ZEIT: Was konnte die Humankapitaltheorie, was andere Modelle vor ihr nicht konnten?

Bernet: Zunächst war sie eine Antwort auf ein Problem der Wirtschaftswissenschaften: Das so genannte Solow-Residuum. So nannte man den unerklärten Restfaktor, der für die volkswirtschaftliche Produktivität zentral schien – für den man aber kein Modell hatte. Die Chicagoer Schule nannte diesen Faktor Humankapital. Damit war zugleich gesagt, dass eine produktivitätsorientierte Wirtschaftspolitik beim Individuum ansetzen musste: bei seiner Ausbildung, bei seiner ökonomischen Natur, bei seinem Streben nach Gewinnmaximierung. Mit der Humankapitaltheorie feierte der Homo oeconomicus eine Wiedergeburt. Die Botschaft war: Um volkswirtschaftlich produktiv zu sein, braucht der Mensch keine Planwirtschaft und keine Gewerkschaften. Indem die Theorie das Individuum als Kapitalträger modellierte, brachte sie den Gegensatz von Kapital und Arbeit zum Verschwinden.

ZEIT: Wie wurde die Idee in der Schweiz aufgenommen?

Bernet: Sie hatte Anlaufschwierigkeiten – unter anderem darum, weil sie von vielen Ökonomen für unwissenschaftlich gehalten wurde. In den sechziger und siebziger Jahren gab es in Europa eine erste Resonanzwelle. Auch in der Schweiz interessierten sich zunächst vor allem Bildungsexperten für die Humankapitaltheorie. Man beklagte die immensen brachliegenden Bildungsreserven oder sprach sogar, wie in Deutschland, von einer "Bildungskatastrophe".

ZEIT: Und in der Wirtschaft?

Bernet: In der Betriebswirtschaft verfing die Humankapitaltheorie erst in einer zweiten Welle, Anfang der 1990er Jahre im Zuge der neoliberalen Wende. Seither ist die Humankapitaltheorie eine Managementlehre. Das hängt auch damit zusammen, dass der Shareholder-Value heute wichtiger ist. Immer mehr Unternehmen gehen an die Börse – und das geht mit Veränderungen in der externen Rechnungslegung einher.

ZEIT: Was bedeutet das?

Bernet: Unternehmen müssen heute nicht mehr einfach nur produktiv sein, wichtig ist auch, dass die Aktienkurse steigen. Mit der Globalisierung der Unternehmensaktivitäten und dem erleichterten Zugang zu ausländischen Kapitalmärkten haben internationale Investoren an Bedeutung gewonnen. Vor allem Großunternehmen bekennen sich heute zunehmend zum Shareholder-Value und zur Corporate Governance. Deshalb versuchen Unternehmen, aber auch Gewerkschaften und Politik, die Angestellten in der Bilanz nicht mehr auf der Kostenseite, sondern auf der Kapitalseite zu führen.

ZEIT: Die Gewerkschaften unterwerfen sich also der neoliberalen Logik.

Bernet: Solange es Gesamtarbeitsverträge gibt, das Tarifwesen besteht und die Gewerkschaften sich grundsätzlich zum Arbeitsfrieden bekennen, müssen sie in die Kapitallogik einsteigen. Bis zu einem gewissen Punkt ist die Humankapitaltheorie ein Hebel, um Arbeitsplätze an einem bestimmten Standort zu sichern. Das erleben wir aktuell bei der Diskussion um die Übernahme von Alstom durch General Electric und die Sorge um die Arbeitsplätze im Aargau. Es geht um das Argument des nachhaltigen Unternehmenswerts.

ZEIT: Was bedeutet das für den einzelnen Arbeitnehmer?

Bernet: Um bei der Rechnungslegung auf der Seite des Kapitals zu erscheinen, muss er seine eigene Performance im Unternehmen dokumentieren und evaluieren lassen.

ZEIT: Mit Erfolg?

Bernet: Ein Problem des Human Resources Managements besteht darin, dass es seinen Erfolg, also den Einfluss seiner Aktivitäten auf die Unternehmensbilanz, nicht klar ausweisen kann. Das ist dem Erfolg dieser Ideologie aber nicht hinderlich.

ZEIT: Und was halten die Angestellten davon?

Bernet: Soweit ich höre – nicht viel. Im besten Fall stört es nicht, im schlechteren Fall hindert es am Arbeiten. Ich hatte im letzten Jahr die Gelegenheit, in Zürich den Film Work Hard Play Hard der deutschen Regisseurin Carmen Losmann einzuführen und an der anschließenden Diskussion teilzunehmen. Das ist ein Dokfilm über die aktuellen Praktiken des HR-Managements. Die Veranstaltungen waren jeweils gut besucht. Die Voten zum Thema waren vernichtend. Die Leute fühlen sich kontrolliert und bevormundet. Alles wird in Zahlen objektiviert, die dann irgendwo wieder eingegeben werden, um irgendwelche Resultate zu erhalten.

ZEIT: Die Humankapitaltheorie ist totalitär geworden.

Bernet: Kann sein, dass es ihr zu Beginn um eine Wertschätzung der Arbeitnehmenden ging. Heute scheint sie vor allem der In-Wert-Setzung derselben zu dienen.

ZEIT: Widerstand ist zwecklos?

Bernet: Manchmal reicht es schon, die Widersprüche einer Idee offenzulegen.