Die 135 Jahre alte Berliner Hütte im Zillertal steht seit 1997 unter Denkmalschutz.

Wer dieses Konglomerat aus verschachtelten Wellnesshotels, gesichtslosen Fremdenpensionen, Supermärkten, Vergnügungsparks, Hochspannungsleitungen und Skiliften einmal gesehen hat, den können selbst die Zillertaler Schürzenjäger nicht mehr schrecken: Wie in vielen Tiroler Alpentälern, in denen der Wachstumswahn gewütet hat, sind im Zillertal die Zeugnisse traditioneller, bäuerlicher Baukultur fast vollständig verschwunden. Nur hier und da reckt noch ein hübscher Kirchturm seine Spitze aus dem Meer der Geschmacklosigkeit.

Um dieser ästhetischen Wüste zu entkommen und auf etwas Echtes, Unzerstörtes zu stoßen, muss man hoch hinaus. Drei Stunden Fußmarsch sind es, bis man auf 2.042 Meter Seehöhe, im Angesicht mächtiger Dreitausender, die Berliner Hütte erreicht, eine der schönsten Schutzhütten des Alpenraumes. Wobei die Bezeichnung "Hütte" eigentlich stark untertrieben ist. Das 1879 als karge Bergsteigerunterkunft errichtete Gebäude, das mehrfach, zuletzt 1910/11, von der Berliner Sektion des damaligen Deutschen und Österreichischen Alpenvereins im Jahrhundertwendestil ausgebaut wurde, gleicht eher einem Grandhotel in den Bergen – mit majestätischer Eingangshalle und einem atemberaubend luftigen, von achteckigen Holzsäulen in zwei Schiffe unterteilten Speisesaal.

Die Berliner Hütte hatte eine Schuhmacherei und ein Postamt

Seit 1997 steht das Haus unter Denkmalschutz. Sowohl die Fassade als auch die gesamte historische Innenausstattung dürfen nur mit Sondergenehmigung verändert werden. Das Bauwerk dokumentiere "in architektonisch herausragender Weise die Erschließung der Tiroler Alpen durch Vereine im ausgehenden 19. Jahrhundert", heißt es im Bescheid der Denkmalschützer. Die Berliner Hütte ist Vorbild für ein Projekt des Tiroler Landesamts für Denkmalpflege, das seit 2009 versucht, wenigstens jenseits der Baumgrenze zu retten, was noch zu retten ist. "Wir flüchten nach oben, da ist der Frust geringer", sagt Walter Hauser, stellvertretender Landeskonservator in Tirol, der sich gegen das allgegenwärtige bauliche Desaster mit bärbeißigem Humor wappnet.

Zusammen mit seiner Kollegin Michaela Frick hat er die rund 300 alpinen Schutzhütten in Nord- und Osttirol auf ihre Denkmalwürdigkeit untersucht. Fünfzig kamen in die engere Auswahl, für eine Handvoll Tiroler Hütten liegt bereits ein rechtskräftiger Bescheid des Bundesdenkmalamts in Wien vor. In zwei Jahren, wenn das Projekt abgeschlossen ist, sollen insgesamt etwa 30 Bergrefugien das Denkmalschutz-Prädikat tragen. Andere Regionen in den deutschsprachigen Alpen sind noch längst nicht so weit. In der Steiermark und in Südtirol gibt es jeweils zwei "Denkmalschutzhütten", in Bayern bislang gar keine.

Dabei haben die Denkmalpfleger keine Zeit zu verlieren. Mittlerweile sind viele Hütten in die Jahre gekommen und müssen renoviert oder sogar abgerissen und neu gebaut werden – auch um den immer strengeren Anforderungen an Brand- und Umweltschutz zu genügen. Außerdem haben sich die Wünsche der Gäste verändert. "Die Leute mögen zwar die kleinen, schnuckeligen, alten Hütten", sagt Robert Kolbitsch, der in der Münchner Zentrale des Deutschen Alpenvereins (DAV) für die Hütten zuständig ist. "Andererseits wollen sie aber nicht mehr im Matratzenlager schlafen und verlangen morgens eine warme Dusche." Allein in diesem Jahr investiert der DAV rund zehn Millionen Euro, um seine Häuser auf Vordermann zu bringen.

Aufwendig waren Arbeiten in dieser Höhe schon immer. Der Bau des Brandenburger Hauses etwa, für das erst vor wenigen Wochen ein Denkmalschutzverfahren eingeleitet wurde, stellte 1904 eine logistische Meisterleistung dar. Die Hütte liegt in den Ötztaler Alpen mitten in einem ausgedehnten Gletschergebiet. Mit Ausnahme der Steine, die vor Ort gebrochen wurden, musste sämtliches Material und Inventar mit Maultier- und Menschenkraft auf 3.277 Meter Höhe befördert werden.

Auch die Errichtung der wesentlich niedriger gelegenen Berliner Hütte war eine Herausforderung. In der Nähe hatte man sogar eigens eine mobile Sägerei eingerichtet, um die Stämme der Bergkiefern vor Ort bearbeiten zu können. "Das waren damals Visionäre", sagt Anna Gruber, Nachfahrin der langjährigen Hüttenwirte Karl und Olga Hörhager, die die Berliner Hütte am Ende des Zweiten Weltkrieges vor Plünderungen bewahrten. Kenntnisreich führt sie Besucher durch die imposanten Gemeinschaftsräume. Über dem Haupteingang prunkt eine schmiedeeiserne, mit buntem Glas verzierte Laterne, die, wie Gruber sagt, "schon viele Winter überstanden" habe. Im "Damensalon" zieren Tanzpaare und Musikanten die holzgeschnitzten Leuchter.

Oft sind es Details, die den authentischen Charakter einer Hütte ausmachen. Etwa die Emailschilder über der Rezeption mit der Aufforderung: "Die Schlafgelder sind abends bei der Kasse zu bezahlen". Oder die unscheinbaren Klingelknöpfe in den Doppelzimmern. "Die Hütte hatte früher sogar einen Zimmerservice, den man herbeiklingeln konnte." Viele Bergtouristen waren feine, vermögende Städter, die auf ihren gewohnten Komfort ungern verzichten wollten. Es gab sogar ein Fotolabor, eine Schuhmacherei und ein eigenes Postamt.

Aber längst nicht alle denkmalwürdigen Berghütten sind so mondän ausgestattet wie die Berliner Hütte. So steht die seit 2011 als Denkmal gesicherte Alte Prager Hütte im Nationalpark Hohe Tauern, fertiggestellt im Jahre 1877, für den Urtypus der einfachen Bergsteigerunterkunft aus der Pionierzeit des Alpentourismus – eingeschossig mit kleiner Stube, Küche und Pritschenlager unter dem Satteldach. Hervorstechendes Merkmal der 1923 eröffneten, etwas großzügigeren Falkenhütte im Karwendelgebirge ist die weitgehend erhaltene Innenausstattung mit einem gemalten Wandfries in der gemütlichen Gaststube, der bukolische Szenen zeigt: eine melkende Bäuerin, Jäger, Gämsen, Wanderer und die Falkenhütte selbst.

Manchmal reicht für den Brandschutz auch eine Notleiter

Bei den Alpenvereinen in Deutschland und Österreich hielt sich die Begeisterung über das Interesse der Denkmalpfleger anfangs in Grenzen. "Es gab große Ängste, dass gar keine Veränderungen mehr möglich sein würden, wenn die Schutzwürdigkeit erst mal festgestellt ist", erklärt der DAV-Zuständige Kolbitsch, "und dass Baumaßnahmen sehr viel teurer werden." Gegen den Denkmalbescheid für die Berliner Hütte hatte die Sektion sogar Widerspruch eingelegt – erfolglos. Mittlerweile sehe man das Thema gelassener. Es habe sich nämlich gezeigt, dass man mit den amtlichen Denkmalschützern durchaus reden könne. Außerdem biete das Schutzlabel eine Handhabe gegen "überzogene" Behördenauflagen. Da braucht es für den Brandschutz dann vielleicht kein eigenes, aufwendig an die Hütte angebautes Treppenhaus mehr als Fluchtweg, sondern es reicht eine einfache Notleiter.

Manchmal hilft der Denkmalstatus auch, den innovativen Eifer mancher Hüttenpächter einzuhegen. "Leider wird oft viel Geld in Hightech-Anlagen gesteckt", sagt Denkmalschützer Hauser, "aber wenn die Tür kaputtgeht, holt man sich die erstbeste Tür vom Baumarkt." Inzwischen sei bei den Alpenvereinen das Bewusstsein für die kulturelle Bedeutung der Schutzhütten deutlich gewachsen.

Anhalten lässt sich die Zeit natürlich nicht – auch nicht auf der Berliner Hütte. Vergleicht man die historischen Fotografien der Zillertaler Bergwelt, die im Speisesaal hängen, mit der Wirklichkeit vor der Tür, fällt schmerzhaft auf, dass von den einst mächtigen Gletschern, dem Hornkees und dem Waxeggkees, nicht viel übrig geblieben ist. Die bei Touristen einst so beliebte Höhle, die der Hüttenpächter als natürlichen Kühlschrank ins Eis schlug, ist längst weggetaut. Gegen solche Veränderungen ist selbst der Denkmalschutz machtlos.