Früher sollte die Schule auf die Uni vorbereiten, heute müssen das viele alleine schaffen.

Ein Abiturschnitt von 1,0 kann auch eine Last sein: Mit dieser Note im Abschlusszeugnis darf man jedes Fach studieren. "Genau das war das Problem", sagt Maximilian Obst. Er hat im letzten Jahr in Potsdam sein Abi gemacht. Über die Note hat der 18-Jährige sich gefreut, aber: "Ich wusste nicht, was ich studieren sollte." Immerhin, das wusste er, es sollte etwas Naturwissenschaftliches sein, Chemie, Physik, vielleicht Informatik.

Um sich besser entscheiden zu können, hat er sich dann an der TU Berlin für das Programm "Mint-grün" eingeschrieben, ein einjähriges Orientierungsstudium mit Kursen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Maximilian Obst kann im Labor arbeiten, Roboter bauen, Wasserproben analysieren, mathematische Probleme am Computer lösen. Er lernt das System Uni kennen mit seinen Vorlesungsverzeichnissen, Modulen und Punktesystemen, er wird von Tutoren begleitet und beraten. "Man merkt, in welchem Fach man was schafft und ob es einem Spaß macht", sagt er. "Ich weiß jetzt, wie Uni funktioniert."

Vielleicht hätte ein Einserabiturient wie Maximilian Obst es auch ohne Hilfe durch den Uni-Dschungel zum richtigen Fach geschafft. Vielleicht hätte er aber auch erst mal irgendwas studiert, um dann nach ein, zwei Semestern festzustellen, dass es nicht zu ihm passt. Oder er hätte noch später abgebrochen und eine Lehre gemacht. So sinnvoll ein Umweg am Ende sein mag, er kostet Zeit und Geld. Doch die richtige Studienentscheidung fällt jungen Leuten heute schwerer denn je. Nach einer aktuellen Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung fühlen sich 60 Prozent aller Schüler ein halbes Jahr vor ihrem Abschluss noch nicht ausreichend informiert. Sie sind überfordert von der Vielzahl der Möglichkeiten. Es gibt allein 9.558 verschiedene Bachelorstudiengänge in Deutschland, darunter berufsbegleitende, englischsprachige oder duale in Kombination mit einer Ausbildung. Die Schulen, auch das sagen die befragten Studienberechtigten, bereite darauf zu wenig vor. Jeder dritte ist sich überdies unklar über die eigenen Interessen und Fähigkeiten und weiß nicht, welche Kompetenzen für welches Fach eigentlich wichtig sind.

"Wer BA wie Bachelor sagt, müsste auch C wie College sagen"

"Es gibt einen gesellschaftlichen Druck, an die Uni zu gehen", sagt Christian Thomsen, Präsident der TU Berlin, mit über 31.000 Studenten eine der größten technischen Universitäten Deutschlands. "Doch viele wissen gar nicht, was sie studieren sollen." Die Schulzeit wurde verkürzt, das Studium wurde verkürzt – am Ende fehlt die Zeit, Neigungen zu entdecken oder mögliche Defizite auszugleichen. "Früher haben die Unis gedacht: Die Vorbereitung aufs Studium muss die Schule leisten, das gehört nicht zu unseren Aufgaben", sagt Thomsen. Aber das habe sich grundlegend geändert. "Wir müssen Orientierung bieten und Angebote machen, damit jeder, der will, ein Studium auch schaffen kann."

Deshalb ist das Mint-grün-Studium auch offen für alle; es gibt keine Teilnehmerbegrenzung und keine Zulassungsbeschränkung. Derzeit sind 177 Studenten eingeschrieben. Sie können sich ihr Studienprogramm selbst zusammenstellen. Leistungen können auf ein späteres Studium angerechnet werden. Pflicht sind nur die Module zur Studienberatung. "Ein Teilnehmer hat in einem Semester 78 ECTS-Punkte gesammelt, mehr als doppelt so viele wie ein Bachelorstudent in einem Jahr. Ein anderer keinen einzigen", erzählt Christian Schröder, der Projektleiter, "jeder wählt seinen eigenen Weg."