einer solchen Situation das vollkommen falsche Signal", sagt Ziegele. Der Berliner Hochschulforscher Andrä Wolter sieht die Entwicklung "sehr skeptisch": "Auch wenn die Zahl der Schüler zurückgeht, der Anteil der Studienberechtigten wird weiter ansteigen." Und damit die Nachfrage nach Studienplätzen.

Wie absurd da Kürzungen sind, zeigt das Beispiel Psychologie: Es zählt zu den beliebtesten Fächern. Die Zahl der Bewerber übersteigt die Zahl der Studienplätze seit Jahren um ein Vielfaches, an keiner Uni liegt der NC unter 1,7. An der Uni Bremen gab es im vergangenen Wintersemester 5.000 Bewerbungen auf knapp 270 Plätze. Ausgerechnet dieses Fach will man dort nun streichen. Die Studienbedingungen würden in Rankings schlecht bewertet, sagt die Wissenschaftsbehörde. Kein Wunder: Schon jetzt sind aus Spargründen nur zwei von sechs Professuren besetzt, die letzten zwei laufen 2020 aus.

So wie in Bremen ist es derzeit auch in Saarbrücken, Leipzig, Jena, Stuttgart – überall in Deutschland drohen Einsparungen an den Hochschulen. In Sachsen-Anhalt sollen nach einem Konzept des Wissenschaftsministeriums insgesamt 3.328 Studienplätze wegfallen, jeder zehnte Platz. An der Uni Halle steht auch die Psychologie auf der Streichliste, ebenso Medienwissenschaften und Informatik. Besonders betroffen ist die Uni Leipzig, dort sollen Pharmazie, Archäologie und Theaterwissenschaft gestrichen werden – obwohl die Studentenzahlen steigen. Und jeder weiß: Was erst einmal weg ist, ist weg.