Wenn Don Shawcroft auf dem Rücken seines Pferdes durch die Weiten der amerikanischen Prärie reitet, denkt er manchmal an Europa. Neben ihm trommeln Hufe, knallen Peitschen, jagen seine Cowboys eine Herde schwarzer Rinder vor sich her. Ein paar Hunderttausend Dollar mit Hörnern.

Shawcroft und seine Männer sind auf dem Weg in die San Juan Mountains im US-Bundesstaat Colorado. Dort oben, auf 3.000 Meter Höhe, werden die Tiere den Sommer verbringen. Sie werden kühle Luft atmen und das saftige Gras des Gebirges fressen.

Dann kommen sie in den Stall und kriegen eine Hormonkapsel ins Ohr.

Don Shawcroft, 55, trägt einen breitkrempigen Hut und Sporen an den Stiefeln, so wie einst sein Vater und sein Großvater. Seit 135 Jahren leben die Shawcrofts davon, Rinder zu züchten. Das ist geblieben, aber die Methoden haben sich verändert.

Aus der Kapsel fließen Wachstumshormone in den Körper der Rinder. So brauchen die Tiere weniger Futter und erreichen das Schlachtgewicht schneller. Die Futterpreise sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Don Shawcroft ist Geschäftsmann.

Die Herde zählt 600 Tiere, mehr als je zuvor in der Geschichte der Familie. Das Problem ist: Seit einigen Jahren sinkt in den USA der Rindfleischabsatz, selbst die Amerikaner essen jetzt mehr Gemüse.

Deshalb hofft Don Shawcroft auf Europa. Dort drüben leben 500 Millionen Menschen, in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien. 500 Millionen potenzielle Esser von Steaks aus den USA.

Aber an Deutsche, Franzosen, Italiener und Spanier darf Shawcroft sein Fleisch nicht verkaufen. Manche der künstlichen Hormone stehen im Verdacht, Krebs auszulösen und das menschliche Erbgut zu schädigen. In den Vereinigten Staaten ist ihr Einsatz trotzdem erlaubt, in der Europäischen Union aber seit 1988 verboten. Das verbreitete Hormon Ractopamin haben mittlerweile 160 Länder auf den Index gesetzt, sogar Russland und China.

An dieser Stelle könnte diese Geschichte schon zu Ende sein. In Europa gelten europäische Gesetze, in Amerika amerikanische. Deshalb, könnte man meinen, müssen sich die Amerikaner andere Abnehmer für ihr Hormonfleisch suchen.

Tatsächlich geht die Geschichte an dieser Stelle erst richtig los. Seit vergangenem Jahr arbeiten Vertreter der USA und der EU an einem Handelsabkommen mit dem Namen Transatlantic Trade and Investment Partnership (Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft), kurz TTIP. Bereits fünfmal haben sich die Unterhändler getroffen, Mitte Juli beginnt die sechste Verhandlungsrunde. Ziel ist es, die größte Freihandelszone der Welt zu errichten.

Amerikanische Nahrungsmittelproduzenten erhoffen sich von dem Abkommen eine Lockerung der EU-Regularien – und damit den Zugang zum europäischen Markt. Europäische Unternehmen versprechen sich bessere Geschäfte in Amerika. Es geht nicht nur um Landwirtschaft, es geht auch um Geldinstitute, die Verpackungsindustrie, es geht um die gesamte Wirtschaft.

Und weil es letztlich die Verbraucher sind, die das Hormonfleisch und das Plastik kaufen, kann man sagen: Es geht bei diesem Abkommen um nicht weniger als das tägliche Leben jedes einzelnen Bürgers.

Noch ist der Vertrag nicht ausformuliert. Noch ist TTIP nicht mehr als ein Kürzel, unter dem sich jeder etwas anderes vorstellen kann. Trotzdem erregt es so viel Aufmerksamkeit wie kaum ein wirtschaftspolitisches Projekt der vergangenen Jahre.

In den USA wächst genverändertes Getreide auf fast jedem Acker

Manche versetzt TTIP in Begeisterung:

"Von einem solchen Abkommen sind signifikante Wohlstandsgewinne zu erwarten", schreibt der Bundesverband der Deutschen Industrie.

"Ich bin sehr dafür, dass wir die Chance nutzen, dieses Freihandelsabkommen zum Erfolg zu führen", sagt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD).

"Handel ist gut für eine Gesellschaft", sagt der EU-Handelskommissar Karel De Gucht.

Andere versetzt TTIP in Panik:

"TTIP ist böse" steht auf einem Aufkleber, den Kritiker des Abkommens seit Monaten bei Demonstrationen verteilen.

"Freihandelsabkommen stoppen!", fordert die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.

"TTIP – nein danke!" heißt es auf der Website des Bündnisses TTIP unfairhandelbar, das am vergangenen Dienstag den Start einer Europäischen Bürgerinitiative gegen das Handelsabkommen bekannt gab. Unterstützt von mehr als 100 globalisierungskritischen Organisationen aus 17 Ländern, sollen europaweit eine Million Unterschriften gesammelt werden.

Selten war etwas, das es noch gar nicht gibt, so umstritten.

Die Frage ist, was sich tatsächlich hinter diesen vier Buchstaben verbirgt.

Beschäftigt man sich eingehender mit TTIP, stößt man nicht nur auf hormonell aufgeladene Rinder, sondern auch auf ein von deutschen Ingenieuren konstruiertes Metallteil namens "Instrumententafelträger", das sich in jedem Auto befindet, das aber kaum ein Autofahrer je zu Gesicht bekommt. Man entdeckt, dass man die Brisanz dieses Handelsabkommens am Quaken Afrikanischer Krallenfrösche erkennen kann und dass amerikanische Konzerne möglicherweise schon bald europäische Gesetze mitformulieren.

Vor allem aber begreift man, dass es bei diesem Abkommen tatsächlich um etwas Gewaltiges geht: darum, die Wirtschaftswelt noch weiter einzuebnen.

Vor neun Jahren veröffentlichte der amerikanische Publizist Thomas L. Friedman eines der erfolgreichsten Bücher über die Globalisierung. Er beschrieb, wie die Industrieländer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Zollsätze und Importquoten senkten. Die Zölle und Quoten hatten die Einfuhr ausländischer Produkte begrenzt. Sie wirkten wie künstliche Berge, an denen die Handelsströme abprallten.

Nun trugen die Regierungen die Berge ab, und der Welthandel schwoll an. Heute spielen Zölle und Quoten zwischen großen Wirtschaftsräumen wie Europa und den USA kaum noch eine Rolle. Die Berge sind verschwunden. Die Welt ist flach, so nannte Friedman sein Buch.

Das stimmt nicht ganz. Bei genauerem Hinsehen sind da immer noch Unebenheiten zu erkennen, kleine Anhöhen, Hügelketten, sogar die eine oder andere Felswand.

Es sind Gesetze, die bestimmte Produkte und Technologien verbieten oder Unternehmen verpflichten, Auflagen einzuhalten. Zum Beispiel ist es in der EU nicht nur verboten, Rindern oder Schweinen Wachstumshormone zu verabreichen, sondern auch, das Fleisch geschlachteter Hühner oder Puten mit Chlordioxid zu waschen und dadurch zu desinfizieren. In den USA ist auch das übliche Praxis. In der EU ist der Anbau von genverändertem Getreide weitgehend untersagt. In den USA wächst es auf fast jedem Acker.

Diese Gesetze wurden nicht erlassen, um amerikanischen Waren den Weg nach Europa zu versperren, sondern um die Gesundheit europäischer Bürger zu schützen. Das unterscheidet diese Gesetze von Zöllen und Quoten. Trotzdem haben sie eine ähnliche Wirkung: Amerikanisches Hormonfleisch, amerikanisches Chlorfleisch darf die EU-Außengrenzen nicht überqueren. Bis jetzt.

Denn in Europa gilt das sogenannte Vorsorgeprinzip. Hormonfleisch dürfte nur produziert werden, wenn zweifelsfrei feststünde, dass es nicht gesundheitsschädlich ist. In Amerika ist es umgekehrt: Solange nicht eindeutig erwiesen ist, dass bestimmte Pestizide, Chemikalien und Produktionsverfahren schädlich sind, bleiben sie erlaubt. "Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Hormonbehandlung schädlich für den Konsumenten ist", sagt Don Shawcroft.

Es sind nicht nur ein paar amerikanische Viehzüchter, denen die europäischen Gesetze das Geschäft verderben, sondern auch große Konzerne. Der Saatguthersteller Monsanto etwa will seine genmodifizierten Getreidesorten in Europa absetzen. Das Fast-Food-Unternehmen Yum! Brands, Muttergesellschaft von Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut, könnte seinen Gewinn steigern, wenn es preisgünstiges, industriell hergestelltes amerikanisches Fleisch in Europa verkaufen dürfte.

Vergangene Woche war der amerikanische Landwirtschaftsminister Tom Vilsack zu Gesprächen in Europa. Er sagte, "ohne wirklich überzeugende Zugeständnisse der Europäer im Bereich Landwirtschaft" werde es "sehr schwierig", sich auf ein Abkommen zu einigen.

Aus Sicht der Amerikaner soll TTIP die Planierraupe sein, die die verbliebenen Hügel am Rande Europas platt walzt.

Die Frage ist: Warum sollten die Europäer auf diese Forderungen eingehen?

Die Antwort: Weil auch ihre Unternehmen sich eine Menge von TTIP erhoffen.

Wenn Arndt Kirchhoff in seinem Mercedes durch das südliche Westfalen rollt, denkt er manchmal an Amerika. Er ist dann auf dem Weg nach Attendorn oder Iserlohn, Städten, in denen jeder die weißen Fabrikhallen des mittelständischen Automobilzulieferers Kirchhoff Automotive kennt, der allein hier im Sauerland 1.450 Menschen Arbeit gibt.

In diesen Hallen surren Blechrollen, stampfen Metallpressen, verschweißen Arbeiter silberne Stahlstücke zu Rohren und Rahmenelementen, die sich später zum Skelett eines Fahrzeugs zusammenfügen.

Kein Autohersteller der Welt baut dasselbe Auto wie sein Konkurrent, aber jedes Auto hat ein Armaturenbrett. Und jedes Armaturenbrett ist an einer gebogenen Stahlstrebe festgeschraubt. Das ist der Instrumententafelträger.

Die Ingenieure konstruieren ihn millimetergenau nach den Vorgaben des jeweiligen Herstellers. Kirchhoff Automotive beliefert große Automobilunternehmen wie VW, Mercedes, BMW, Audi, Opel, Peugeot.

Sie alle erhoffen sich von TTIP höhere Umsätze in Amerika

Arndt Kirchhoff, 59, trägt bei der Arbeit einen Anzug, so wie sein Urgroßvater, sein Großvater und sein Vater. Die Kirchhoffs produzieren seit 120 Jahren Autoteile. Das Problem ist: In Europa stagniert der Autoabsatz, die Europäer haben genug Autos.

In Amerika aber wächst der Markt noch. In Amerika leben 300 Millionen Menschen. 300 Millionen potenzielle Käufer von Autos, die einen Instrumententafelträger von Kirchhoff Automotive enthalten könnten.

Doch Kirchhoffs für den europäischen Markt konstruierte Fahrzeugteile dürfen die Grenzen nach Amerika nicht überqueren.

Denn ein Instrumententafelträger muss nicht nur den Wünschen des Autoherstellers entsprechen, sondern auch den Vorgaben des Gesetzgebers. In Europa sind diese zum Beispiel in der ECE-R21-Richtlinie definiert, in Amerika aber in der Richtlinie FMVSS 201. Beide definieren Mindestanforderungen an die Fahrzeugsicherheit. Es geht um die mögliche Verformung des Metalls bei seitlichen und frontalen Zusammenstößen, bei verschiedenen Aufprallgeschwindigkeiten. Dummerweise unterscheiden sich die beiden Richtlinien, ohne dass man sagen könnte, die eine ist strenger als die andere. Sie sind nur anders.

Das aber bedeutet: Kirchhoffs Ingenieure müssen jeden Instrumententafelträger zweimal konstruieren – einmal für die europäische Version eines Autos, einmal für die amerikanische. Das kommt teuer. Allein die Entwicklung einer einzelnen Gussform für ein bestimmtes Stahlteil kann mehrere Hunderttausend Euro kosten.

Müsste Kirchhoff die ganze Arbeit nicht zweimal machen, könnte er viel Geld sparen. Er könnte die Instrumententafelträger billiger anbieten, er könnte mehr verkaufen, es entstünden neue Arbeitsplätze.

Die Amerikaner müssten nur wie die Chinesen bereit sein, nach Richtlinie ECE R21 konstruierte Instrumententafelträger ins Land zu lassen.

Deutschland ist voll von Unternehmen wie Kirchhoff Automotive – Autozulieferern und Maschinenbauern, denen die unterschiedlichen Regularien auf den beiden Seiten des Atlantiks hohe Kosten aufbürden. Sie alle erhoffen sich von TTIP höhere Umsätze in Amerika.

Angleichung internationaler technischer Normen – das ist eine der Erwartungen der Europäer an die TTIP-Verhandlungen. Es hört sich nach einem vernünftigen Vorschlag an. Verglichen mit dem Anspruch der Amerikaner, den europäischen Verbraucherschutz zu lockern, ist er geradezu harmlos. Chris Whalen aber kann davon erzählen, dass die Europäer auch verwegenere Forderungen haben.

Whalen, 55, sitzt in einem nicht ganz billigen griechischen Restaurant in Midtown Manhattan, 48. Straße. Alle Plätze sind belegt. Es ist eine der vielen inoffiziellen Kantinen des lukrativsten Arbeitgebers von New York: der Wall Street.

Whalen war Analyst, Berater, Investmentbanker. Seit Kurzem ist er Geschäftsführer von Kroll Bond Rating, einer kleinen unabhängigen Rating-Agentur. Sein Spezialgebiet: Banken. Chris Whalen ist das, was man an der Wall Street einen Insider nennt.

Es gibt in New York Hunderte verschiedener Geldinstitute, aber im Moment sind es in gewisser Weise nur zwei: die amerikanischen Banken und die ausländischen Banken. Für die US-Institute begann nach der Finanzkrise eine neue Zeit. Um einen erneuten Crash zu verhindern, erließ die amerikanische Regierung eine Reihe harter Regularien: Amerikanische Banken dürfen nur noch begrenzt mit geliehenem Kapital spekulieren, sie müssen mehr eigenes Kapital vorhalten.

Die europäischen Geldhäuser sahen den US-Finanzmarktreformen gelassen zu. Für sie schien die alte Zeit fortzudauern. Bis die Amerikaner entschieden, dass die neuen Regeln auch für ausländische Institute gelten, die in Amerika Geschäfte machen wollen. Das aber wollen alle, allen voran: die Deutsche Bank. "Sie hat am meisten zu verlieren", sagt Whalen.

Für Deutschlands einziges international bedeutsames Geldhaus sind die USA von größter Wichtigkeit. Jahrelang verdiente die Deutsche Bank hier viel Geld, vor allem mit dem riskanten Derivategeschäft. Während der Krise wurde sie dann massiv vom amerikanischen Staat gestützt. Die Bank erhielt über das Rettungspaket für das Versicherungsunternehmen AIG fast zwölf Milliarden Dollar und war einer der größten Nachfrager der verschiedenen Hilfsprogramme der amerikanischen Notenbank.

Anshu Jain und Jürgen Fitschen, die beiden Chefs der Deutschen Bank, wollen von strengeren Regeln nichts wissen. Im Gegenteil, sie wollen das Amerika-Geschäft ausbauen, und die neuen Vorschriften der US-Regierung sind ihnen im Weg.

"Das billigste Konjunkturprogramm, das man sich vorstellen kann"

Nun könnte man auch hier anmerken, dass in Amerika amerikanische Gesetze gelten und kein ausländisches Unternehmen gezwungen ist, sich diesen Gesetzen auszuliefern. Doch so wie die amerikanischen Nahrungsmittelkonzerne hoffen, mithilfe von TTIP den europäischen Verbraucherschutz zu umgehen, so hoffen die europäischen Banken, TTIP möge sie von der strengen amerikanischen Finanzmarktregulierung befreien.

Anfang des Jahres kündigte der EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier an: "Wir werden keine Diskriminierung unserer Banken dulden."

Auch für die Europäische Union ist TTIP eine Planierraupe, die ihren Unternehmen den Weg frei räumen soll.

Chris Whalen ist ein überzeugter Verfechter der freien Marktwirtschaft und eigentlich kein Freund von Regulierung. Über das Ansinnen der Europäer aber kann er nur den Kopf schütteln: "Das hat nichts mit freien Märkten zu tun, das ist der Versuch, ein marodes Bankensystem um jeden Preis zu schützen."

Die EU hat in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 50 Handelsabkommen abgeschlossen. Mit Ländern in Asien, Afrika, Südamerika, mit der halben Welt. Kaum einmal gab es öffentliche Diskussionen über die Verträge.

Warum auch? Den Bürgern dürften die Ergebnisse der Handelspolitik gefallen haben. Die Zeitungen meldeten, Deutschland sei Exportweltmeister. In den Fußgängerzonen und Einkaufszentren gab es auf einmal billige T-Shirts aus Bangladesch zu kaufen, günstige Kameras aus Japan, preiswerte Plattenspieler aus Südkorea.

Anfang der sechziger Jahre besaßen ein Drittel der bundesdeutschen Haushalte ein Fernsehgerät, heute sind es fast alle, und in den meisten steht ein Gerät mit Flachbildschirm. Das liegt auch daran, dass Fernseher dank sinkender Zölle billig blieben.

Man kann sagen, der Welthandel gehörte zu den wenigen Bereichen internationaler Politik, deren praktischer Nutzen leicht zu erkennen war. Die Märkte zu öffnen diente nicht nur der Industrie, es diente auch den Verbrauchern, den Bürgern.

Das ist vorbei.

Don Shawcroft produziert sein Fleisch mithilfe von Wachstumshormonen, weil das effizienter ist. Gelangten die Steaks aus den USA nach Europa, wäre Fleisch in den deutschen Supermärkten womöglich so billig wie nie.

Aber was ist mehr wert, ein billiges Steak oder ein hormonfreies Steak?

Noch betont der EU-Handelskommissar Karel De Gucht bei jeder Gelegenheit, er werde nicht zulassen, dass TTIP den europäischen Verbraucherschutz aufweiche. Noch berufen sich Vertreter der Bundesregierung auf eine Studie des Münchner ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, wonach TTIP allein in Deutschland für ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von bis zu 4,7 Prozent sorgen könnte. Der noch amtierende EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso bezeichnet das Handelsabkommen als "das billigste Konjunkturprogramm, das man sich vorstellen kann".

Höherer Wohlstand ohne höhere Kosten – das ist die Geschichte, die europäische Spitzenpolitiker über TTIP verbreiten. Sie erzählen sie in Fernsehinterviews und Zeitungsartikeln, in Talkshows und bei Podiumsdiskussionen, bei Informationsveranstaltungen und in Wahlkampfreden.

Vielleicht wird sie wahr werden, diese Geschichte. Vielleicht wird TTIP wirklich den Wohlstand in Europa erhöhen, ohne dass Hormonfleisch und Chlorhühner aus Amerika in die Supermärkte gelangen. Völlig ausgeschlossen ist das nicht.

Sehr viel wahrscheinlicher aber ist, dass TTIP einen neuartigen Konflikt zum Vorschein bringt, der in den kommenden Monaten zwischen Europa und Amerika ausgetragen werden wird, bald aber weitere Teile der Welt erfassen könnte.

Auf der einen Seite steht die Profitabilität, das Wirtschaftswachstum, auf der anderen Seite die Frage, ob es nicht Dinge gibt, die wichtiger sind als Wachstum, zum Beispiel dass eine Regierung, ein Parlament, ein Land selbst entscheiden kann, ob es Hormonfleisch für gesundheitsschädlich hält – oder bestimmte Bankgeschäfte für gemeingefährlich.

Selbst die Beamten der Mitgliedsstaaten bekommen kaum Einblick in die Dokumente

Anders gesagt: Ebenso sehr wie um Handel geht es in diesem Handelsabkommen um nationale Selbstbestimmung. Und um die Frage, wie transparent Politik und Wirtschaft für den einzelnen Bürger noch sind.

Man erkennt das zum Beispiel an einem geplanten Kapitel des Abkommens, bei dem nicht Nahrungsmittel oder Automobile im Vordergrund stehen, sondern Unternehmen als solche. Es geht um den sogenannten Investitionsschutz.

TTIP soll europäischen Unternehmen die Möglichkeit einräumen, die USA zu verklagen, wenn sie das Gefühl haben, von der amerikanischen Regierung ungerecht behandelt worden zu sein. Umgekehrt sollen amerikanische Investoren das Recht erhalten, die Staaten der EU zu verklagen.

Es erscheint überraschend, weshalb dafür ein Abkommen nötig sein soll. Weder in Amerika noch in Europa besteht ein Mangel an ordentlichen Gerichten, vor denen ein Unternehmen eine Klage einreichen kann, auch gegen die jeweilige Regierung.

Genau das aber ist das Problem: TTIP soll den Unternehmen ermöglichen, die staatlichen Gerichte zu umgehen und stattdessen vor sogenannte Schiedsgerichte zu ziehen, wie es sie seit Jahrzehnten gibt, um Wirtschaftsstreitigkeiten zu klären (siehe das Dossier in der ZEIT Nr. 10/14).

Auch vor diesen Schiedsgerichten gibt es einen Kläger und einen Beklagten, es treten Zeugen und Sachverständige auf, aber da sind die Gemeinsamkeiten mit staatlichen Gerichten auch schon zu Ende. Die Richter nämlich sind keine Beamten, nicht einmal Angestellte, sondern private Anwälte, die von den Streitparteien für das jeweilige Verfahren berufen werden. Sie treffen sich in einem Raum ohne Zuschauerbänke, denn die Schiedsgerichte tagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Urteil ist unabänderlich, es gibt praktisch keine Möglichkeit, Berufung oder Revision einzulegen.

Das Kalkül hinter den Investitionsschutzabkommen ist leicht zu erkennen: Ein Staat entmachtet ein Stück weit seine eigenen Gerichte in der Hoffnung, dadurch mehr ausländische Investoren ins Land zu locken. Derzeit sind weltweit mehrere Hundert Klagen von Unternehmen gegen Staaten vor Schiedsgerichten anhängig.

Der schwedische Energiekonzern Vattenfall, Betreiber der stillgelegten deutschen Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel, klagt zum Beispiel gegen die Bundesrepublik wegen des Atomausstiegs. Vattenfall hat diese Möglichkeit, weil zwischen Deutschland und Schweden für den Energiebereich bereits ein Investitionsschutzabkommen existiert.

Der Tabakkonzern Philip Morris klagt gegen Australien wegen dessen Anti-Raucher-Gesetzgebung.

Der Bergbaukonzern Lone Pine klagt gegen Kanada wegen eines Fracking-Moratoriums.

Man fragt sich, was sich eine Regierung noch erlauben kann, ohne vor einem Schiedsgericht zu landen.

Rund um die Erde gibt es mittlerweile 3.000 Investitionsschutzabkommen. Zwischen den USA und der EU existiert noch keines. TTIP soll das ändern. Darin sind sich Amerikaner und Europäer einig. Vor allem amerikanische und europäische Wirtschaftsverbände.

Bei einem Treffen mit Vertretern der Europäischen Kommission sagte der Geschäftsführer des European Services Forum, eines Netzwerks von rund zwei Dutzend europäischen Konzernen, unter ihnen die Deutsche Bank, die Deutsche Telekom, Siemens und DHL, die Industrie werde sich "jeglicher Einigung widersetzen", in der der Investorenschutz gegenüber den öffentlichen Interessen ins Hintertreffen gerate. So geht es aus einem internen EU-Bericht hervor.

Die US Chamber of Commerce wiederum, die amerikanische Handelskammer, gab in einer offiziellen Stellungnahme bekannt: "Die Kammer besteht darauf, dass die Vereinigten Staaten und die EU diese Bestimmungen in das Abkommen aufnehmen."

Zwar üben einige europäische Regierungsmitglieder mittlerweile scharfe Kritik am Investorenschutz, auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, die EU-Kommission aber hält weiter an dem Konzept fest.

Schiedsgerichtsklagen ermöglichen es Unternehmen, für unliebsame Gesetze entschädigt zu werden. Noch lukrativer ist es für sie, wenn solche Gesetze gar nicht erst verabschiedet werden. Besser, als vorhandene Hügel einzuebnen, ist es, erst gar keine aufzuschütten.

Auch dafür könnte TTIP europäischen und amerikanischen Konzernen neue Möglichkeiten bieten.

Zum Beispiel die Möglichkeit, die Arbeit von Werner Kloas zu ignorieren.

Vor seinem Bürofenster im Berliner Stadtteil Friedrichshagen stehen alte Bäume, dahinter liegt der Müggelsee. Das Wasser glitzert in der Sonne, aber wer weiß, was sich darin wieder verbirgt.

Kloas, 55, ist Biologe am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Er gilt als einer der weltweit führenden Experten bei der Erforschung sogenannter endokriner Disruptoren. Das sind Stoffe, die die Entwicklung eines Lebewesens schwer beeinträchtigen können. Aufgelöst in Wasser, kann man sie meist weder sehen noch riechen.

In Kloas’ Labor steht eine Reihe von Aquarien, in jedem schwimmt ein grauer Afrikanischer Krallenfrosch. Kloas gab die Chemikalie Bisphenol A, von der er mehr und mehr in deutschen Flüssen und Seen findet, in das Wasser der Aquarien, dann nahm er das Quaken der Frösche auf.

Die Frösche quakten nun weicher und höher als zuvor. Kloas spielte das neue Geräusch weiblichen Fröschen vor. Normalerweise reagieren sie sofort auf den Fortpflanzungsruf der Männchen, sie schwimmen dem Lautsprecher entgegen. Jetzt verharrten sie ungerührt.

Kloas sezierte die Männchen unter dem Mikroskop. In ihren Hoden fand er keine Samenzellen, sondern Eier.

Jedes Jahr werden weltweit rund vier Millionen Tonnen Bisphenol A hergestellt. Es ist eine der meistproduzierten Chemikalien weltweit, der Ausgangsstoff für zahlreiche Kunststoffprodukte. Plastikfolien, Plastikdosen, Plastikflaschen, Plastikbälle, Badeschlappen, Duschvorhänge, Konservenbüchsen, in allem steckt Bisphenol A.

Sollte diese Chemikalie einmal verboten werden, hätten die europäische und die amerikanische Industrie ein ernstes Problem.

Das ist die Verbindung zwischen TTIP und der Forschung von Werner Kloas.

Nun mag man einwenden, es sei ein wenig übertrieben, wegen einiger verwachsener Frösche eine Chemikalie zu verdammen. Allerdings sind Kloas’ Studien nur einer der neuesten Hinweise in einer langen Kette von Indizien. Es gibt auch Untersuchungen über Menschen, über amerikanische Jungen zum Beispiel, deren Mütter während der Schwangerschaft besonders viel Essen aus Plastikverpackungen zu sich nahmen. Die Jungen hatten unterdurchschnittlich entwickelte Penisse. Es gibt eine Untersuchung über die Fruchtbarkeit von jungen Männern aus Leipzig und Hamburg. "Die Hälfte hat eine eingeschränkte Zeugungsfähigkeit", sagt Werner Kloas. Wegen Bisphenol A?

Kloas ist keiner, der zu vorschneller Panik neigt. Erst vor Kurzem wurde er von Umweltschützern scharf attackiert, weil er ein Pflanzenschutzmittel für unbedenklich erklärte. Bei Bisphenol A aber ist er anderer Meinung.

Der Verkauf von Babyflaschen mit Bisphenol A ist in der EU bereits verboten. Die schwedische und die französische Regierung haben die EU-Kommission nun aufgefordert, den Gebrauch der Chemikalie weiter einzuschränken.

Die Frage ist, ob dies nach Abschluss des Freihandelsabkommens noch durchzusetzen ist.

Im Dezember 2013 gelangte ein internes EU-Papier an die Öffentlichkeit, aus dem hervorging, dass die Kommission bereit wäre, im Rahmen des Handelsabkommens künftig ein europäisch-amerikanisches Gremium einzurichten, einen Regulierungsrat, dessen Arbeitsgruppen auch Wirtschaftsvertreter von beiden Seiten des Atlantiks angehören sollen.

Die EU-Kommission nennt das: "regulatorische Kooperation". Der ZEIT liegt dazu ein weiterer geheimer Entwurf der Kommission vom 5. März 2014 vor. Demnach soll "der jeweils andere" konsultiert werden, wenn "Maßnahmen dessen Marktteilnehmer berühren".

Das würde bedeuten: Bevor das Europäische Parlament oder die Regierung in Berlin von neuen Brüsseler Verordnungen erfährt, wären die USA bereits informiert. Die Amerikaner wären sozusagen offizieller Teil der europäischen Demokratie.

Kenneth Haar steht in der Avenue de Cortenbergh in Brüssel. Hausnummer 168. Er hebt den Kopf, sein Blick gleitet an poliertem Granit entlang über das blitzende Glas eines Hochhauses. Dort oben haben die Lobbyisten von Business Europe ihren Sitz. Haars Gegner.

Kenneth Haar ist ein Anti-Lobbyist. Er lobbyiert gegen die Lobbys. Der 49-jährige Däne arbeitet für die Organisation Corporate Europe Observatory, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Einfluss von Konzernen und Unternehmensverbänden auf die europäische Politik öffentlich zu machen.

Haar ist in Brüssel unterwegs, um zu zeigen, wie präsent die Lobbys hier sind. Er läuft die Straße entlang, nach ein paar Minuten erreicht er die Rue de Commerce, dort arbeiten die Vertreter der deutschen Chemieindustrie, ein paar Schritte weiter findet sich die European Banking Federation und gleich um die Ecke, in der Rue du Trône, die American Chamber of Commerce.

Das Corporate Europe Observatory, das selbst in Brüssel sitzt, hat ermittelt, wie viele Lobbyisten hier für all die Wirtschaftsverbände arbeiten. Das Ergebnis: mehr als 15.000.

So wie die Vertreter von Wirtschaft und Regierungen hat auch Kenneth Haar eine Geschichte über TTIP zu erzählen. In seiner Geschichte geht es nicht um Wohlstand für alle, sondern um die Macht der wenigen und die Ohnmacht der vielen. Die wenigen sind die großen europäischen und amerikanischen Konzerne, die sich hinter verschlossenen Türen die Politik gefügig machen. Man könnte diese Geschichte für überzogen halten, hätte die EU-Kommission in den vergangenen Monaten nicht einiges unternommen, um sie mit Wahrheit zu füllen.

Vor Beginn der Verhandlungen veröffentlichte die Kommission eine Stellungnahme mit dem Titel "Transparenz in den EU-Handelsgesprächen". Darin heißt es: "Die Ansichten der Zivilgesellschaft spielen eine zentrale Rolle in der Vorbereitungsphase der Verhandlungen."

Mit Zivilgesellschaft sind in der Regel verschiedene gesellschaftliche Gruppen wie Gewerkschaften, Industrieverbände, Umweltorganisationen, Verbraucherschützer und Kirchen gemeint.

Tatsächlich fanden, wie aus einer Anfrage des Corporate Europe Observatory hervorgeht, von Januar 2012 bis April 2013, also bis kurz vor Beginn der TTIP-Verhandlungen, 130 Treffen zwischen der EU-Kommission und Vertretern der Zivilgesellschaft statt. Bei 119 dieser Treffen allerdings waren die Gesprächspartner Wirtschaftslobbyisten, am häufigsten wurden Mitarbeiter des Arbeitgeberverbandes Business Europe, des Verbandes der europäischen Automobilhersteller ACEA und der American Chamber of Commerce empfangen.

Das Konzept der EU-Kommission für den sogenannten Regulierungsrat lag nahe an den Vorschlägen der Industrievertreter. Die EU-Forderungen zum Finanzmarkt hätten die Banken selbst nicht besser formulieren können, wie kürzlich ein britischer Bankenvertreter in einem Blog-Eintrag lobte. In einer TTIP-Stellungnahme an die EU-Kommission hatte der Bundesverband deutscher Banken detailliert aufgelistet, welche amerikanischen Finanzmarktreformen mithilfe von TTIP zu lockern oder zu beseitigen seien. Vorsitzender des Bundesverbandes ist Jürgen Fitschen, Co-Chef der Deutschen Bank.

Schreibt die EU-Kommission tatsächlich aus Industriepapieren ab? Man kann darüber nur Mutmaßungen anstellen. Verhandlungstexte, erste Entwürfe, Positionspapiere, all das hält die Kommission unter Verschluss. Selbst die Beamten der Mitgliedsstaaten bekommen kaum Einblick in die Dokumente.

Ein interner Bericht, den ein deutscher Diplomat am 10. Juni an die Berliner Ministerien geschickt hat und der der ZEIT vorliegt, beschreibt das so: Die Kommission beabsichtige, die neuesten Vertragsentwürfe den Vertretern der Mitgliedsstaaten lediglich "jeweils einen halben Tag lang" zur Einsicht vorzulegen. "KOM informierte, dass spätestens in zwei Wochen ein Leseraum eingerichtet werde. Die Zahl der Leseplätze sei begrenzt." Mit KOM ist die EU-Kommission gemeint.

Weiter heißt es in dem Bericht, technische Hilfsmittel wie Smartphones, Laptops und Aufnahmegeräte seien in dem Leseraum verboten, um jegliche Aufzeichnung der Texte zu verhindern. Bei den Anmeldungen gelte "das Windhund-Prinzip". Soll heißen: Wer zu spät kommt, hat Pech.

Spätestens im kommenden Jahr soll der TTIP-Vertrag zur Unterschrift vorliegen. Dann müssen der amerikanische Kongress und das Europäische Parlament dem Papier zustimmen. Es wird der Moment sein, in dem die geheimen Vertragstexte öffentlich werden. Der Moment, in dem sich entscheidet, ob die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft Wirklichkeit wird. Der Moment, in dem die Planierraupen starten oder stehen bleiben.

Noch während die europäische Öffentlichkeit sich fragt, was sich hinter TTIP verbirgt, drängen die globalen Konzerne die US-Regierung und die EU-Kommission, ein weiteres Handelsabkommen abzuschließen. Diesmal finden die Verhandlungen nicht in Brüssel und Washington statt, sondern in Genf. Diesmal sollen nicht allein die USA und die EU die Vertragspartner sein, sondern rund 20 weitere Staaten, unter ihnen Japan, Kanada, Australien, Mexiko und Südkorea. Diesmal stehen nicht Nahrungsmittel und Automobile im Vordergrund, sondern Dienstleistungen.

Trade in Services Agreement (Abkommen zum Dienstleistungshandel), kurz Tisa, so nennt sich der geplante Vertrag.

Es wird um den Handel mit Kontodaten gehen, um Versicherungen, Postdienste und den Zuzug von Arbeitskräften. So viel weiß man schon. Und dass sich die Verhandlungspartner in den Papieren gegenseitig als "wirklich gute Freunde der Dienstleistungen" bezeichnen.

Alles andere ist streng vertraulich.