Hier also teilen sich Hunderte Weltkonzerne eine Adresse. "Amstelgebouw" steht auf dem beigefarbenen Bürokomplex am Südrand Amsterdams. Sonst nichts. Kein Logo von Gazprom prangt auf der Fassade, keines von Danone, Marks & Spencer oder Saab. Dabei residieren diese Unternehmen und mehr als 2.000 weitere multinationale Konzerne mit ihren Finanzholdings offiziell an diesem Ort. Sie teilen sich Briefkästen mit der Postadresse "Prins Bernhardplein 200, 1097 JB Amsterdam". Dennoch betrete oft stundenlang keine Menschenseele das Gebäude, erzählen Nachbarn. Der Betreiber der Immobilie preist sogar leere Büroflächen an. Tatsächlich arbeiten im Amstelgebouw offenbar fast nur Angestellte einer einzigen Firma: jene der Treuhandfirma Intertrust. Deren Manager wollen aber keine Fragen dazu beantworten, was in diesem Gebäude vor sich geht.

Treuhänder wie Intertrust und Konzern-Massenquartiere wie das Amstelgebouw gibt es zuhauf in Amsterdams Finanzdistrikt am Südbahnhof und an den Grachten rund ums Zentrum. Ihr Geschäftsmodell basiert auf Gesetzen, die die Niederlande zum attraktivsten legalen Steuerparadies der Welt machen – nicht für normale Bürger, wohl aber für multinationale Unternehmen.

Rund 12.000 "besondere finanzielle Einrichtungen", wie sie die niederländische Zentralbank tituliert, oder "Briefkastenfirmen", wie sie der Volksmund nennt, haben Konzerne aus der ganzen Welt in und um Amsterdam gegründet. Starbucks, Ikea, Google oder Volkswagen: Viele bekannte Unternehmen sind mit Finanzierungs- oder Holdinggesellschaften vor Ort, manche haben sogar ein paar Mitarbeiter. Rund 8.000 Milliarden Euro pro Jahr pumpen globale Konzerne in diese Konstrukte oder aus ihnen heraus, gut das Zehnfache des niederländischen Bruttoinlandsprodukts. Das Motto: Gesetze nutzen, Gewinne verschieben, Steuern sparen. Schließlich belastet der örtliche Fiskus bestimmte im Ausland erzielte Einkünfte kaum oder gar nicht. Dazu gehören zum einen Zinsen und Dividenden. Zum anderen Einkünfte aus intellektuellem Eigentum, also etwa aus Lizenzen oder Marken- und Patentrechten.

Steuervermeidern wie Starbucks droht Ungemach durch die EU

Jahrelang hat dieser ganz legale Steuertrick funktioniert, doch nun droht den Steuervermeidern Ungemach. EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia hat etwa Untersuchungen gestartet gegen Starbucks, weil die Kaffeehauskette mithilfe ihres niederländischen Sitzes Hunderte Millionen Euro Abgaben in Großbritannien, Frankreich und Deutschland gespart hat. Außerdem haben die EU-Finanzminister vor zwei Wochen nach zähen Verhandlungen angekündigt, ein erstes von vielen Schlupflöchern zu stopfen. Bislang können die Multis viel Geld sparen, indem sich Tochtergesellschaften innerhalb des Konzerns Kredite gewähren. Der Trick: Die Kredit nehmende Tochtergesellschaft sitzt zum Beispiel in Deutschland und kann die Zinsen von der Steuer absetzen. Dafür fallen Dividenden bei der Kredit gebenden Gesellschaft in den Niederlanden an. Diese aber müssen dort kaum oder gar nicht versteuert werden, sodass für den Gesamtkonzern unter dem Strich eine deutliche Steuerersparnis herausspringt.

Selbst wenn die EU-Finanzminister dieses Modell nun verbieten wollen: Die Konzerne haben weiterhin Möglichkeiten, ihre Steuerzahlungen durch grenzüberschreitende Geldflüsse zu minimieren. "Da bleibt noch einiges an Möglichkeiten übrig", sagt Gaby de Groot. Der Steuerexperte der niederländischen Zeitung Het Financieele Dagblad kann vom Großraumbüro aus, in dem er seinen Schreibtisch hat, durch das Fenster auf das Amstelgebouw blicken. Die Briefkastenfirmen-Hochburg hat gleich auf der anderen Straßenseite ihren Sitz. Seit 2011 untersucht der Datenjournalist die Milliardensummen, die Konzerne durchs Land schleusen. Tausende Geschäftsberichte haben er und ein Kollege durchforstet – und entdeckt: Etwa 90 der 100 weltgrößten Unternehmen haben Finanzholdings in Holland.

Manche dieser Holdings firmieren unter unauffälligen Namen wie BlueLeaf Coöperatie oder auch Holten Finance Company BV. Mit Letzterer mindert der US-Supermarktriese Wal-Mart seine Steuerlast – obgleich der Konzern keine einzige Filiale in den Niederlanden betreibt. Bekanntestes Beispiel aber ist wohl Starbucks. Jahrelang mussten Filialen in mehreren europäischen Ländern auf jeden Espresso oder Cappuccino Lizenzgebühren an die Starbucks EMEA BV in Amsterdam entrichten: sechs Prozent des Umsatzes. Das drückte den Gewinn der Landesgesellschaften drastisch: In Großbritannien zahlte Starbucks von 1998 bis 2011 auf Erlöse von rund 3 Milliarden Pfund lediglich 8,6 Millionen Pfund Gewerbesteuer. Die niederländische Starbucks EMEA BV entrichtete dagegen in Holland später kaum Abgaben auf die Lizenzeinnahmen aus Großbritannien.

Ikea nutzt ein ähnliches Prinzip. Filialen weltweit zahlen Franchise-Gebühren an die Ikea Inter Systems BV in Delft. BV steht für Besloten Vennootschlap, ähnlich der deutschen GmbH. Selbst Showgrößen wie die Rolling Stones oder U2 haben ihren Geschäftssitz in Amsterdam – wo sie Erlöse aus Musikrechten oder Fanartikeln zum Niedrigtarif versteuern. "Dabei werden diese Einkünfte meist überhaupt nicht in den Niederlanden erwirtschaftet", beklagt Sven Giegold, finanzpolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament.

"Wir sind die Finanzdrehscheibe der Welt", sagt der Datenexperte Gaby de Groot. Eine Statistik des Internationalen Währungsfonds gibt ihm recht. Demnach sind die Niederlande weltgrößter Empfänger und Geber von Direktinvestitionen – wegen der vielen BVs, die hier zur Steuerminimierung gegründet werden. Laut einer Studie der US-Nichtregierungsorganisation Citizens for Tax and Justice (CTJ) besitzen 48 Prozent der 500 umsatzstärksten Firmen Finanzholdings im Land von Kaas und Klompjes – mehr als in Singapur oder Hongkong. Laut CTJ machten Niederlande-Töchter von US-Konzernen 2010 Profite in Höhe von 127 Milliarden Dollar, die ohne die steuerlichen Anreize kaum zu erklären sind. Selbst berüchtigte Offshore-Standorte wie die Bermudas (91 Milliarden Dollar) oder die Cayman Islands (51 Milliarden Dollar) folgten weit dahinter.