Nun soll es freilich, wenn man Gabriel beim Wort nimmt, die Welt gar nicht geben. Das ist natürlich nicht ernst gemeint, was man schon daran erkennt, dass er den Weltbegriff auch nach seiner rhetorischen Entsorgung ungerührt weiter verwendet. Gabriel weist lediglich darauf hin, dass die Welt kein Gegenstand ist, den man von außen in Betracht nehmen oder unter Laborbedingungen erforschen könnte. Das Sein ist eben nicht auf Seiendes zu reduzieren, wie schon Hegel und Heidegger wussten. Die Welt ist vielmehr ein offener, für das menschliche Vernehmen im Ganzen unfasslicher Horizont realisierter und nicht realisierter Möglichkeiten des Fühlens, Erkennens und Handelns. Für ihre Bewohner offenbart sie viele Dimensionen des Wirklichen, die nicht in einer ultimativen Form der Beschreibung erfasst werden können. Juristische, politische, ökonomische, historische, psychologische, grammatische oder ästhetische Tatsachen lassen sich nun einmal nicht mit den Methoden der Physik ermitteln.

Wie andere Autoren auch plädiert Gabriel für einen Beschreibungspluralismus, der mit einem philosophischen Realismus vereinbar ist. Diesen plausiblen Antireduktionismus jedoch rüstet er zu einer "Sinnfeldontologie" auf, die eine Pulverisierung der Welt in unzählige Wirklichkeitsbereiche billigend in Kauf nimmt. Die Frage, wie diese Bereiche miteinander verbunden sind, ob und wie sie sich ein- und ausschließen, überlagern und ergänzen, wird an die "empirischen Wissenschaften" delegiert. Um solche Feinheiten braucht sich der spekulative Ontologe nicht zu kümmern.

Gerade hier aber läge die Herausforderung eines robusten Realismus, der sich den Exzessen eines irre gewordenen Konstruktivismus und eines entfesselten Szientismus gleichermaßen verweigert. Gabriels fröhliche Wissenschaft hingegen begnügt sich mit der Versicherung, die Welt enthalte unendlich mehr Sinn, als der kleine Fritz und die große Philosophie es sich vorzustellen vermögen. Im Vergleich mit Ferraris’ missionarischem Ernst wird diese frohe Botschaft mit einer Nonchalance vorgetragen, die verdächtig an jene Zeiten erinnert, deren Ende die Propheten der neuen Ära verkünden. Mit einem postmoderneren Gestus ist die Postmoderne bislang noch nicht verabschiedet worden.

"Von nichts wimmelt unsere Zeit so sehr als von Ästhetikern", schrieb Jean Paul im Jahr 1804 in der Vorrede seiner Vorschule der Ästhetik. Bevor es wieder – diesmal von neuen Realisten – zu wimmeln beginnt, sei eine Gewinnwarnung ausgegeben: Das Surplus einer "großen Erkenntnis", wie sie Gabriel seinem Publikum anpreist, steht von den Papieren des Neuen Realismus nicht zu erwarten. Dessen Denkungsart vollzieht eine nachholende Revolution; ihre besten Argumente sind längst schon im Umlauf. Innerhalb wie außerhalb der Philosophie ist es schon öfter vorgekommen, dass eine Arrieregarde sich für die neue Avantgarde hielt. Wie sagte doch Nestroy in jenem Satz, den Ludwig Wittgenstein als Motto seiner umstürzenden Philosophischen Untersuchungen vorgesehen hatte: "Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut, als er wirklich ist."