Neuris Feliz sitzt auf einem Plastikstuhl im Wartezimmer, er schließt die Augen und hofft auf Gerechtigkeit. Morgens um fünf ist er aufgestanden, hat seinen schönsten Anzug angezogen. Auf dem Highway nach Philadelphia fuhr er durch Regen und Hagel. Um Punkt neun Uhr betrat er das Gerichtsgebäude.

An der Wand im Wartezimmer hängen vier Listen für vier Gerichtssäle, die Liste für Saal 1 ist am längsten. 44 Namen stehen darauf, dahinter je zwei Großbuchstaben, HN für Honduras, GT für Guatemala, MX für Mexiko. Feliz ist Nummer 19, hinter seinem Namen steht DR für Dominikanische Republik.

Dort ist er geboren, in Barahona, aber seit er elf ist, lebt er in Amerika. Heute ist Feliz 30 Jahre alt, er spricht besser Englisch als Spanisch, er liebt Football und Burger. Die USA sind seine Heimat, er hat als Soldat für sie im Krieg gekämpft, Bagdad, ein Jahr lang. Jetzt kämpft Neuris Feliz vor Gericht dafür, dass die USA ihn nicht abschieben.

Feliz’ Name wird aufgerufen, er betritt den Gerichtssaal. Auf einem Podest sitzt Richter Charles M. Honeyman, ein wuchtiger Mann mit Halbglatze und rauchiger Stimme.

"Wo ist Ihr Verteidiger?", fragt der Richter.

"Euer Ehren, das schlechte Wetter, mein Anwalt steht im Stau", sagt Feliz und setzt sich auf die Anklagebank.

Über die Freisprechanlage wird sein Anwalt angerufen. Die Lautsprecherboxen tragen seine Stimme in den Raum. "Der Einbürgerungsantrag meines Mandanten wurde wegen einer schweren Straftat von der Behörde abgelehnt", sagt er. "Wir haben einen Antrag gestellt, dass die Tat meines Mandanten aber gar keine schwere Straftat war."

Dann reden der Richter und der Anwalt in Paragrafen und juristischen Kürzeln miteinander: "USCIS N-400, INA Paragraf 1101 (f), Paragraf 212 (h)."

Vor acht Jahren hat Neuris Feliz aus Eifersucht einen Mann verprügelt. Feliz war gerade aus dem Irak zurück. Er und seine Freundin hatten Streit, sie brach den Kontakt ab. Feliz trank sich Mut an, bevor er zu ihr fuhr, um sich zu versöhnen. Vor ihrem Haus traf er ihren Neuen. Feliz rastete aus – und schlug zu.

Er musste drei Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Haft fing Neuris Feliz von vorne an, die Armee hatte ihn entlassen. Feliz studierte und fand einen Job. Er traf eine Frau, der er genug vertraute, um ihr alles zu erzählen. Sie heirateten, gemeinsam träumten sie von Kindern und einem eigenen Haus. Bis ihn seine Heimat nicht mehr wollte.

"Warum ist die Presse da?", fragt Richter Honeyman und zeigt auf die Reporterin der ZEIT. "Was ist so besonders an diesem Fall?"

"Mein Mandant hat im Irak gedient", sagt der Anwalt durch den Lautsprecher. Honeyman wird rot und poltert: "Was soll das für einen Unterschied machen, ob er im Irak war?! Es ändert nichts, ob er Kriegsveteran ist oder nicht!"

Ohne von seinen Akten aufzusehen, sagt er zu Feliz: "Sie sind entlassen, der Prozess wird vertagt."

Feliz steht auf. "Das war’s", murmelt er, "ich habe keine Chance." Sein großer Wunsch, in Amerika zu leben und endlich US-Bürger zu werden, könnte an diesem Richter scheitern.

Feliz ist einer von Tausenden Ausländern, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 für die USA in Afghanistan und im Irak gekämpft haben. Fast alle sind Lateinamerikaner. Das Militär bot ihnen die Aussicht auf einen amerikanischen Pass – und damit die Sicherheit, nicht mehr abgeschoben zu werden. Einzige Voraussetzung: Sie mussten bereits eine Aufenthaltsgenehmigung, eine sogenannte Greencard, besitzen. Daher werden Söldner wie Neuris Feliz in den USA auch "Greencard-Soldaten" genannt.

Das Söldnertum ist in den USA so alt wie die Armee. In all ihren Kriegen rekrutierten die Amerikaner ausländische Soldaten, um ihre Truppen zu stärken, und immer diente die Staatsbürgerschaft als Köder. Im Amerikanischen Bürgerkrieg kämpften Iren in der US-Armee, im Ersten Weltkrieg waren es Italiener, Russen und Griechen. Im Zweiten Weltkrieg, so steht es in einem Artikel der New York Times , haben die USA alle Deutschen eingebürgert, die bereit waren, gegen die Nazis zu kämpfen.