Das Leipziger Ringmessehaus ist ein Gebäude, das vom Untergang zeugt. Im Krieg zerbombt und danach mühsam wiederaufgerichtet, stand die Immobilie nach dem Ende der DDR rund 20 Jahre lang leer. Einzig Graffitikünstler fanden daran Gefallen.

Dann aber rückten vor zwei Jahren Bagger an und rissen das Haus weitgehend ab. Die Fassade wurde mit riesigen Plakaten verhängt, die den Bau eines neuen Hotels ("Zimmer ab 59 Euro") verkündeten. Ende vorigen Jahres sollte es eröffnet werden. Doch heute noch klafft dort, mitten in Leipzig, ein großes Loch. Der Bau steht still.

Der Bauherr heißt Travel24.com, und dahinter wiederum steckt am Ende Thomas Wagner, einer der Stars der deutschen Internetbranche. Aus einer Studentenbude heraus schuf der heute 36-Jährige Unister. Ein Unternehmen, das er zu Deutschlands größtem Online-Reisevermittler mit Dutzenden Webportalen aufbaute. Mit zwischenzeitlich fast 2000 Beschäftigten und schätzungsweise rund 400 Millionen Euro Umsatz. Über Wagners Internetseiten wie ab-in-den-urlaub.de buchen Hunderttausende Deutsche jedes Jahr ihren Urlaub. Der Fußballmanager Reiner Calmund und Ex-Nationalspieler Michael Ballack werben für das Unternehmen. Nun will die Firma auch noch im Hotelgeschäft mitmischen – wenn der Bau irgendwann fertig wird.

Über Unisters schnellem Aufstieg liegt allerdings ein Schatten. Die Firma soll Kunden systematisch abgezockt haben. Im Januar erhob die Dresdner Staatsanwaltschaft Anklage gegen Wagner und vier weitere Manager. Es geht unter anderem um den unerlaubten Vertrieb von Versicherungsprodukten und um "strafbare Werbung". Ein Beispiel: Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat Unister Hotelzimmer mit einem Rabatt auf den angeblichen Normalpreis angeboten – obwohl es diesen Normalpreis gar nicht gab. Unister will den Stand des Verfahrens auf Anfrage nicht kommentieren.

"Für mich hat das ein Geschmäckle", sagt ein Bilanzexperte

Ungeachtet des laufenden Verfahrens, hegt das nach eigenen Angaben "hocherfolgreiche" und "florierende" Unternehmen weiterhin große Pläne: Externe Investoren sollen helfen, weiteres Wachstum zu finanzieren. Mehr als eine Milliarde Euro will das Unternehmen eintreiben, wie das Touristikmagazin fvw unter Berufung auf Unternehmenskreise berichtet. Für einen Minderheitsanteil unter 50 Prozent, wohlgemerkt. Unister kommentiert das nicht. Stimmen die Informationen, dann wäre das Unternehmen insgesamt mehr als zwei Milliarden Euro wert, so viel wie manches MDax-Unternehmen.

Gelingt der Verkauf, wäre es das vorläufige Happy End einer Gründerstory, wie es sie in Deutschland selten zu erzählen gibt. Die Frage ist nur: Stimmt die Story?

Über den Zustand eines Unternehmens lassen sich von außen nur begrenzte Aussagen treffen. Das gilt umso mehr für Unister – denn die Firma kommt den gesetzlichen Publizitätspflichten, wenn überhaupt, dann meist nur zögerlich nach. Die Unister Holding zum Beispiel hat noch nicht einmal für 2012 einen testierten Jahresabschluss veröffentlicht, geschweige denn für 2013.

Trotzdem liegt der Verdacht nahe, dass Unister sich größer und gesünder zu machen scheint, als das Unternehmen in Wirklichkeit ist. Denn wie sonst passen die selbstbewussten Ziele zusammen mit der "angespannten Situation", in der sich Unister kürzlich noch befand – so steht es im elektronischen Bundesanzeiger. Wie passen sie zusammen mit dem Millionenverlust, den die Unister GmbH auch 2012 wieder angehäuft hätte – wäre nicht durch fragwürdige Bilanzgeschäfte ein 10,4 Millionen Euro schwerer Sonderertrag generiert worden? Auch das lässt sich im Bundesanzeiger nachverfolgen. Und wie passt das angebliche Wachstum zu den stockenden Hotelbauten in Leipzig und anderen Städten?

Analysiert man die verfügbaren Unternehmenszahlen von Unister, dann wirkt der vermeintliche Internetriese plötzlich wie ein Scheinimperium – und zwar eines, in dem auffälligerweise immer die Unternehmensteile am besten dastehen, für die gerade externe Investoren gesucht werden. Diese Vermutung hegt auch Michael Olbrich, Direktor des Instituts für Wirtschaftsprüfung in Saarbrücken. Er hat sich die Zahlen von Unister und speziell der Tochter Travel24.com angesehen: "Mir drängt sich der Verdacht auf, dass bei Unister und Travel24.com massive Bilanzpolitik betrieben worden sein könnte, womöglich, um Unternehmensteile attraktiv erscheinen zu lassen in Phasen, in denen man am Kapitalmarkt Geld eintreiben wollte."