Mitarbeiter der Ärzte ohne Grenzen in Schutzanzügen (Archivbild) © Seyllou/AFP/GettyImages

Anja Wolz kennt Katastrophen von Angesicht zu Angesicht. Sie half syrischen Flüchtlingen im Libanon, zog in Haiti gegen die Cholera ins Feld. Die Nothilfe-Koordinatorin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen war in Somalia, im Sudan und in der Zentralafrikanischen Republik im Einsatz. Sie hat auch schon mehrere Abwehrkämpfe gegen Ebola hinter sich, eines der tödlichsten Viren auf dem Globus. Seit gut drei Wochen aber erlebt sie in Sierra Leone Szenen, die selbst für sie neu sind. Dort, wo Wolz im Einsatz ist, wütet Ebola schlimmer als je zuvor. "An meinem zweiten Tag bin ich in ein Dorf gekommen. Dort lief ein Mann auf mich zu und erzählte mir, dass er fünf Mitglieder seiner Familie verloren hat. Seinen Bruder, seine Frau, seine beiden Kinder und seine Mutter waren in den vergangenen Tagen gestorben", berichtet Wolz. "In einem anderen Ort mit 150 Einwohnern haben wir 47 Menschen positiv auf den Erreger getestet."

Ebola ist in Westafrika angekommen. Der Ausbruch in Sierra Leone und in den Nachbarländern Guinea und Liberia ist der größte seit der Entdeckung des Virus im Jahr 1976. Schon seit ein paar Monaten tobt das Virus im Dreiländereck, zwischenzeitlich schien die Gefahr bereits gebannt. Die europäischen Seuchenexperten vor Ort wollten schon ihre Sachen packen, da explodierten plötzlich die Fallzahlen: Ende März zählte die Weltgesundheitsorganisation 59 Tote, einen Monat später 129, aktuell geht man von mindestens 338 Toten aus. Tatsächlich würden die Opferzahlen aber massiv unterschätzt, glaubt der Virologe Robert Garry von der Tulane University in New Orleans, der ebenfalls in Sierra Leone arbeitet. "Es gab dort sehr, sehr viele Tote, die meisten wurden gar nicht erfasst", sagte er dem Fachblatt Science.

Gerade beobachten die Fachleute einen unheimlichen Flächenbrand, der offenbar nicht zu stoppen ist. Die Lage in Westafrika sei außer Kontrolle, befand Ärzte ohne Grenzen in der vergangenen Woche. Auch wenn nicht jeder dieser Einschätzung zustimmt: Ebola ist verheerend, ein Ende der Epidemie nicht in Sicht.

Kurz erklärt - Wie das Ebola-Virus sich verbreitet

Erst die Reaktion des Körpers macht den Virus so gefährlich

Dabei ist das Virus selbst gar nicht so gefährlich für den menschlichen Körper, seine Opfer sterben tatsächlich an einer selbstzerstörerischen Abwehrreaktion der Immunverteidigung. Einmal in Kontakt mit den Schleimhäuten, dringt es in den Körper vor und vermehrt sich. "Das Virus wächst in Körperflüssigkeiten sehr schnell", sagt der Ebola-Fachmann Stephan Günther vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. "Jeder Milliliter Speichel enthält dann 100 Milliarden Viren." Schließlich schlägt das Immunsystem der Kranken über die Stränge: Der gesamte Körper wird von einer massiven Entzündungsreaktion überrollt (die Experten sprechen von einem Zytokinsturm). Erbrechen und unkontrollierbarer Durchfall sind die Folge. Das erhöht das Ansteckungsrisiko, denn wahrscheinlich ist alles, was die Patienten von sich geben – auch Speichel, Blut und Urin –, massiv mit Viren belastet. Bald treten bei Infizierten Blutgerinnsel auf, dann innere Blutungen, schließlich sterben sie am Versagen innerer Organe oder an einem Hirnödem.

In den vergangenen Wochen flackerten immer neue Infektionsherde auf, inzwischen soll das Virus auch Conakry erreicht haben, die Hauptstadt Guineas. "Wir haben jetzt eine Situation, die in unseren Planspielen einfach nicht vorkam", sagt Stephan Günther. In Hochsicherheitslabors in Hamburg und Lyon wurden Proben von Patienten untersucht, konnten die Experten den Erreger isolieren und zuordnen. Es ist ein Virus vom Typ Ebola-Zaire, ein als besonders aggressiv bekannter Killer, der bis zu 90 Prozent der Infizierten tötet. Beim aktuellen Ausbruch liege die Sterberate bei etwa 70 Prozent, sagt der Virologe Günther. Er leitet auch das European Mobile Lab, eine bewegliche virologische Forschungsstation, in der Patienten in Guinea untersucht werden können.