Lehrjahre sind heute Herrenjahre. Wer sich durch die Websites klickt, die um Azubis werben, kann sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Angehende Köche blicken lächelnd von ihren glänzenden Töpfen auf, strahlende Mechanikerinnen beugen sich über polierte Maschinen. Unter solchen Bildern des Glücks reihen sich die Versprechungen, mit denen die Unternehmen die Ausbildungszeit versüßen wollen: Prämien für gute Noten, das neuste Handy – oder sogar ein "cooles Smart Azubi-Mobil" für besondere Anstrengung.

Was Firmen zu solchen Geschenken veranlasst, ist die schiere Verzweiflung. Nur 530.000 neue Ausbildungsverträge wurden 2013 abgeschlossen – so wenige wie nie seit der Wiedervereinigung. 40 Prozent der Betriebe konnten 2013 Azubi-Stellen nicht besetzen, zeigt der Berufsbildungsbericht.

Die Klagen über den Azubi-Mangel werden lauter – und die Angst wird stärker, dass er sich verschärft. Die Zahl der Schulabgänger sinkt beständig. Verließen im Jahr 2000 über 900 000 Absolventen die Schulen, sind es bald rund 100 000 weniger. Zugleich schicken sich die ersten geburtenstarken Jahrgänge an, in Rente zu gehen. Die Furcht ist groß, dass aus dem Nachwuchsmangel eine Fachkräftelücke wird. Das bringt Bewegung ins System. Die Unternehmen werden erfinderisch bei ihrer Suche nach Azubis. Sie öffnen sich für Kandidaten, die sie früher aussortierten. Smartphones und Autos sind erst der Anfang.

Vielleicht ist Ivàn ja die Lösung, Ivàn Gonzalez Lopez. Zwei Jahre lang hat sich der 24-Jährige von einem Job zum nächsten gehangelt in Murcia, im Südosten Spaniens. Sobald sich eine Stelle auftat, hat er sie angetreten; er war Gärtner, Kellner, Wachmann, auch auf dem Bau hat er gejobbt. Nach ein paar Wochen allerdings musste er jedes Mal feststellen, dass er ausgenommen wurde, die Löhne oft geringer waren als vereinbart. So rang sich Ivàn Gonzalez schließlich durch, mit seinem mittleren Schulabschluss den Schritt ins stabilere Deutschland zu wagen. Ein großer Schritt für jemanden, der noch nie im Ausland war.

Jetzt steht Ivàn Gonzalez in Lübeck auf einer Baustelle im Gewerbegebiet. Stolz präsentiert er das rote T-Shirt mit dem Logo der E-Tec Nord, eines Unternehmens für Elektrotechnik. Der junge Mann mit dem dunklen Bart will einen guten Eindruck machen. Bereitwillig tappt er seinem Chef über Kabel und Staub hinterher.

Viele Betriebe versuchen derzeit, Azubis jenseits der Grenzen zu finden. Meister reisen nach Südeuropa, um dort mit Bewerbern zu sprechen, Manager lassen sich bei der Vermittlung von den Branchenverbänden helfen. Auslöser für den Aktionismus ist das Programm MobiPro-EU, mit dem das Bundesministerium für Arbeit die Einstellung ausländischer Jugendlicher fördert. Ursula von der Leyen, damals noch die zuständige Ministerin, sprach 2012 davon, "die Chance der Freizügigkeit beherzt und pragmatisch zu ergreifen".

Das tat auch die Handwerkskammer Lübeck. Ivàn Gonzalez gehört schon zur zweiten Gruppe junger Spanier, die sie aus Murcia holt und an Betriebe in der Region vermittelt. "Wir dachten, wir probieren das einfach aus", sagt Ivàns neuer Chef dazu, einer der Gründer der E-Tec Nord.

Eigentlich heißt er Klaus Felgenhauer – Ivàn Gonzalez nennt ihn einfach "Herr Klaus", eine Verwechslung, Spanier haben zwei Nachnamen. "Da hab ich nichts gegen", sagt Felgenhauer. Er nickt seinem Neuen aufmunternd zu und fährt fort, ihm verschiedene Positionen im Sicherungskasten zu erläutern. Ivàn Gonzalez sieht ihn aufmerksam an, er versteht nicht jedes Wort.

Noch vor wenigen Jahren wäre das kaum vorstellbar gewesen: Unternehmen bemühen sich, Azubis mitzunehmen, trotz Schwächen. Lange konnten sie sich die Besten eines Jahrgangs herauspicken – unter Realschülern wie Gymnasiasten.

Aber diese Besten gehen heute an die Universitäten. Und die Zweitbesten ebenfalls. Eine Entwicklung, die vor einigen Wochen der Berufsbildungsbericht zusammenfasste: Zum ersten Mal haben sich mehr Schulabgänger für ein Studium als für eine Ausbildung entschieden. Getrieben werden sie oft von den Eltern. Waren diese früher in Mehrzahl hochschulskeptisch, weil sie selbst oft kein Abitur hatten, wächst die Zahl der Akademikereltern, die ihren Nachwuchs dazu drängen, den eigenen Ausbildungsstatus zu erhalten. So ist in den letzten zehn Jahren die Zahl derer, die sich für eine Ausbildung interessieren, um rund zehn Prozent gesunken.