Am 8. November 2011 gegen 13 Uhr stellte sich in Jena die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe der Polizei. Etwa zwei Stunden später setzte sich beim Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln ein Referatsleiter der Rechtsextremismus-Abteilung an seinen Computer. Er sollte herausfinden, was sich in den Unterlagen der Behörde über Zschäpe sowie ihre Kameraden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos findet. Er durchforstete Karteien und Datenbanken. Schließlich sortierte er die Akten zu sieben V-Leuten aus der Thüringer Neonaziszene aus. Tags darauf ließ er sie von Mitarbeitern durchsehen – und zwei weitere Tage später vernichten. Als eine Mitarbeiterin sich weigerte, herrschte er sie an: "Tun Sie das, was ich sage!"

Zweieinhalb Jahre ist es her, dass der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) aufflog und die Öffentlichkeit erfuhr, dass Rechtsextreme jahrelang und von Sicherheitsbehörden unbehelligt durchs Land ziehen und Menschen ermorden konnten. Doch die folgende Überraschung, Erschütterung und Empörung sind weitgehend verraucht. Mit ihrem Buch Heimatschutz wollen Stefan Aust und Dirk Laabs dies ändern.

Der Ex- Spiegel- Chefredakteur und Chronist des linken Terrors in der Bundesrepublik (Der Baader-Meinhof-Komplex) schildert zusammen mit seinem Co-Autor Laabs, dessen letztes Buch die Treuhandanstalt durchleuchtete (Der deutsche Goldrausch ) , auf fast 900 Seiten die Geschichte des NSU – aber auch die damit verbundenen staatlichen Skandale. Bei genauer Betrachtung gibt es davon drei: erstens das Erstarken des Rechtsextremismus nach 1990, vor allem in Ostdeutschland, das der Staat teils befördert hat. Zweitens das immense Versagen von Polizei und Justiz zwischen 2000 und 2011 bei der Aufklärung der damals sogenannten Dönermorde. Und drittens von 2011 an das Vertuschen von Fehlern. Lediglich der zweite Skandal kann als einigermaßen geklärt gelten: Die Ermittler scheiterten an handwerklichen Fehlern, Zuständigkeitsgerangel und ihren rassistischen Stereotypen, wegen der sie sich bei der Motivsuche immer wieder bei den Opfern festbissen.

Die anderen beiden Skandale sind bis heute nicht aufgearbeitet; auf sie konzentrieren sich Aust und Laabs. Denn die Vernichtung der sieben Akten im November 2011 in Köln, so die Autoren, sei nur der Anfang für ein "koordiniertes, gezieltes und gründliches" Großreinemachen gewesen. Allein beim Bundesverfassungsschutz wurden über Monate 310 Vorgänge geschreddert, viele weitere in den Landesämtern. Auch wenn Teile der Akten rekonstruiert werden konnten; viele Abschriften abgehörter Telefonate von Neonazis und Treffberichte, die V-Mann-Führer nach Gesprächen mit ihren Informanten schrieben, sind unwiederbringlich verloren.

Das Buch verbreitet keine Verschwörungstheorien, sondern legt Widersprüche und Lücken der offiziellen Erklärungen bloß. Es liefert durchaus Neuigkeiten, etwa Uwe Böhnhardts tiefe Verwicklung in die kriminellen Kreise Jenas. Dem Buch ist dabei die Eile anzumerken, in der es produziert wurde; mal fehlen Wörter, mal sind Vornamen falsch. Es gibt leider kein Personenregister, sondern nur ein Namensverzeichnis wie in einem Tolstoi-Roman. Das große Verdienst des Buches aber ist, alles Bekanntgewordene zusammenzutragen, spannend zu erzählen und die großen Linien erkennbar zu machen.

Denn der Berg des Wissens, das Untersuchungsausschüsse und Sonderermittler, unabhängige Recherchen und der Münchner NSU-Prozess zutage gefördert haben, ist längst unüberschaubar geworden. So passiert es, dass Sensationen im Wust der Informationen und der Ermattung des Publikums verplätschern: Als etwa im März nahe Paderborn der Neonazi Thomas Richter tot aufgefunden wurde, begriff kaum jemand die Brisanz. Dabei war er unter dem Decknamen Corelli ein wichtiger V-Mann im NSU-Umfeld und gegen den Willen des Verfassungsschutzes aufgeflogen. Eine Vernehmung durch die Polizei stand bevor – da starb der 39-Jährige plötzlich, angeblich an einem unentdeckten Diabetes.

Heimatschutz erzählt die Geschichte des NSU anders als bisherige Bücher zu diesem Thema. Aust und Laabs beginnen nicht in Jena bei den Jungfaschos Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe, sondern mit "Corelli" und anderen wichtigen Neonazis und damit, wie sie V-Leute wurden. Denn der Staat, so die zentrale These des Buches, war mitnichten auf dem rechten Auge blind. Die Geheimdienste waren "nah an der rechten Szene, teils mittendrin". Aber ihnen "ging es um Informationen, wenn möglich um Kontrolle, nicht um die Zerschlagung". Das Buch schildert, wie immer wieder Polizisten verzweifelten, weil der Verfassungsschutz V-Leute vor Razzien warnte, ihnen Spitzenhonorare zahlte und so die Szene stabilisierte.

Aust und Laabs behaupten nicht, rechte Geheimdienstler (die es natürlich gab) hätten bewusst Terroristen gedeckt. Aber sie breiten aus, dass dem Verfassungsschutz seine Quellen und Mitarbeiter bis heute wichtiger sind als die Aufklärung der NSU-Taten. "Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren": Dieser Satz stammt nicht von den Autoren, sondern von Klaus-Dieter Fritsche. Er war von 1996 an Vizechef des Bundesverfassungsschutzes, später Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Als ihn Ende 2012 der Untersuchungsausschuss befragte, bürstete er Bundestagsabgeordnete ab wie Untergebene. Danach wurde er zum Geheimdienstbeauftragten im Kanzleramt befördert.

Einige der größten Rätsel um den NSU sind immer noch offen: Wurde das zehnte Opfer, die Polizistin Michelle Kiesewetter, zufällig ausgewählt? Wie groß war das NSU-Helfernetz? Haben die V-Leute dem Verfassungsschutz wirklich wenig berichtet? Oder sind dort Informationen versandet? Wer Heimatschutz liest, der begreift, dass es einen neuen Untersuchungsausschuss des Bundestages braucht.