DIE ZEIT: Herr Bildt, Sie haben 299.962 Follower auf Twitter. Frank-Walter Steinmeier hat nicht mal einen Account.

Carl Bildt: Ja, das mit Twitter stimmt. Ich repräsentiere ein kleines Land, das gerne gehört wird.

ZEIT: In Twitter-Zahlen gerechnet, sind Sie eher eine Großmacht. Viele Leute glauben offenbar, wenn man wissen will, wie Europa denkt, muss man dem Schweden Carl Bildt folgen.

Bildt: Tatsächlich hat sich das Twittern als bedeutungsvoller herausgestellt, als ich angenommen hatte. Twitter ist ein fantastisches Instrument, um Informationen zu bekommen, um den Puls der Welt zu fühlen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

ZEIT: Es gibt Leute, die Sie als natürlichen Nachfolger von Catherine Ashton sehen, als den nächsten "Hohen Beauftragten" für Europas Außenpolitik.

Bildt: Manche Leute glauben das, ja. Das ist sehr nett von ihnen. Aber ich bin kein Kandidat.

ZEIT: Schweden hat unlängst zu einem Mini-EU-Gipfel eingeladen, mit den Regierungschefs aus Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden. Das wurde als Widerstandsakt gegen Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsidenten gedeutet. Unterstützt Schweden Juncker nun oder nicht?

Bildt: Das werden wir noch sehen. Der Lissabon-Vertrag hat die Rechte des EU-Parlaments bei der Wahl des Kommissionspräsidenten gestärkt. Und das ist gut so. Aber Europa ist keine parlamentarische Demokratie. Die EU ist eine große Koalition aus Regierungen und verschiedenen Kräften im Europäischen Parlament. Deswegen muss es einen Entscheidungsprozess geben, an dessen Ende alle zufrieden sind. Wir Schweden gehören deshalb zu denjenigen, die sagen, man kann diese Frage nicht in 20 Sekunden lösen. Es geht hier um etwas Wichtiges, und wir sollten den Regeln des EU-Vertrages folgen.

ZEIT: Das Ergebnis der Europawahl bedeutet also nicht automatisch, dass Juncker Kommissionspräsident werden muss?

Bildt: Nein, nicht notwendig. Die Europäische Volkspartei (deren Spitzenkandidat Juncker war, Anm. d. Red.) ist zwar die stärkste Fraktion im Europaparlament, aber sie hat keine Mehrheit. Tatsächlich wurde die EVP sogar geschwächt, was mir nicht gefällt, da ich ihr selber angehöre.

ZEIT:David Cameron hat sich klar gegen Juncker positioniert. Hat er das Spiel verloren?

Bildt: Juncker hat in der Vergangenheit manche Äußerungen getan, die in Großbritannien weder bei den Tories noch bei den Sozialdemokraten gut ankamen. Das ist ein Problem. Falls Juncker gewählt wird, müsste es seine erste Priorität sein, diese Bedenken auszuräumen. Sonst droht eine sehr ernsthafte Situation.

ZEIT: Der Austritt Großbritanniens aus der EU?

Bildt: Dieses Risiko besteht. Die Leitfiguren Europas müssen breites Vertrauen genießen. Ich kann mich erinnern, wie wir 1995 den Nachfolger von Jacques Delors gewählt haben. Es war das einzige Mal, dass ich Helmut Kohl irgendwas auf Englisch habe sagen hören. Nachdem er mehrmals auf Deutsch "Nein" gesagt hatte, sagte er noch mehrere Male "No". Das war das Ende einer Reihe von Kandidaten. Denn eins war klar, wir konnten keinen Kommissionspräsidenten ernennen, der nicht das Vertrauen Deutschlands genießen würde.

ZEIT: Genau das scheint jetzt aber dem britischen Premier Cameron zu passieren. Was würde es für die EU bedeuten, wenn Großbritannien als Mitglied verloren ginge? Ein wichtiges Argument für den schwedischen Beitritt 1995 war, dass Großbritannien der EU angehörte. Werden die Schweden den Briten auch beim Austritt folgen?

Bildt: Europa würde durch einen britischen Ausstieg auf der internationalen Bühne beträchtlich geschwächt. Aber auch innenpolitisch, seien wir nicht naiv, hätte ein "Brexit", ein britischer Exit, gewaltige Effekte in einigen Ländern, auch in Schweden. Ich hoffe, dass uns das erspart bleibt.

ZEIT: Sie haben in Berlin gerade über die Lehren gesprochen, die Europa 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges aus dem Jahr 1914 ziehen sollte. Haben vielleicht nicht alle damaligen Kriegsteilnehmer diese Lehren gezogen?

Bildt: Ich glaube, die Hauptlehre von 1914 ist, dass es in Europa damals verschiedene Staatenkonstellationen gab, aber keinen vereinigenden Faktor. Deswegen reichte ein kleiner Auslöser, um das ganze System ins Wanken zu bringen. Das heißt, die Gründung der EU war die Hauptgarantie für Frieden in Europa. Im Kalten Krieg kam dann noch ein anderes friedenssicherndes Prinzip hinzu: die Unverletzlichkeit der Grenzen. Sogar als die Sowjetunion zusammenbrach, sogar als Jugoslawien zusammenbrach, galt die eherne Regel: Verändere keine Grenzen! Denn wenn man einmal damit anfängt, kann kein Mensch sagen, wo es endet. Wahrscheinlich endet es mit Blutvergießen. Das ist der Grund, warum die Krimkrise so fundamental ist, und zwar nicht nur für die europäische Ordnung, sondern für die Weltordnung. Der einzige andere Fall, bei dem ein Führer mit militärischer Macht ein anderes Land annektiert hat, war Saddam Hussein in Kuwait. Die internationale Gemeinschaft hat damals sehr stark reagiert und ihn zurückgezwungen.