Geduld und Glück: Menschen mit psychischen Problemen brauchen oft beides. Häufig müssen sie monatelang warten, bis ein Therapeut für sie Zeit hat. In vielen Praxen wird erst gar keine Warteliste geführt – wenn ein Platz frei wird, bekommt ihn einfach einer der nächsten Anrufer. Um es bildlich zu sagen: Die Therapiecouchs in Deutschland sind heiß umkämpft, längst nicht jeder findet einen Platz. Und das, obwohl es hier im Vergleich zu anderen Ländern viele Therapeuten gibt.

Drei Monate müssen Menschen mit seelischen Leiden im Durchschnitt warten, bis sie zum ersten Mal mit einem Fachmann sprechen können. Noch einmal drei Monate dauert es, bis sie dann tatsächlich mit ihrer Therapie beginnen können, das hatte eine Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) ergeben. Die Bundesregierung will die Situation verbessern. Länger als einen Monat soll niemand auf einen ersten Termin beim Facharzt warten müssen, so steht es im Koalitionsvertrag. Und die Wartezeit bis zur Therapie soll ebenfalls sinken...

Wir wollten genauer ausloten, wie groß das Problem ist – und wie es um das Ziel der Regierung heute bestellt ist. Von den Patienten selbst wollten wir erfahren, wie es ihnen auf der Suche nach einem Therapieplatz ergangen ist. Für die bisherigen großen Erhebungen zum Thema, auch für die der BPtK, sind nämlich nicht etwa Patienten befragt worden – sondern Therapeuten. Deshalb initiierten wir im Frühjahr eine eigene Umfrage in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Mehr als 3.000 Menschen machten mit; als der Aufruf erschien, kamen die Antworten im Sekundentakt. Und viele Teilnehmer teilten uns nicht nur ihre Wartezeit und die Postleitzahl ihres Wohnortes mit, sondern erzählten auch ihre Geschichte.

Ein Leser schrieb: "Glücklicherweise klappte es nach sechs Monaten mit der Therapie. Ich weiß nicht, ob ich sonst noch leben würde." Sechs Monate oder länger hatte sich jeder Dritte gedulden müssen, von einem Monat Wartezeit oder weniger berichten hingegen nur 27 Prozent. Und es zeigten sich drastische regionale Unterschiede, sowohl zwischen den Bundesländern als auch zwischen Stadt und Land: In Niedersachsen fanden nur 20 Prozent der Teilnehmer innerhalb eines Monats einen Therapieplatz, im Freistaat Bayern hingegen 34 Prozent und in der Metropole München gar 47 Prozent. Ein Leser aus einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein schrieb uns: "Ich habe innerhalb einer Woche einen Termin bekommen. Allerdings nur in Hamburg. In Schleswig-Holstein hätte ich eine Wartezeit von sieben Monaten gehabt."

Diese Ergebnisse und Erfahrungen stimmen in der Tendenz mit den Befunden der BPtK-Umfrage von 2011 überein, an der sich mehr als 9.000 Therapeuten beteiligt hatten. In Großstädten meldeten sie eine Wartezeit von durchschnittlich fünf Monaten bis zum Beginn der Therapie, auf dem Land waren es sieben Monate. Besonders schlecht war die Situation mit acht Monaten Wartezeit im Ruhrgebiet. Verglichen damit, erging es den meisten unserer Teilnehmer sogar noch relativ gut.

Warum der Engpass? Eine Ursache ist die Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundesausschusses der Krankenkassen- und Ärztevertreter. Er hatte vor 15 Jahren ermittelt, wie viele Psychotherapeuten damals durchschnittlich in den Städten und Kreisen arbeiteten, und diese Zahl kurzerhand zur Höchstgrenze erklärt. Dabei legte er nicht (wie für andere ärztliche Fachrichtungen) die Versorgung in der alten Bundesrepublik zugrunde, sondern bezog auch die neuen Bundesländer mit ein, wo wesentlich weniger Therapeuten pro Einwohner arbeiteten. Die Großstädte des Ruhrgebiets wurden gar wie Kreisstädte eingestuft. Auch wenn am Ende doch mehr Kassenlizenzen vergeben wurden, die Wartezeiten sind bis heute oft unzumutbar. "Das ist eine Bedarfsplanung, die keine ist!", schimpft Jürgen Margraf, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.