Wer die Europäische Union bewahren will, muss sie erneuern. So oder so ähnlich haben das in den vergangenen Wochen fast alle Wichtigen in Europa formuliert. Ob Matteo Renzi, Angela Merkel oder François Hollande: Die meisten Regierungschefs teilen die Überzeugung, dass eine Reform der europäischen Politik dringend notwendig sei. Nur wenn die EU sich verändere, könne sie verlorenes Vertrauen wiedergewinnen – und die wirtschaftliche Krise überwinden. Auch David Cameron drängt, erst recht seit er seine "Schlacht" gegen Jean-Claude Juncker verloren hat. Kaum stand der Luxemburger als künftiger Chef der EU-Kommission fest, erklärte Cameron wild entschlossen: Er werde seine Anstrengungen, die EU zu reformieren, nun verdoppeln.

So viel rhetorischer Aufbruch war nie. Aber wohin geht die Reise? Was meinen der britische Premier, die deutsche Kanzlerin oder der designierte Kommissionschef, wenn sie von Reformen sprechen? Und meinen sie überhaupt dasselbe?

Zu den Tiefpunkten der jüngeren EU-Geschichte gehört die Sache mit den Olivenölkännchen. Eine Brüsseler Gesetzesinitiative sah ernsthaft vor, auf Restauranttischen künftig offene Olivenölkännchen zu verbieten, angeblich aus hygienischen Gründen. Die Initiative wurde in letzter Minute gestoppt, doch der Schaden war groß. Der Vorschlag wirkte, als wollte die EU-Kommission sich selbst karikieren: eine entfesselte Regulierungsmaschine, die ihre Energie für Albernheiten verwendet. Gestern die Gurkenkrümmung, heute die Olivenölkännchen.

Dabei hatte Kommissionspräsident José Manuel Barroso zuletzt selbst den Anspruch formuliert, die EU solle künftig "große Dinge groß und kleine Dinge klein" machen. Dieser Satz ist seither zu einer Art Leitmelodie geworden. Er findet sich fast wörtlich in vielen Reden und Programmentwürfen für die kommenden Jahre wieder. Das Ziel scheint klar zu sein: Die EU soll sich auf die großen, wesentlichen Fragen konzentrieren.

Welche sind das? Am wichtigsten, auch darüber herrscht weitgehend Einigkeit, ist die wirtschaftliche Entwicklung Europas: die Rückkehr zum Wachstum, weniger Arbeitslose, Wettbewerbsfähigkeit. Neben dem aufgebauschten Streit um den Stabilitätspakt rückt deshalb ein Klassiker der europäischen Politik wieder in den Mittelpunkt: der Binnenmarkt. Vor dreißig Jahren war es Jacques Delors, der legendäre Kommissionspräsident, der Europa mit der Blaupause für eine weitreichende wirtschaftliche Integration aus der politischen Lethargie riss. Nun will Jean-Claude Juncker an dieses Vorbild anknüpfen.

Vom ersten Tag seiner Amtszeit an, so hat es der künftige Kommissionspräsident angekündigt, wolle er sich für die Schaffung eines digitalen Binnenmarkts einsetzen. Hinter dem Schlagwort verbirgt sich ein ehrgeiziges Projekt: Die Agenda reicht von der Abschaffung der teuren Roaming-Gebühren über die Europäisierung von Datenschutz und Urheberrecht bis hin zur Bändigung der amerikanischen Internetgiganten Google, Apple & Co. Gelingt das Unterfangen, stellt Juncker ein zusätzliches Wachstum von 500 Milliarden Euro und "Hunderttausende neue Arbeitsplätze" für die kommenden fünf Jahre in Aussicht.

Das Volk will weniger Bürokratie. Für die Details interessiert es sich nicht

Das wäre tatsächlich ein großer Schritt für die EU und außerdem ein starkes Argument, um die Briten vom Verbleib in der Union zu überzeugen. Der Binnenmarkt gilt auch unter den Skeptikern auf der Insel als Erfolgsgeschichte.

Der digitale Binnenmarkt ist aber auch ein Beispiel dafür, dass Schlagwörter in der Debatte über die Zukunft der EU kaum weiterführen. Denn die Europäisierung der digitalen Wirtschaft ist ein echtes Integrationsprojekt: Sie führt zu mehr und nicht zu weniger Europa. Dasselbe gilt für den geplanten Ausbau des gemeinsamen Energiemarktes – das zweite große Projekt, auf das sich die nächste Kommission nach dem Willen der Regierungschefs, darunter auch Cameron, konzentrieren soll.