Joachim Löw während des Trainings mit der Nationalelf © P. Stollarz/AFP/Getty Images

Der Druck vor dem Viertelfinalspiel der Deutschen gegen Frankreich ist zu spüren im Mannschaftsquartier Campo Bahia. In den Tagen vor dem mühsam gewonnenen Achtelfinale gegen Algerien dröhnte noch Helene Fischers Hymne "Atemlos" aus den Boxen der Strandbar, Kevin Großkreutz spielte Karten und gab Touristen Autogramme, Bastian Schweinsteiger ließ einen gelben Drachen steigen. Doch nun, nach ernüchternden 120 Minuten gegen einen Außenseiter, ist es ruhig geworden um das DFB-Team. Nur einer spricht: Joachim Löw. Dass es in diesen Tagen auch um die Karriere des Bundestrainers geht, lässt er sich freilich nicht anmerken. Früher verfing er sich oft in einem badisch-provinziellen Dozierton, heute wirkt er selbst bei Detailfragen unangestrengt, fast weltläufig.

DIE ZEIT: Es hätte nicht viel gefehlt, und Deutschland wäre bereits ausgeschieden. Sind Sie mit der Leistung Ihrer Mannschaft unzufrieden?

Joachim Löw: Soll ich enttäuscht sein, dass wir weitergekommen sind? Brasilien hat sich erst mit dem letzten Elfmeter für das Viertelfinale qualifiziert! Alle Mannschaften sind jetzt bis in die Haarspitzen motiviert.

ZEIT: Deutschland wäre neben Spanien, Portugal und Italien der vierte Titelkandidat gewesen, der sich von dieser Weltmeisterschaft vorzeitig verabschiedet hätte. Was machen die erfahrenen Trainer bloß falsch?

Löw: Ich kenne die inneren Abläufe und Probleme der anderen Mannschaften nicht. Aber manchmal hängt es an Nuancen. Ich hätte darauf gewettet, dass Spanien niemals in der Vorrunde ausscheiden könnte – vorausgesetzt, sie gewinnen das erste Spiel. Auch, dass sich Italien so früh verabschiedet, hätte ich nicht erwartet. Ganz allgemein gilt: Wir Trainer machen auch Fehler, wir sind nicht vollkommen.

ZEIT: Was hat Ihre Mannschaft gegen Algerien falsch gemacht?

Löw: Wir haben einfache Fehler gemacht, den Ball zu häufig verloren. Wir waren anfällig bei langen Bällen. Aber Kampfspiele wie dieses muss es bei einem solchen Turnier geben. Bei einer WM kann eine Mannschaft nicht immer fantastisch spielen, man muss als Sieger vom Platz gehen – das ist uns gelungen. Wenn man nicht arbeitet, dann wird man es nicht schaffen.

ZEIT: Waren die Spanier, die alles dominierende Fußballnation der vergangenen Jahre, nicht bereit zu arbeiten?

Löw: Die Spanier hätten im ersten Spiel die Chance zum 2 : 0 nutzen müssen. Gelingt ihnen erst mal ein Vorsprung von zwei Toren, sind sie mit ihrem Ballbesitzfußball im klaren Vorteil. Dann fängst du sie als Gegner kaum noch ein. Vielleicht aber wurde das Spiel der Spanier dechiffriert. Die Gegner haben sich auf ihr Spiel eingestellt. Vielleicht fehlte ihnen auch die Entschlossenheit und Effizienz, also das, was sie in den letzten Jahren neben der Dominanz ausgezeichnet hat.

ZEIT: Effizienz kann unattraktiv sein.

Löw: Das stimmt, aber Effizienz führt zum Titel.

Und den WM-Titel muss Joachim Löw liefern, den ist er Fußballdeutschland noch schuldig. Er gilt zwar als großer Reformer, aber auch als einer, der kurz vor dem ganz großen Ziel scheitert. Halbfinale Europameisterschaft 2012, Halbfinale WM 2010 – beide danebengegangen.