DIE ZEIT: Herr Abdel-Samad, im Irak wurde gerade ein Kalifat ausgerufen. Was heißt das?

Hamed Abdel-Samad: Die Kämpfer beziehen sich auf den ersten Kalifen nach Mohammed, Abu Bakr, der brutale Kriege zur Rettung des Islams führte. Die Islamisten sehen sich in derselben Situation. Aber noch schlimmer ist, dass viele normale Muslime der Idee eines Kalifats anhängen, in dem Staat und Religion eins sind. Ich warte darauf, dass die weltweiten muslimischen Autoritäten erklären, dass das Kalifat unzeitgemäß ist, weil es zur Gewalt gegen Andersgläubige führt.

ZEIT: Es gibt auch Verse im Koran, die Toleranz gegenüber sogenannten Ungläubigen empfehlen.

Abdel-Samad: Das sind mekkanische Verse aus der Anfangszeit des Islams. Leider werden sie durch die kriegerischen Verse der späteren Phase aufgehoben. In Medina hieß es: Tötet die Ungläubigen! Das ist das Konzept des Gottesstaates. Wer nicht zum Islam konvertiert oder seine Herrschaft anerkennt, wird getötet. Viele Vertreter des politischen Islams in Europa sehen sich in einer mekkanischen Phase, sie verhalten sich friedlich, aber mit dem langfristigen Ziel, das Kalifat zu errichten.

ZEIT: Warum ist Isis so erfolgreich?

Abdel-Samad: Isis hat sich soeben in IS umbenannt: Islamischer Staat. IS vertritt eine Utopie der religiösen Befreiung. Es ist die "richtige" Idee zur "richtigen" Zeit am "richtigen" Ort. Syrien und der Irak sind gescheiterte Staaten, in denen Nationalismus und Panarabismus ausgedient haben und die Demokratie nicht Fuß fassen konnte. Darin liegt die Chance für eine uralte Idee – die Wiederauferstehung der Urgemeinde des Propheten. Nach den arabischen Revolutionen scheint die Selbstbefreiung der Massen möglich, die in einer Dauerkränkung durch den Westen leben. Sie haben das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein in der Geschichte. Darauf gibt IS die passende Antwort.

ZEIT: Zurück zu den Wurzeln des Islams?

Abdel-Samad: Zurück zum Anfang. Viele Araber heute sehen sich in der gleichen Situation wie vor dem Islam: zersplittert, zerstritten, unterjocht von Weltmächten. Im 7. Jahrhundert waren es Byzanz und Persien, jetzt sind es der Westen und Russland. Viele Muslime sehen ihre Regierungen als Vasallen.

ZEIT: Und IS soll sie befreien? Wie können sie an diese kleine Armee glauben?

Abdel-Samad: Weil schon der Prophet Mohammed mit einer Armee ganz Arabien besiegte. Dieser alte Traum wird jetzt im Irak und in Syrien wiederbelebt: eine kleine Armee, die durchmarschiert wie ein heißes Messer durch Butter schneidet.

ZEIT: IS geht brutal gegen Muslime vor. Warum sind die Kämpfer trotzdem populärer als Al-Kaida?

Abdel-Samad: Al-Kaida heißt "die Basis". Das war ein profaner Name für eine Gruppe, die sich im Grunde auf Rachefeldzüge gegen den Westen beschränkte. IS dagegen, also der "islamische Staat", ist ein heiliges Versprechen. Die Weltordnung soll wieder von Gott abhängen und nicht vom Willen der Engländer, Franzosen oder Amerikaner. Es ist eine neue Dimension des Dschihad. IS will raus aus der Defensive. IS ist eine logische Folge des politischen Islams. Seine Vision lautet: Der Islam ist die jüngste, die letzte monotheistische Religion – also das letzte Wort Gottes an die Menschen. Deshalb müssen wir die Welt befrieden durch Islamisierung.

ZEIT: Befriedung durch Krieg?

Abdel-Samad: IS glaubt, Gott habe den Sieg des Islams verheißen und prophezeit diesen Sieg anhand eines ganzen Kataloges von Argumenten: Koranpassagen, Ereignisse aus der Biografie des Propheten und der islamischen Eroberungsgeschichte. IS-Kämpfer orientieren sich streng an der Tradition, wenn sie Ungläubige hinrichten, wenn sie eine Stadt erobern, wenn sie in eroberten Gebieten eine Ansprache halten. Die Tradition ist bindend nicht nur für Fundamentalisten, sondern auch für ganz normale Muslime. Deshalb kann eine Gruppe von 8.000 bis 20.000 Kämpfern durchmarschieren und Verbündete finden. Weil viele Menschen einen alten Traum hegen.

ZEIT: Wenn IS in eine Stadt einmarschiert, wird dort der islamische Staat ausgerufen. Geht das?

Abdel-Samad: Ja. Denn sie etablieren sofort das Gesetz Gottes. Sie verbrennen Zigaretten, peitschen Leute aus, die nicht beten, bestrafen Wucherer. So vermitteln sie der Bevölkerung ein Gefühl des Aufbruchs: Jetzt wird alles anders! Bisher war Korruption, jetzt kommen Recht und Ordnung.

ZEIT: Was ist so verlockend, wenn man als Muslim drakonisch bestraft, gar getötet werden kann?

Abdel-Samad: Sie dürfen nicht vergessen, dass mit dem Sturz von Saddam und mit der Arabellion viel Sicherheit verloren ging. Nach den Diktaturen kam das Chaos, es gab Vergewaltigungen auf offener Straße, es wüteten kriminelle Banden. Die Bevölkerung bekam den Eindruck, dass die Diktaturen doch nicht so schlimm waren, und sehnte sich nach Ordnung. Deshalb wählten die Ägypter die Muslimbrüder, und deshalb bejubeln jetzt manche Muslime die IS in Mossul und Raka. Sie wünschen sich Stabilität. Die Islamisten sagen: Warum hast du Angst vor Gottes Gesetzen, wenn du kein Verbrecher bist? Wir werden deine Hände nicht abhacken, wenn du kein Dieb bist.

ZEIT: Es bleibt aber nicht dabei, dass den Dieben die Hände abgehackt werden.

Abdel-Samad: Das Gesetz verselbstständigt sich. Es liegt in der Logik des Tötens, dass es nie aufhört.