Jetzt also doch: Die Debatte um die Verleihung der Ehrendoktorwürde an den Whistleblower Edward Snowden in Rostock ist zum Fall für Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) geworden. Juristen in Brodkorbs Ministerium werden in den kommenden Wochen prüfen, ob das Vorhaben der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock, Snowden zum Dr. h. c. zu ernennen, rechtens ist. In den vergangenen Wochen hatten sich die Fakultät und der Rektor der Uni über diese Frage entzweit. Die Fakultät fordert Snowdens Auszeichnung vehement, der Rektor will sie um jeden Preis verhindern – und hatte dies mit juristischen Bedenken begründet, etwa dem Einwand, dass Snowden keine originär wissenschaftlichen Leistungen erbracht habe. Die ZEIT hatte über die Debatte umfangreich berichtet (Nr. 26/14).

Die Sache ist beim Bildungsministerium gelandet, weil sich Rektor und Fakultät auf keinen Kompromiss einigen konnten. "Es ist ein Armutszeugnis für den Rektor, ohne große Not den Minister um Hilfe zu bitten", sagt dazu der Dekan der Philosophischen Fakultät, Hans-Jürgen von Wensierski. Brodkorb selbst äußert sich nicht zu dem Verfahren, lässt aber über seinen Sprecher ausrichten: Sein Ministerium werde keine politische Entscheidung treffen, sondern lediglich eine juristische Bewertung abgeben. Indes hat sich inzwischen eine zweite Hochschule dazu entschieden, Snowden unterstützen zu wollen: Die Freie Universität Berlin will den Whistleblower zu ihrem Ehrenmitglied ernennen. Die Idee dazu kam von Studentenvertretern.

Heftige Auseinandersetzungen sind über Äußerungen des Innenministers von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier (CDU), entbrannt. Dieser hatte sich in der ZEIT gegen die Rostocker Ehrendoktorwürde für Snowden verwahrt und unter anderem infrage gestellt, dass Snowden etwas "für unser Land getan" habe. "Ich sehe nur, dass er sich von Putin für dessen PR einspannen lässt", so Caffier. Und: "Diejenigen Bürger, die sich intensiver mit IT und Datenschutz beschäftigen, wissen das, was wir angeblich von Snowden erfahren haben, doch schon lange." Der Politiker erlebte daraufhin das, was man im Internet gemeinhin einen Shitstorm nennt. "Caffier hat sich mit diesem Debattenbeitrag von gleißender Einfalt aus jedem Diskurs ausgeschlossen", schrieb der Autor und Internetaktivist Sascha Lobo. Konstantin von Notz, Bundestagsabgeordneter der Grünen, kommentierte Caffiers Zeilen als "unfassbar unterkomplex". Katharina Nocun, die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, twitterte: "Absolut beeindruckend, wie viel Bullshit in einen Text passt".

Häme schlug Caffier vor allem für seine Behauptung entgegen, IT-versierte Bürger hätten schon lange gewusst, was Snowden später aufdeckte. Vielleicht könne Caffier ja nun dem Untersuchungsausschuss des Bundestags weiterhelfen, kommentierte die taz, "der ist noch auf der Suche nach Beweismaterial".

Der Präsident der Universität Potsdam, Oliver Günther, schrieb in einem Brief an die ZEIT, die meisten renommierten IT-Experten hätten nichts von der Massenspionage gewusst. "Dafür, dass Snowden uns die Augen geöffnet hat, verdient er größten Respekt und hohe Ehrungen – auch wenn Caffier das alles schon vor Jahren klar war", so Günther, der auch ehemaliger Präsident der Gesellschaft für Informatik ist.