Das nennt man wohl kaltblütig. Zuerst steht Marlene Streeruwitz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, 2011 mit ihrem Roman Die Schmerzmacherin. (der Punkt gehört zum Konzept), und dann schreibt sie einen Roman über die Zumutungen dieser Prozedur; über die Zurichtung der Autoren und, vor allem, der Autorinnen, über Triumph und Frust von Verlegern, galligen Tratsch, Hysterie, Missgunst; und immer wieder über den in Mengen fließenden Alkohol, mit dem die Nervösen ihre Triebe zähmen oder, was hier eher häufiger vorkommt, in enthemmter Kenntlichkeit ausstellen. Dann fallen Sätze wie: "Ich mag euch junge Frauen nicht. Ihr glaubt, allen Ernstes, ihr könnt mit eurem Geschreibsel einen Eindruck machen." Die deutsche Buchbranche, deren Protagonisten durchaus wiederzuerkennen sind, wird sich diese Abrechnung mit den "Stewardessenphantasien" des kriselnden Betriebs nicht entgehen lassen.

Allerdings würde man Marlene Streeruwitz weit unterschätzen, nähme man an, es handelte sich um den platten Schlüsselroman einer schlechten Verliererin. Aus der ernüchternden Selbsterfahrung mit dem Buchpreis-Marketingzirkus hat die gewohnt widerborstige österreichische Autorin vielmehr eine raffinierte Versuchsanordnung unter dem Titel Nachkommen. gezimmert. Sie schlüpft in die Haut einer sehr jungen Frau, Nelia Fehn, keine zwanzig Jahre alt und damit definitiv die Jüngste unter den Preisfinalisten. Für Nelia (eigentlich Cornelia) Fehns abgehalfterten Kleinverleger, einen Zyniker von Graden, der ihr konsequent das Du aufzwingt, ist sie das "beste Pferd im Stall". Er rechnet sich allerdings nur "Außenseiterchancen" für ihr Buch aus, weshalb er das Honorar gleich einbehält.

Apropos Buch. Das ist ein Wort, das Nelia Fehn aufbringt; sie stellt nämlich fest, verwundbares Rehkitz im Jagdrevier, das sie ist, dass es gar nicht um ihren Roman geht; nicht um das Lesen von Literatur, sondern um die Vermarktung ihrer Person, buchstäblich, um ihr hübsches Gesicht, das sie ungeschminkt durch die Gegend trägt; um ihren hochgewachsenen Körper, dem sie ein strenges Vegetarierprogramm und Wasser statt Wein verordnet hat, sehr zum Unmut einiger Herren, die sich lieber mit ihr amüsieren würden. Ihr iPhone sucht nach "erlaubten" Restaurants in der Nähe, denn Nelia findet am Buffet der Römerhallen im Anschluss an die Preisverleihung, bei der sie – versteht sich – leer ausgeht, kaum Essbares.

So läuft sie oft hungrig durch Frankfurt, und diesen Hunger muss man, auch, symbolisch verstehen. Sie hungert nach Wärme, innerlich genauso wie äußerlich. Mit dem Temperatursturz hätte sie nicht gerechnet, als sie in Wien ins Flugzeug nach Frankfurt stieg. Am Morgen war sie noch zur Beerdigung ihres Großvaters, am Nachmittag steht sie ohne Mantel in den von schwarzen Limousinen und SUVs durchrasten Hochhausschluchten. Einerseits fügt sich die fiktive Jungautorin Nelia Fehn in die Reihe der an sich selbst zweifelnden Heldinnen von Marlene Streeruwitz; denn auch hier gilt die Überzeugung: "Die jungen Frauen. (...) Es gab keine Norm für sie." Andererseits wirkt gerade jene jüngste Heldin wie eine ideale "Nachkommin", eine literarische Wunschtochter der Marlene Streeruwitz.

Ihr selbst fällt somit, symbolisch gesprochen, die Rolle der Mutter zu – einer toten Mutter allerdings. Die "Ösis" und ihre Morbidität! Der Titel verrät es: Erbe, Erbschaft, Nachkommenschaft – familiär, ökonomisch, sozial, kulturell –, das sind hier die drängenden Themen. Ganz im Sinne des Freudschen Familienromans schreibt Streeruwitz am Unbewussten entlang, und das Unbewusste spricht nicht unbedingt in vollständigen Sätzen. Die Seele gibt den Takt vor, wenn Nelia Fehn fühlt und denkt. Und sie denkt eigentlich die ganze Zeit, zum Beispiel an die schmerzlich vermisste Mutter, die sie im Alter von knapp fünfzehn Jahren verloren hat.

"Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab"

Den leiblichen Vater kennt Nelia Fehn bisher nur als "Frankfurter Kontonummer". Interesse an ihr hat "dieser Mann", wie es in Nelias distanzierter Optik heißt, nie gezeigt. Mehr noch: Er hatte "kein Kind gewollt". Sie weiß das. Aber jetzt taucht er plötzlich auf; im Gewühl der Preisverleihung in den Römerhallen wird er von Nelias Verleger gesichtet. Ausgerechnet Rüdiger Martens, stadtbekannter, einflussreicher Literaturprofessor und Gastgeber einer begehrten Buchmesseparty, ist der Vater seiner rebellischen Jungautorin!

Es kommt einer Überrumpelung, nahezu Entführung gleich, als Martens seine Tochter vom Messegeschehen wegzerrt. Ehe sie sich’s versieht, sitzt Nelia in einem dieser dicken schwarzen Autos, am Steuer ihr aufgeregter Vater, eine grandiose, spitz-böse Szene. Für Nelia bedeutet die Begegnung eine heikle Gratwanderung, die sie, durchaus wider Willen, in Identitätsnöte bringt. Ihr Vater entpuppt sich als "durch und durch altmodischer" Meister der Lüge, und doch: Wie er sich in Rage redet über die Rage ihrer Mutter, da blitzt vergangene Intensität auf.