Ein Gedankenexperiment im Hollywoodstil: Gigantische Hubschrauber reißen Luxemburg genau an seinen Grenzen aus Europa heraus und fliegen es nach Süden, wo sie das kleine Land mitten in der Sahara wieder herunterlassen. Dort fügt es sich gleich ein, als Oase inmitten der unendlichen Dünen.

Gabriel Zucman würde das so entstandene Loch in Europa vermutlich leicht verschmerzen. Dafür wäre Luxemburg für ihn richtig platziert. Geht es nach dem französischen Wirtschaftsforscher, ist das Großherzogtum eine Steueroase, die Reichen die Flucht vor dem Fiskus erleichtert und Gegenmaßnahmen verzögert hat. Er denkt deshalb laut darüber nach, Luxemburg der EU zu verweisen.

Aber Moment, fast drei Jahrzehnte hat Jean-Claude Juncker als luxemburgischer Finanzminister und Premier die EU mitgelenkt. Jetzt soll er als Chef der Brüsseler Kommission sogar der europäische Präsident werden. Ja, sagt Zucman, das sei eine "große Enttäuschung" und könne für die Union problematisch werden. Um zu verstehen, warum ein Nachwuchsforscher den Mund derart voll nimmt und sich mit den Mächtigen anlegt, muss man die Steuerflucht näher beleuchten – und das Phänomen Zucman selbst.

Der 27-jährige Franzose forscht im kalifornischen Berkeley und lehrt bald an der London School of Economics – ein Jungstar seines Fachs also. Vor allem aber ist er Teil eines Projekts. Sein Doktorvater, der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty, beherrscht gerade mit der Idee von der unweigerlich wachsenden Ungleichheit die Debatte. Doch mit einem Bestseller soll es nicht getan sein, wie spätestens jetzt klar wird. Piketty und seine Mitstreiter bringen Licht ins Dunkel der Verteilung, damit die Staaten an den richtigen Stellen zugreifen können. "Wir wollen über das Steuersystem des 21. Jahrhunderts nachdenken", sagt Zucman mit dem Selbstbewusstsein, das auch seinen Mentor auszeichnet. Er erkennt jetzt eine historische Chance: "Mit der Finanzkrise ist Bewegung ins Zentrum der Wirtschaftswissenschaft gekommen."

Wie der Meister hat auch der Schüler zu Hause in Frankreich ein leicht verständliches Buch über seine Forschung veröffentlicht. Piketty nannte seinen Wälzer frei nach Karl Marx Das Kapital im 21. Jahrhundert, Zucman folgt mit La Richesse cachée des nations. Enquête sur les paradis fiscaux auf den Spuren Adam Smiths. Mitte Juli bringt Suhrkamp das Buch unter dem Titel Steueroasen auch auf Deutsch heraus. Nach Piketty-Manier hat der Schüler erst einmal akribisch Daten gesammelt und sie mit geschickten Rechenmanövern zu einem Bild der Steuerflucht verknüpft. Diese Untersuchung mischt er mit historischen Studien und kommentierenden Einlagen.

Gabriel Zucman erzählt auf diese Weise eine spannende Geschichte: Schon als europäische Staaten vor rund hundert Jahren die Einkommen stärker besteuerten, begann die Fluchtbewegung, und Länder wie die Schweiz entdeckten das Geschäftsmodell der Steueroase. Seither haben die großen Länder nur halbherzige Anläufe genommen, um den Fluchthelfern das Handwerk zu legen. Die gaben sich zwar gesprächsbereit, aber alle Versprechen, nun ehrlich zu sein, erwiesen sich als leer. Es war bei ihnen wie bei vielen ihrer Kunden aus Deutschland oder Frankreich: Die Gier war größer als die Angst.

Zucman berichtet, wie in den 1970er Jahren schon fünf Prozent des gesamten Finanzvermögens aus Europa auf Schweizer Depots zu finden waren. Im Jahrzehnt darauf wanderte die Vermögensverwaltung vom Finanzzentrum London auch auf britische Kanalinseln, nach Hongkong und Singapur, auf die Bahamas und nicht zuletzt ins beschauliche Luxemburg.

Mit jedem Versuch, das Bankgeheimnis aufzuweichen und die Steuerflucht einzudämmen, wurden die Banker findiger. Als das Ende des Nummernkontos drohte, gründeten sie für ihre Kunden Briefkastenfirmen auf schönen Inseln. Und als die EU-Länder vereinbarten, sich gegenseitig auf Anfrage über fremde Anleger zu informieren, wurden viele Vermögen nach Fernost transferiert. Dann kamen Quellensteuern auf, doch mit steuerfreien Fonds in Luxemburg konnte man ihnen entgehen. Nicht dass die Oasen sich dabei gegenseitig viel Konkurrenz machten, vielmehr spezialisierten sie sich und fanden alle eine lukrative Rolle im globalen Spiel.

2009 verkündeten die 20 führenden Staaten der Welt schließlich das Ende des Bankgeheimnisses. Bedeutete dies beispielsweise das Ende der Schweiz als Oase? Nicht so ganz, seither sind die dortigen Auslandsvermögen laut Zucman um 14 Prozent gewachsen. Wer nun glaubt, das sei legales Geld, wird wiederum enttäuscht. Der Großteil der in der Schweiz und anderswo gelagerten Vermögen wird in den Statistiken zu Hause nicht mehr geführt und also auch nicht deklariert.