Zwölf Uhr mittags in einem Schöneberger Café. Er trägt ein bügelfreies weißes Hemd und die berühmte Malcolm-X-Brille. Diedrich Diederichsen, der Vater des deutschen Popjournalismus. Sein unvergessenes Sexbeat (1985) mit dem tollen roten Buchumschlag – zuletzt erschien sein Hauptwerk Über Popmusik. Einer ganzen Generation von Journalisten hat er vorgemacht, dass es möglich ist, klug, funky und auf Deutsch zu schreiben. Gleichzeitig möchte man ihm, dem Poptheoretiker, die verboten klingende Frage stellen, ob es wirklich nötig ist, so abstrakt und schwer verständlich über Popmusik zu schreiben. Er wirkt distanziert, schaut – bis an die Grenze des Unhöflichen – nicht den Interviewer an, sondern zum Fenster hinaus. Er hat jetzt keine Lust, ein Ei zu bestellen. Also nur Kaffee.

Betont simple Frage zum Einstieg: Gibt es einen Radiosender, den der Popmensch Diederichsen erträgt? "Es gibt so Ausflüge im Auto, in denen ich dann doch mal Radio höre. Im Berliner Umfeld geht’s. Richtung Hamburg wird’s dann eher unerträglich." Wir wuchten jetzt einen durch tausend Bedeutungen kontaminierten Begriff auf den Cafétisch: Wann war er das letzte Mal an einem Ort der Subkultur, und wie war’s? "Ach, eigentlich oft. Das letzte Mal vor drei Tagen." Diederichsen erzählt von Clubs an seinem zweiten Wohnsitz Wien, in denen sich DJs, Musiker und politische Aktivisten treffen. Warum ist das Schreiben über Popmusik so kompliziert? "Was ich in meinem letzten Buch schildere, ist schon eine Entdeckung. Das wird nicht allgemein vertreten. Wenn man Vorschläge zur Begrifflichkeit macht, muss man halt begrifflich arbeiten." Versuch, den Geistmensch Diederichsen durch Angucken zu begreifen: Wie würde er seine spezielle Sorte Geist beschreiben? "Ach ja, ich habe ja auch verschiedene Leidenschaften. Ich sortiere und ordne ganz gerne. Und tue auch das Gegenteil. Erst die Abstraktionsleistung, dann die Sache wieder gefährden." Gefragt, welches aktuelle Phänomen der Popmusik ihm auf eine konstruktive Weise unklar sei, nennt er die kuwaitische Musikerin Fatima Al Qadiri. Die schwelge in extrem abgegriffenen warenförmigen Elektrosounds, gut billig, aber eben sorgfältig billig gemacht.

Die schöne Distanz, die er beim Reden hält: Der unruhige Geist hinter den fettigen Brillengläsern, er will flackern, wandern, sich aus dem Fenster flüchten. Hat der Popjournalismus sich zu Tode gesiegt? Also: Findet er nicht, dass in den Politikteilen der großen Tageszeitungen zu viele lustige und funky Texte erscheinen? Hm. Deutsches Politik-Feuilleton lese er nicht so viel: "Vielleicht auch deshalb." Interessiert ihn zum Beispiel, was da in der Ukraine vorgeht? "Mich interessiert das Scheitern von Ideologie. Wenn Nationalisten anderen Nationalisten vorwerfen, Nationalisten zu sein. Oder Faschisten." Wie steht es um die wirkungsvolle Verbindung zwischen Pop und Politik? "Die klappt ja schon länger nicht mehr, genauer, seitdem die Kommunikationswege der hierarchischen bürgerlichen Öffentlichkeit zu Fun-bunt und knallbunt gewechselt sind." Gerhard Schröder etwa sei schon 1998 als Popstar bezeichnet worden.

Wie er den einfachen Text verweigert, im Mündlichen wie im Schriftlichen: Für ihn, den Theoretiker, hört sich das Komplizierte anscheinend einfach richtig an. Will er so kompliziert schreiben? "Mal so, mal so. Manchmal bin ich dankbar, wenn der Lektor da, wo ein Komma steht, einfach einen Punkt setzt. Und manchmal sage ich: Das muss so sein." Er guckt einen plötzlich an. Wie bei vielen tollen Geistern haut es mit dem Lächeln nicht ganz hin. Wir haben uns auf sehr animierende Art null verstanden.