Klamottentechnisch kann man nur verlieren, wenn man sich mit Leyla Piedayesh trifft. Also lieber unauffällig anziehen, nicht anbiedernd, nicht offensichtlich modebewusst – einen schwarzen Strickpullover, kurz und etwas eckig geschnitten, wenn man überhaupt von einem Schnitt sprechen kann. Und dann, die Reporterin ist gerade ins Büro des Modeunternehmens Lala Berlin getreten, passiert es doch: Leyla Piedayesh, genannt Lala, kommt sofort näher, begutachtet, fasst an. "Toller Schnitt! Wo haben Sie den her? Zeigen Sie mal. Und der Stoff ... darf ich mal ... na ja ..." Piedayesh hätte – wer ihr Label kennt, weiß es – Kaschmir genommen, oder Mohair.

Wahrscheinlich muss es so sein, wahrscheinlich ist in der Modeparallelwelt nur erfolgreich, wer nicht anders kann, als sofort zu reagieren, sofort einzuordnen, was man da gerade vor sich hat. Sofort die Ideenmaschine anzuwerfen, durchzuspielen, wie dieser Pullover aussähe, wenn er von Lala Berlin geschneidert worden wäre. Diesem kleinen Label, das aus einer Laune heraus entstand und dann international erfolgreich wurde.

Kommenden Dienstag beginnt die Fashion Week in Berlin. Mit den Schauen in New York, Paris, Mailand oder London kann sie noch nicht mithalten, doch die internationale Modewelt guckt hin. Und Leyla Piedayesh ist mittendrin. Sie gehört zu den wenigen Berliner Designern, die im Ausland wahrgenommen werden. Eine, über die die einflussreiche britische Modekritikerin Suzy Menkes mal sagte: "I like Lala Berlin." Eine Art Ritterschlag. Für die Mode in Berlin ist Piedayesh ein Aushängeschild.

Die Geschichte von Lala Berlin begann vor zehn Jahren, 2004, Piedayesh hatte gerade ihren Job beim Musiksender MTV geschmissen und war arbeitslos, auf einer Modemesse präsentierte sie gestrickte Pulswärmer, die irgendetwas hatten, das ihr auf der Stelle die Aufmerksamkeit der richtigen Leute bescherte. "Ich wusste, dass Leylas Sachen gut ankommen werden", sagt Anita Tillmann, Chefin der Modemesse. Die Standmiete von 3500 Euro hatte sie der langjährigen Freundin damals erlassen.

Heute tragen Claudia Schiffer, Cameron Diaz und Heidi Klum Lala Berlin, die Kollektionen hängen in Boutiquen in Paris, London, New York und Tokio. "Ihr Label hat etwas, von dem viele meinen, dass so Berlin aussieht", sagt Melissa Drier vom amerikanischen Modejournal Women’s Wear Daily (WWD). Berlin, das ist rau, ein bisschen schratig, kein Schischi.

Piedayesh, 43 Jahre, wie fast immer in der eigenen Kreation gekleidet, sitzt bei einem ersten Treffen vergangenen Dezember in ihrem Büro hinter dem weißen Schreibtisch, der so groß ist, dass die kleine Frau dahinter zu versinken scheint. Neben dem Schreibtisch sitzt Dolores – ein Chihuahua-Mix, vier Monate alt – in ihrer Höhle, die aussieht wie ein überdimensionaler Hausschuh. Piedayesh hat den Hund seit drei Tagen, sie nennt ihn "Pupsel", einer Mitarbeiterin hat das Tier morgens unter den Schreibtisch gepinkelt. Piedayesh will Dolores erziehen, eine Assistentin soll los, um eine Blumenspritze zu besorgen, damit der Hund eingesprüht werden kann, wenn er bellt. Wenig später stellt die Assistentin eine neongrüne Sprühflasche auf den Tisch, Dolores bellt, Leyla Piedayesh sprüht, der Hund streckt seine Nase genüsslich den feinen Wasserperlen entgegen. Erziehungsmaßnahme fehlgeschlagen.

"Ich will eine gute Führungskraft sein, aber das ist echt schwierig", sagt Piedayesh. Sie verlange viel von sich – immer gebe sie 180 Prozent – aber sie verlange auch viel von anderen. Piedayesh musste lernen, dass jeder eine eigene Leistungsgrenze hat. Sie musste lernen, geduldig zu sein.

Nach der Islamischen Revolution im Iran kam die Familie 1979 nach Deutschland

In der Stadt, in der Hunderte von jungen Designern auf den Durchbruch hoffen, hat es Piedayesh als Autodidaktin relativ schnell relativ weit nach oben geschafft. "In manchen Aspekten hätte ich es vielleicht einfacher gehabt, hätte ich Modedesign studiert", sagt Piedayesh. Stattdessen entschied sie sich für Betriebswirtschaft, weil ihr Vater sich das gewünscht hatte. "Mir hat es sehr geholfen, dass ich was von Zahlen verstehe." Ihr Startkapital waren 6000 Euro, eigenes Geld, erst später beantragte sie einen Kredit. "Geschäftstüchtig zu sein ist kein Schimpfwort für Leyla", sagt die Journalistin Melissa Drier.

Von ihrem Arbeitsplatz blickt Piedayesh auf eine Pinnwand, rechts oben hängt ein Zettel, auf dem mit schwungvoller Handschrift geschrieben steht: "Hiermit vererbe ich alles, was ich habe, meiner Tochter Lou Parisa." Es ist ganz ernst gemeint, andere würden ein Testament beim Notar hinterlegen. In diesem Punkt ist Piedayesh das genaue Gegenteil von Jil Sander, deren Firma im internationalen Modezirkus noch etwas größer ist, diese hochgeschlossene Hanseatin, die nichts von sich preisgibt, außer einer perfekten Inszenierung. Nur wenn es um den Umsatz geht, ist Piedayesh ähnlich zurückhaltend. Nur so viel: "Innerhalb von acht Jahren konnten wir das Auftragsvolumen mit jeder neuen Saison um 50 Prozent steigern." Piedayesh führt 30 Mitarbeiter. Der Umsatz liegt bei geschätzten 2,5 Millionen Euro im Jahr.