Viele Jahre glaubte Sheida, dass ihr Vater Amir an Krebs gestorben sei. So hat es Maryam, die Mutter, ihr erzählt. Fragen über Amirs Erkrankung mochte Maryam nicht. Beharrte die Tochter auf Antworten, zog sich die Mutter in ihr Zimmer zurück, ließ die Jalousien herunter, legte sich ins Bett und klagte über Migräne. Auch einen Besuch auf dem Friedhof gestattete sie der Tochter nicht. Maryam wollte die Vergangenheit hinter sich lassen und zog 2001 mit Sheida nach Italien, als diese knapp 17 Jahre alt war.

Doch acht Jahre später ändert sich alles. Die umstrittene Präsidentschaftswahl im Iran löst nicht nur im Land selbst heftige Proteste aus, sondern elektrisiert auch die Iraner im Ausland. In Turin sitzt Sheida wie gebannt vor dem Computer und verfolgt die Ereignisse in Teheran. Sie stößt dabei auf Artikel, die über Verhaftungen und Hinrichtungen nach der Revolution 1979 berichten. Auf einer Liste von Inhaftierten, die 1988 bei Massenhinrichtungen in iranischen Gefängnissen getötet wurden, entdeckt sie den Namen ihres Vaters. Ist das ein Irrtum, wie Valerio, Sheidas italienischer Freund, vermutet? Sheida entscheidet sich, ihre Mutter, die wieder im Iran lebt, zur Rede zu stellen.

Die Geschichte von Maryam, Amir und Sheida ist eine von mehreren Schicksalen linker Oppositioneller und ihrer Familien aus dem Iran, die Sahar Delijani in ihrem Debütroman Kinder des Jacarandabaums erzählt. Die amerikanisch-iranische Schriftstellerin, die inzwischen in Turin lebt, weiß genau, worüber sie schreibt. Ihre Eltern nahmen 1979 an den Protesten gegen den Schah teil und engagierten sich danach gegen die islamische Republik. Sahar Delijani wurde 1983, nach der Verhaftung ihrer Eltern, im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis geboren. Mutter und Vater lernte sie mehrere Jahre später kennen. Sie und ihr Bruder wurden von den Großeltern aufgezogen.

Delijani hat ihre Familiengeschichte im Roman in vielen Varianten verarbeitet. Die Elterngeneration darin ist, wenn sie die Haft überlebt hat, derart traumatisiert, dass sie für Jahrzehnte verstummt. Ihre Kinder zwingen sie schließlich, sich der Vergangenheit zu stellen – auch um ihrer selbst willen: "Geheimnisse stehlen einem nämlich die Kindheit. Todesgeschichten waren es, von Männern und Frauen, die am Galgen hingen. Wenn der Tod sich einstellt, schleicht sich die Kindheit davon."

Kinder des Jacarandabaums ist ein fein gewobener Montageroman. Delijani schildert ihre Familiengeschichten nicht linear und chronologisch. Sie baut sie derart ineinander, dass am Ende das Gemeinsame beider Generationen hervorsticht: ihre Zerrissenheit und Traurigkeit infolge der gescheiterten Kämpfe für mehr Freiheit und Demokratie. Die Figuren, ob alt oder jung, agieren zuerst enthusiastisch und energisch, dann entmutigt und depressiv. Dieser für Iraner charakteristische Zustand äußert sich auch in der Sprache des Romans: Sie ist klar, schwermütig, zuweilen lyrisch.

Kinder des Jacarandabaums ist das Psychogramm einer unfreien Gesellschaft. Delijani hat wenig bekannte Seiten der neuesten iranischen Geschichte überzeugend in Einzel- und Familienschicksale transponiert und Opfern wie Überlebenden eine Stimme gegeben. Ihr Aufruf hallt noch lange nach: Zu einem friedlichen Kampf für eine Zukunft in Freiheit gehört auch die Erinnerung an Verbrechen, die bis heute verschwiegen oder geleugnet werden.