Die zwei würde man hier nicht suchen, nicht in diesem abweisenden Gebäude an der Drehbahn 36 beim Gänsemarkt, in dessen Innerem einen gekachelte Wände, steinerne Bänke und ein Pförtner hinter Glas empfangen. Nein, diese zwei Dynamiker würde man eher in einem Bürohochhaus aus Glas vermuten, wo die globalisierte Elite die Geschicke der Welt lenkt – und nicht in der Hamburger Justizbehörde, wo schon um 15 Uhr Gestalten zur Stechuhr schlurfen, um ihren Feierabend einzustecken.

Und trotzdem arbeiten sie hier, die beiden Handlanger der Revolution. In einem unscheinbaren Büro unter dem Dach haben sie ihre Laptops aufgeklappt, um dem Journalisten zu präsentieren, was sie so tun. Ihre Augen leuchten vor Erwartung. Der 36-jährige Informatiker André Basten, Anzug und randlose Brille, und der 43-jährige Jurist Asmus Maatsch, Anzug, Krawatte und Hipsterbrille, sind stolz darauf, bei einer der größten Zeitenwenden in Deutschlands Verwaltung eine wichtige Rolle zu spielen. Es geht um den Abschied vom Amtsgeheimnis. Es geht um eine Verwaltung, die ihre Informationen von sich aus der Öffentlichkeit zugänglich macht. Man nennt das Veröffentlichungspflicht.

Ja, da haben sich die Hamburger Behörden etwas Großes vorgenommen, besser gesagt: Die Bürger haben der Verwaltung gesagt, sie solle sich etwas Großes vornehmen. Von sich aus wäre man auf diese Idee wohl nie gekommen. Anfang 2012 startete der Verein Mehr Demokratie! zusammen mit dem Chaos Computer Club und Transparency International unter dem Motto "Transparenz schafft Vertrauen" eine Bürgerinitiative. Das Debakel um die Finanzierung der Elbphilharmonie hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Schnell wurde klar, dass das Volksbegehren die nötigen 15.000 Stimmen bekommen würde. Der allein regierenden SPD wurde angst und bange, weil der Volksentscheid wohl mit der Bundestagswahl 2013 zusammengefallen und eine Steilvorlage gewesen wäre für die Piratenpartei, die damals sehr im Schwange war. Zudem hatte die Stadt in Sachen Volksgesetzgebung schon einige leidvolle Erfahrungen gemacht. Also umarmte man in der Not seinen Feind – und suchte das Gespräch mit den Initianten. Am 13. Juni 2012 wurde das Hamburgische Transparenzgesetz, das bloß 18 Paragrafen umfasst, in einem Schnellverfahren von der Bürgerschaft beschlossen. Schon am 6. Oktober trat es in Kraft.

Nun muss die Verwaltung transparent werden. Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Es geht um Psychologie, es geht um Technik, und es geht um Macht, andere sagen: um Machtverlust. Es sind Menschen wie Asmus Maatsch, André Basten oder auch der Ausbilder Jürgen Wulff, die den Beamten helfen wollen, die Zeichen der Zeit zu lernen.

Aber es gibt auch etwas zu gewinnen. Denn mit dem Transparenzgesetz ist die Freie und Hansestadt in Sachen Offenheit der Behörden führend in Europa. Vorbilder findet man nur im Ausland, in den USA oder Skandinavien. Der Hamburger hat nun also die Möglichkeit, zu kontrollieren, was die Mächtigen tun. Am 6. Oktober dieses Jahres muss das sogenannte Informationsregister online gehen, so befiehlt es der Gesetzestext. Darin werden zum Beispiel alle Mitteilungen des Senats an die Bürgerschaft, das Baumkataster, Verträge der Daseinsvorsorge, behördliche Organisations- und Aktenpläne, amtliche Statistiken, Gutachten, Geodaten, Baugenehmigungen, Subventionen, Zuwendungen und vieles mehr publiziert – und zwar ohne dass jemand danach gefragt hat. Nur personenbezogene Daten und Betriebs- sowie Geschäftsgeheimnisse werden grundsätzlich geschwärzt. Das ist schon ein "großes Ding", wie das Transparenzgesetz in der Verwaltung genannt wird.

Dementsprechend preist der SPD-Senat heute das, was er zähneknirschend hinnehmen musste. Der Hamburger solle dank dieses Gesetzes mit der Verwaltung der Hansestadt "auf Augenhöhe" verkehren können, die Bürger würden dadurch "stärker an der Gestaltung des Gemeinwesens" beteiligt.